Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

To cancel or not to cancel? Kulturstreit um Cancel Culture

Stand: 23.10.2020 17:56 Uhr

Öffentliche Debatten werden dieser Tage sehr erregt geführt. Das Wort von der Cancel Culture macht die Runde. Dabei geht's um die Absage oder den Boykott von Veranstaltungen oder den Sturz von Statuen.

von Ulrich Kühn

Man will einander den Mund verbieten. Helmut Mauró, Musikkritiker bei der "Süddeutschen Zeitung", hat sich über Igor Levit mokiert. Der sei bevorzugt damit beschäftigt, sich auf Twitter politisch zu äußern und kassiere dafür Aufmerksamkeit und Applaus. Sein Klavierspiel halte diesem Ruhm nicht stand, allem theatralischen Pathos zum Trotz. Es war ein scharf polemischer und verunglückter Text. Nicht so sehr, weil er den Rang des Musikers im Vorbeigehen in Abrede stellte, das muss im Feuilleton möglich sein. Doch der Text enthält Passagen, die man ohne Boshaftigkeit als antisemitisch lesen kann, wenigstens als gedankenlos. Einige Kritiker Maurós verbissen sich allerdings in eine andere Frage: Darf ein Kritiker dem Musiker überhaupt raten, er möge spielen und ansonsten den Mund halten? Die Antwort unter Gelassenen: Natürlich darf er. Man kann ja, was Mauró sagt, für Unsinn halten. Levits Verteidiger sahen es anders. Der Kritiker verlasse das Feld seiner Kompetenz. Es fiel ihnen gar nicht auf: Sie wollten Mauró den Mund verbieten - weil der Levit den Mund verbiete. Ein Zeitstück par exzellence. Aber auch Cancel Culture? Nun, das Pferd sträubt sich, es trabt. Noch galoppiert es nicht.

Noch keine Cancel Culture in Deutschland

Gut möglich, dass ausgeprägte Cancel Culture in Deutschland bisher nicht existiert. Wenn der Auftritt einer Künstlerin abgesagt wird, regt sich Protest. Wenn ein rechtskonservativer Professor die Vorlesung nicht halten kann, wird debattiert. So muss es nicht bleiben. Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk hat in der "ZEIT" beschrieben, welche Auswüchse Cancel Culture in den USA hervorbringt. Er berichtete von Bekannten, die nur mit gedämpfter Stimme ihre wahren Ansichten aussprächen - keine Rassisten, sondern linksliberale Kosmopoliten. Und er erzählte von David Shor.

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Shor ist Datenanalyst. Während der Ausschreitungen nach dem Tod George Floyds, den ein weißer Polizist brutal erstickt hatte, fasste er auf Twitter die "Studie eines schwarzen Princeton-Professors" zusammen. "Schon 1968", so gibt Mounk die Erkenntnisse des Professors wieder, "hätten demnach gewaltsame Proteste dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon zum Wahlsieg verholfen". Darauf wies Shor hin, und deshalb verlor er den Job. Eine aktivistische Twitter-Welle fegte ihn hinweg: Als Weißer habe er nicht das Recht, der "Black Lives Matter"-Bewegung zum Gewaltverzicht zu raten. Seine Firma feuerte ihn.

Wer "noch immer nicht begreift", hört das Fallbeil sausen

So weit sind wir nicht. Ob sich das ändern kann? Da sind der schrille Ton, die rechthaberische Attitüde im Verbund mit starken Appellen an Humanität und Empathie - da ist, mit einem Wort, ein irritierender Widerspruch. Es ist der Widerspruch zwischen menschenfreundlichen Anliegen und der Bereitschaft, jene, die sich nicht anschließen mögen, rigoros abzufertigen. Und weil dieser Widerspruch existiert, ist der Streit, ob Cancel Culture in Wahrheit nur ein rechter Kampfbegriff sei, möglicherweise ein Scheingefecht. Wir haben vielleicht keine Cancel Culture. Doch in Abkanzel-Culture sind wir stark. Dem Diskurs und der als Leitstern beschworenen Empathie bekommt das nicht immer gut.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: To cancel or not to cancel? Kulturstreit um Cancel Culture (11 Min)

Das Herunterputzen, das Verweisen des Missetäters an den ihm zustehenden Platz, nämlich unten, im Staub: Es hat seinen Ort auf der Kanzel. Die Kanzel der Gegenwart ist der Tweet, ihre Kathedrale das Netz. Nicht nur Pöbeln, auch Moralisieren ist hier Volkssport geworden. Neben prämierten Geistesgrößen posten um die Wette: das rechtschreibschwache Vorurteil, die bebende Wut, der kaum kaschierte Hass auf die Dummen, die anderer Meinung sind. Um zu markieren, wie unzulässig ihr Denken sei, braucht es nicht zwingend Argumente. Es genügt zu wissen, dass man selbst "verstanden hat". Wer hingegen "noch immer nicht begreift", hört das Fallbeil sausen: Es kündigt sich an im Klang der Worte "unfassbar", "unerträglich", "unglaublich" und "einfach nur verachtenswert".

Das ist polemisch gesagt. Doch Deutlichkeit steckt der Zeit in den Kleidern. Sie bevorzugt ätzende Schärfe, die mal im Gewand des Henkers, mal im Gewand der Milde auftritt. Eleganz ist weniger gefragt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 25.10.2020 | 19:05 Uhr