Stand: 10.06.2020 15:32 Uhr

Theo Sommer: Der große Chefredakteur der "ZEIT" wird 90

Die Geschichte der Wochenzeitung "Die Zeit" ist untrennbar mit dem Namen Theo Sommer verbunden, der schon 1958 als politischer Redakteur zum Hamburger Magazin stieß. Von 1973 bis 1992 war er fast 20 Jahre lang dessen Chefredakteur, in den 90er-Jahren dessen Herausgeber. Seit 2000 ist Sommer Editor-at-Large bei der "Zeit". Nun wird er 90 Jahre alt. Ein Gespräch mit einem seiner Nachfolger Giovanni di Lorenzo, der seit 2004 Chefredakteur der "Zeit" ist.

Theo Sommer © picture-alliance/dpa Foto: Angelika Warmuth
Theo Sommer wurde am 10. Juni 1930 in Konstanz geboren.

Herr di Lorenzo, Sie sind in die Fußstapfen von Theo Sommer getreten. Was sind das für Spuren, die er Ihnen hinterlassen hat?

Giovanni di Lorenzo: Ich glaube, dass es keinen Redakteur und keine Redakteurin gibt - ausgenommen vielleicht die Gräfin Dönhoff selbst -, die "Die Zeit" über so eine lange Zeit geprägt haben wie Theo Sommer. Wir merken heute noch, obwohl er schon sehr lange nicht mehr Chefredakteur ist, auf wessen Schultern wir da stehen.

Er hat heute noch ein gewisses Mitspracherecht. Wie bringt er sich ein? Ist das der alte Mann, der Sie manchmal zur Weißglut treibt?

Der Moderator und Journalist Giovanni di Lorenzo im Studio von NDR Kultur © NDR
"Wir merken heute noch, auf wessen Schultern wir da stehen", sagt der Chefredakteur der "Zeit" Giovanni di Lorenzo über seinen Vorgänger Theo Sommer.

Giovanni di Lorenzo: Überhaupt nicht. Er ist bei uns jetzt Autor und mischt sich nicht ins operative Geschäft ein. Er ist andererseits so fair, kollegial und wohlwollend gegenüber seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen, dass er sich hin und wieder meldet, um zu loben. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit.

Seine Leitartikel - wahrlich nicht immer gefällige Polit-Prosa - haben "Die Zeit" zu einem "Leitmedium" gemacht, das es seit etlichen Jahren und Jahrzehnten ist. Für was steht er, wohin leitet er?

Giovanni di Lorenzo: Ich glaube, dass er die sozialliberale Ausrichtung des Blattes stark geprägt hat, insbesondere in den 70er-Jahren und Anfang der 80er-Jahre. Er war immer sehr international ausgerichtet, die transatlantischen Beziehungen lagen ihm am Herzen. All das hat er ganz stark geprägt. Wie die Gräfin war und ist er immer noch der Meinung, dass man Leserinnen und Leser mit den Leitartikeln nicht manipulieren sollte, sondern ihnen die Mittel an die Hand geben soll, mit denen man sich eine eigene Meinung bilden kann. Das ist die allerwichtigste Hinterlassenschaft - auch und gerade für mich.

Er hat sich eine Zeit lang sehr aktiv in die Verteidigungspolitik eingemischt. Wie geht das zusammen - der Journalist und der aktive Politiker?

Giovanni di Lorenzo: Das war früher fast gang und gäbe, dass zum Beispiel ehemalige Redenschreiber von Willy Brandt später zu politischen Korrespondenten wurden und über die SPD geschrieben haben. Oder Michael Naumann, der frühere Chefredakteur und Mitherausgeber der "Zeit". Dieser Wechsel und dieses Zurückkommen würde heute große Zweifel an der Unabhängigkeit des Journalisten hervorrufen, auch wenn man nach einem solchen Amt - und vielleicht gerade weil man so ein Amt ausgeübt hat - sehr viel Kompetenz gewinnt. Aber es ist heute nicht mehr zu vermitteln, und deswegen achten wir sehr darauf, dass so etwas nicht mehr geschieht.

Theo Sommer hat - aus dem Schwäbischen kommend - eine Prägung mitgebracht, die im hanseatischen Hamburg, insbesondere in den 50er-Jahren, einigermaßen fremd war. Welche Werte hat er da mitgebracht?

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Theo Sommer im Porträt. © dpa Foto: Daniel Reimann

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Giovanni di Lorenzo: Er hat vor kurzem in einem Interview in der "Zeit" darüber gesprochen, wie die ersten Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches waren. Er war ein überzeugter junger Nazi und war auf einer Adolf-Hitler-Schule, einer Eliteschule für den Nachwuchs. Er hat das Ende des Dritten Reiches zunächst als Niederlage empfunden. Und dann kam ganz schnell das Bewusstsein darüber, was da geschehen war, was ihm nicht aufgefallen war oder was er nicht wissen konnte. Und dann kam die unbändige Lust und der Wille, ein anderes Deutschland zu gestalten, gerade im Zeichen der Aussöhnung mit den früheren Feinden. Mit der Distanz von so vielen Jahren leuchtet das nicht jedem ein, dass man sich so schnell vom überzeugten Nazi-Jungen zum glühenden Demokraten wandeln kann. Es ist sehr schwer, darüber zu urteilen - das würde ich mir auch nicht anmaßen. Jedenfalls ist er jetzt schon unfassbare 62 Jahre bei der "Zeit" - er hat ein Jahr vor meiner eigenen Geburt angefangen. Das spricht für sein Wertesystem und für seine unzweifelhafte demokratische Gesinnung.

Was nehmen Sie von Theo Sommer mit - in Ihren Alltag, an Ihren Schreibtisch?

Giovanni di Lorenzo: Dass Theo Sommer einer der ganz großen Chefredakteure der Nachkriegszeit gewesen ist. Und als einer der ganz Großen war und ist er ein Mann mit sehr vielen Facetten. Ihm ist auch nichts Menschliches fremd. Er hat Fehler gemacht, er hat sich in Widersprüche verstrickt, er hat auch Ansichten vertreten, die falsch waren. Er hat auch Wutausbrüche bekommen, für die er sich dann immer entschuldigt hat. Das macht ihn aber für mich nicht befremdlich, sondern eher ganz besonders sympathisch und bewundernswert. Er ist ein Mensch, hochbegabt - nicht nur als Chefredakteur.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Theo Sommer © picture-alliance/dpa Foto: Angelika Warmuth

AUDIO: Theo Sommer: Der große Chefredakteur der "ZEIT" wird 90 (6 Min)

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NDR Kultur | Journal | 10.06.2020 | 19:00 Uhr