Besucher bei den Theaterformen in Hannover © Theaterformen Presse/Moritz Küstner Foto: Moritz Küstner

Bilanz Theaterformen 2021: Divers, politisch und barrierefrei

Stand: 19.07.2021 08:49 Uhr

Schon vor seinem Start machte das internationale Festival für experimentelles Theater von sich Reden, weil dafür der Innenstadtring von Hannover für die Festivalmeile gesperrt wurde.

von Agnes Bührig

An der Georgetown University forscht Julia Watts Belser zum Thema Behinderung und Klimawandel. Sie selbst ist Rollstuhlfahrerin. In Hannover berichtete sie von den Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen in einer sich wandelnden Welt, hinterfragte Klimagerechtigkeit. Eine Fragestellung, die der Leiterin der Theaterformen, Anna Mülter, wichtig ist: "Die junge Generation macht schon lange gesellschaftlichen Druck, dass wir das Thema endlich mal so ernst behandeln wie es auch ist. Man merkt jetzt langsam, dass die Politik auch darauf reagiert, was ich richtig finde."

Unter dem Titel Stadtlabor verwandelte das Festival die Raschplatz-Hochstraße zum Ort des Austauschs. Rund 30 Initiativen und Akteur*innen machten Programm zu grünen, feministischen und queeren Themen. Statt Autos gab es Infostände und Verweilorte mit Blick über die Innenstadt Hannovers, weithin sichtbar durch eine große Spiegelfläche.

Beeindruckende "Embryo"-Performance von Mira Hamdi

Mira Hamdi zeigt ihre lehmverschmierten Hände bei ihrer Performance "Embryo" © Festival Theaterformen/Mira Hamdi "Embryo"
Mira Hamdi präsentiert ihre Performance "Embryo".

Wer es klassisch theatraler mochte, konnte unter elf internationalen Theaterstücken wählen. Die Bandbreite der Themen reichte vom gemeinsamen Kochen mit Migrationsgespräch über Steine, die die leidvolle Lebensgeschichte von Bergarbeitern in Chile erzählten, bis hin zur aktuellen Situation für queere Menschen in verschiedenen Ländern.

Mira Hamdi, kurz geschorene Haare, gekleidet in einen dunklen Overall, läuft über eine leere Bühne. Immer stärker stampft sich die 26-Jährige in Rage, wirft sich die Fäuste in die Brust. Es ist die Ohnmacht von Vergewaltigung und Demütigung, die sie als Lesbierin im autoritären Tunesien erfahren hat. "Embryo" heißt das Stück, mit dem die Künstlerin ihre Verbindungen zur Heimat kappt und sich in der Fremde neu erfindet: "In der Performance zeige ich, was mir angetan wurde, von meiner Familie, meiner Mutter und der tunesischen Gesellschaft. Jetzt entferne ich ihre Gene, alle Traditionen, alles. Ich erschaffe mich selbst wie ich sein möchte, wie ich bin. Es ist eine Art Wiedergeburt." Ihre Performance ist beeindruckend. Etwa, wenn sie einen schweren Eimer, der von der Decke hängt, durch den Raum schwingen lässt und ihn immer wieder erfolgreich abwehrt. Mit minimalen Mittel schafft sie einen intuitiven Zugang zum Inhalt ihrer Performance.

"TANZ" erinnert an Freak-Show mit Kleinwüchsigen

Produktion "TANZ" von Florentina Holzinger © Festival Theaterformen/"TANZ" Florentina Holzinger Foto: Eva Wuerdinger
Produktion "TANZ" von Florentina Holzinger

Auch bei der Produktion "TANZ" von Florentina Holzinger aus Wien wird geflogen. Mit großem Aufwand segeln splitternackte Balletttänzerinnen auf Motorrädern durch den Bühnenraum, eine von ihnen lässt sich Haken in den Rücken stechen, an denen sie in die Höhe gezogen wird.

Es ist eine vermeintlich feministische Auseinandersetzung mit dem Ballett, die an die Freak-Shows mit Kleinwüchsigen im 19. Jahrhundert erinnert - richtig ärgerlich! Zugleich zeigt es die Stärke dieses Festivals: Eine Theaterform allein macht noch kein gutes Stück.

 

Weitere Informationen
Anna Mülter, Leiterin des Festivals Theaterformen 2021, steht vor dem Büroeingang am Ballhof. © NDR Foto: Agnes Bührig

Theaterformen 2021: Anna Mülters neue kuratorische Handschrift

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.07.2021 | 06:40 Uhr