Stand: 15.04.2020 17:32 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Vorpommersche Landesbühne hofft auf Theatersommer

"Warten auf Godot" wäre eigentlich das Theaterstück der Stunde. Aber während bei Samuel Beckett auf nichts gewartet wird, gehts in den Theatern schlicht darum, einfach wieder weitermachen zu können. In dieser Spielzeit wird sich, davon gehen viele aus, kein Vorhang mehr vor Publikum heben. Die Theater sind dennoch nicht untätig: ein Lagebericht der Vorpommerschen Landesbühne in Anklam.

Die Freilichtbühne in Zinnowitz am Nachmittag: Es wird gebaut und gewerkelt. Männer tragen Gerüstrohre heran, aber eigentlich kann er sich schon sehen lassen - der Wolkenpfad. Ein schmaler Holzsteg, der sich in schwindelerregender Höhe am Bühnendach entlang zieht. Ob die Schauspieler, die da oben singen oder fechten, am Ende schwindelfrei sind, wird sich zeigen. Regisseur Wolfgang Bordel will mit der neuen "Vineta"-Episode hoch hinaus. "Das ist unsere Beziehung zum Himmel. Das heißt, 'Vineta' ohne diesen Zugang zu den Wolken, zum Wind, zum Meer, ohne diese weite Sicht nach vorne, würde nicht funktionieren. Um das symbolisch zu machen, diesen Blick zu öffnen, haben wir uns einen Wolkengang gebaut und werden ihn entsprechend einsetzen."

Neue "Vineta"-Episoden trotz Schließung

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Wolfgang Bordel hofft, dass der Theatervirus stärker ist als Corona.

Trotz der Theaterschließung schreibt Wolfgang Bordel an einer neuen Episode der "Vineta"-Story für die Freilichtbühne in Zinnowitz. "Es geht darum, den vinetischen Reset-Knopf zu finden. Das heißt: Wie schaffen wir es, dass die Geschichte wieder auf Anfang kommt", sagt der Regisseur. "Dazu braucht es die Hilfe der mythischen Figuren. Wenn die Geschichte von vorn anfängt, dann sind sie aber noch gar nicht vorgekommen."

Und landen hoffentlich nicht im schwarzen Loch. Denn ob es Ende Juni zur Premiere kommen wird, das weiß gerade sowieso keiner. Martin Schneider ist erst seit knapp einem Jahr Intendant der Vorpommerschen Landesbühne. "Ich habe mir das erste Jahr ein bisschen einfacher vorgestellt", gesteht Schneider. "Wir haben einige Vorstellungen, die ausgefallen sind. Mittlerweile sind es, glaube ich, 30 Veranstaltungen, die nicht stattgefunden haben. Das merkt man natürlich in der Statistik - auch in der Kasse. Wir hoffen natürlich auf die Landesregierung, dass sie uns aushelfen kann, aber wir schauen noch immer optimistisch in den Sommer."

Schneider: "Wir vermissen unser Publikum"

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Intendant Martin Schneider hat sich sein erstes Jahr etwas einfacher vorgestellt.

In der Zwischenzeit hat das Theater einige Video-Formate erfunden. Schauspieler drehen kleine Filme in Eigenregie. Torsten Schemmel zum Beispiel spielt mit sich selbst in vier verschiedenen Rollen Poker. Auch Mitglieder der Theaterakademie Zinnowitz drehen gerade einen Film. Und für Kinder gibt es Video-Puppentheater. Mit digitalen Angeboten will Martin Schneider den Kontakt zum Publikum halten. Als Ersatz für Theater sieht er es nicht. Theater dürften in dieser Krise nicht aufgegeben werden. "Da ist ein ganz großes Bedürfnis, dass die wieder zurückkommen. Das ist ja das Schöne an der heutigen Zeit, man kann digital mit seinem Publikum kommunizieren", sagt Intendant Schneider. "Die Leute schreiben uns auch rege zurück und sagen, 'wir freuen uns auf die nächsten Besuche, wir freuen uns auf den Sommer, auf die nächsten Theaterabende' - und ja, auch wir vermissen unser Publikum ganz doll."

Hoffnung auf einen Theatersommer

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Leitung und Schauspieler hoffen bald wieder auf der Bühne zu stehen.

Zwei Premieren mussten im März wegen der Pandemie abgesagt werden. Inszenierungen wurden in die kommende Spielzeit verschoben. Andere wieder ausgegraben, falls die Sommerspielstätten doch noch geöffnet werden können. Aber das ist Regierungssache. Obwohl auf der Freiluftbühne Zinnowitz seit vielen Jahren herumorakelt und mit Feenstaub gewirbelt wird, die große Glaskugel ist am Ende nur Requisite. Für "Vineta" würde Martin Schneider sich aber auch auf Experimente einlassen. "Wir könnten zum Beispiel immer einen Sitzplatz zwischen den Leuten freihalten", sagt er. "Wir könnten eine komplette Reihe zwischen den Zuschauern freihalten. Ich denke, da gibt es schon einige Möglichkeiten, die wir schaffen können und hoffen, dass wir in abgewandelter Form, aber auf jeden Fall, einen Theatersommer bieten können."

Denn, ob so viele Urlauber in diesem Jahr nach Usedom kommen können, um die Freilichtbühne zu stürmen, ist ungewiss. Trotzdem stehen hier alle in den Startlöchern. Kommende Woche könnten die Proben beginnen. Wolfgang Bordel weiß auch, wieso das wichtig ist: "Theater ist ja ein ganz positiver Virus. Wir hoffen, dass Theater so viele wie es nur geht ansteckt und dass sie diese Krankheit niemals wieder loswerden." Bleibt zu hoffen, dass das Theatervirus dann auch noch alle anderen Viren kleinkriegt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 15.04.2020 | 19:00 Uhr

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