VIDEO: Eröffnung der Hamburger Kammerspiele dank Ida Ehre (4 Min)

Theater der Menschlichkeit: 75 Jahre Hamburger Kammerspiele

Stand: 10.12.2020 05:00 Uhr

Dieses Haus hat Theatergeschichte geschrieben: In der Hartungstraße im Hamburger Grindelviertel steht der klassizistische Bau der Kammerspiele. Gegründet wurden die Kammerspiele 1918, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie am 10. Dezember 1945 wiedereröffnet.

von Peter Helling

"Man fühlt sich so aufgenommen, das merken Sie ja selber", schwärmt Karoline Eichhorn über die Hamburger Kammerspiele. "Wenn man hier steht nimmt einen das so warm an, finde ich. Dieser Raum ist extrem schön." Die Schauspielerin blickt von der Bühne in den leeren Zuschauerraum. "Es ist die Basis, das merkt man absolut." Schon seit rund 15 Jahren steht Karoline Eichhorn regelmäßig auf diesen Brettern, die vollgesogen sind mit Theatergeschichte. Genau hier hob sich vor 75 Jahren zum ersten Mal nach dem Krieg der Vorhang.

Ida Ehre wird erste Intendantin nach der Wiedereröffnung

Ida Ehre (Mitte) am 2. April 1985 bei einer Probe zu dem Stück "Eine sonderbare Dame" in den Hamburger Kammerspielen © dpa-Bildarchiv
Die große Schauspielerin Ida Ehre eröffnete die Kammerspiele nach dem Krieg.

"Eiskalt saßen die Menschen in Decken und in Mänteln eingehüllt und unser Atem ging runter, und der Atem des wenigen Publikums kam herauf zu uns, da waren so vielleicht 25, 30 Menschen da, und nach drei Wochen war das Theater voll", erinnerte sich Ida Ehre. Sie war das reine Glück für Hamburg: Die große Schauspielerin, die als Jüdin das KZ Fuhlsbüttel überlebt hatte, wagte diesen Schritt, sie eröffnete das Haus, wurde erste Intendantin. Noch lag das Land in Trümmern - sprichwörtlich, aber auch moralisch, nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur. "Dieses ganze Geröll weg, aus einem selbst das Geröll weg, um einen herum alles das, dass man wieder atmen kann mit seinem Verstand, mit seinem Herzen, ohne dass jemand dreinredet, wenn man was sagt", so erzählte es Ida Ehre.

Ein Theater im Herzen des Grindel-Viertels

Hamburger Kammerspiele © Hamburger Kammerspiele
Das Haus liegt mitten im Hamburger Grindelviertel.

Das erste Stück sei "Leuchtfeuer" von Robert Ardrey gewesen, erinnert sich der künstlerische Leiter des Hauses, Sewan Latchinian. Von dem britischen Kulturoffizier, "der Ida Ehre auch sehr geholfen hat bei der Erschließung der Immobilie." Die Immobilie ist ein Theater mittendrin im Wohnviertel im ehemals jüdischen Grindel. Ein Theatersalon, ein Kunst-Wohnzimmer der Bürger. Was muss das damals, am 10. Dezember 1945, für ein Moment gewesen sein, fragt sich Latchinian: "Das sind mit Sicherheit viel, viel schwierigere Schwierigkeiten gewesen 1945, als alles in Trümmern lag". Nur wenige Plätze habe es damals gegeben, und die Menschen hätten frierend im Theater gesessen, weil es keine Heizung gab. Bezahlt worden sei mit Kartoffeln und Briketts.

Kartoffeln und Kohle für die Theaterkunst

Eine Kartoffel, ein Stück Kohle, das bedeutete damals richtig viel, und damit bezahlten die Menschen für Kunst. Kein Preis schien hoch genug, um hier mit Atemwölkchen vor dem Mund Platz zu nehmen. "Das ist genau der Punkt", sagt Karoline Eichhorn mit Blick auf die Corona-Krise und die damit verbundene Schließung der Theater: "Daran sieht man, dass es den Menschen so viel bringt, ins Theater zu gehen, und dass es so wichtig ist, dass wir die Theater so schnell wie möglich wieder aufmachen. Es ist wichtig, und es ist lebensnotwendig."

Theater der Menschlichkeit

Ida Ehre wollte ein "Theater der Menschlichkeit", zeigte Stücke der neuesten Autoren, wie "Wir sind noch einmal davongekommen", "Der Trojanische Krieg findet nicht statt", Sartres "Die Fliegen" und dann natürlich im Jahr 1947 Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Statt mit Nathan oder Faust wagte sie den Neuanfang mit dem Modernsten, was es gab. "Ja, das ist unglaublich, bleibt unglaublich, aber eben auch unglaublich toll, dass wir hier so eine Prinzipalin als Gründungsmythos haben", schwärmt Latchinian. Ida Ehre werde verehrt und ihr Werk werde weiter entwickelt.

Latchinian: Der Schauspieler steht im Mittelpunkt

Sewan Latchinian © Picture Alliance/dpa Foto: Axel Heimken
Der künstlerische Leiter Sewan Latchinian will die Tradition Ida Ehres weiterführen.

Nach Ida Ehres Tod 1989 gerieten die Kammerspiele immer mal wieder in schwere See. Millionär Jürgen Hunke sorgte nach einigen Turbulenzen für die finanzielle Rettung. Und seit 2003 mit der Intendanz von Axel Schneider sind die Kammerspiele wieder in ruhigerem Fahrwasser. Heute sieht sich der künstlerische Leiter Latchinian in der Tradition Ida Ehres: "Ein Theater der Menschlichkeit und Herzlichkeit versuchen auch wir in moderne Formen zu übersetzen, 75 Jahre später", sagt er. "Es steht der Schauspieler im Mittelpunkt, und es gibt selbstverständlich immer wieder brisante Themen und Gegenwartsstücke, mutige Stücke, aber eben auch weiterhin die Pflege der Klassiker."

Festliche Gala zum 75-jährigen Bestehen wird nachgeholt

Karoline Eichhorn © picture alliance / Eventpress / Eventpress MP
Karoline Eichhorn steht seit rund 15 Jahren regelmäßig auf der Bühne der Kammerspiele.

Karoline Eichhorn will unbedingt dabei sein, wenn sich hier - nach der Corona-bedingten Schließung - wieder der Vorhang hebt. Sie wünscht den Kammerspielen zum Geburtstag, "dass Produktionen hier zu sehen gibt, die die Menschen glücklich machen und die die Menschen besser aus dem Theater rausgehen lassen, als sie reingekommen sind."

Die festliche Gala zum 75-jährigen Bestehen soll übrigens im nächsten Frühjahr nachgeholt werden.

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Die Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele, Ida Ehre, in einer Aufführung (undatiertes Foto) © dpa-Bildarchiv

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 09.12.2020 | 19:00 Uhr