Volkstheater Rostock spielt erstmals wieder vor Zuschauern

Stand: 27.03.2021 11:56 Uhr

Als Pilotstadt darf die Stadt Rostock bei anhaltend geringem Infektionsgeschehen testweise Veranstaltungen durchführen. Am Freitagabend gab es die Premiere von "Jugend ohne Gott" vor 102 Zuschauern.

von Matthias Schümann

Dieser Theaterabend beginnt sehr früh. Bereits zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung herrscht Betrieb im geräumigen Flur mit den Garderoben. Die Gäste betreten kleine schwarze Separées und werden von Männern in weißen Schutzanzügen und kleinen Plastikstäbchen erwartet. Ohne Schnelltest kommt niemand in den Großen Saal - zu Hause durchgeführte Selbsttests erkennt das Theater nicht an.

Ein Mann wird auf Corona getestet und bekommt dabei ein Stäbchen tief in die Nase geschoben. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Bernd Wüstneck
Vor der Premiere des Schauspiels "Jugend ohne Gott" am Volkstheater mussten die Besucher an der Garderobe einen Corona-Schnelltest durchführen lassen.

Vor der Kunst kommt das Stäbchen in die Nase. "Das ist ein Kochtest, wenn Sie es genau wissen wollen. Damit gehe ich durch die Nase bis ziemlich weit nach hinten", erklärt einer der Tester. Gewartet wird dann erst einmal draußen. Die Gäste nehmen ihre Masken ab, atmen durch. Nach etwa 20 Minuten gibt es kurz und knapp das Testergebnis.

Trotz Corona-Test: Nur ein Fünftel der Plätze im Volkstheater besetzt

Mit einem blauen Plastikchip als Zeichen für einen negativen Test geht es ins Foyer. Dort stehen durchsichtige Boxen für die Chips und die Zettel mit Namen und Adressen, für alle, die sich nicht über die Luca-App registriert haben.

Dann endlich dürfen die Besucherinnen und Besucher in den Saal. Der ist fast leer - statt normalerweise 500 dürfen 102 Menschen an diesem Abend hinein. Der Regisseur des Abends, Daniel Pfluger, hat große Erwartungen an dieses Pilotprojekt. "Wir können eigentlich nur hoffen, dass das heutige Event eine Richtung zeigen kann, wie in diesen Zeiten Kultur konsumiert werden kann", sagt Pfluger. "Ich finde es wird jeden Tag wichtiger, dass es diese Orte des Austauschs gibt"

"Jugend ohne Gott": Stück über das Nicht-Handeln in einer Diktatur

Zwei junge Männer stehen an einem Tisch und unterhalten bei einem Glas Wein. © Volkstheater Rostock Foto: Dorit Gätjen
Der Lehrer (rechts) im Gespräch mit dem Pfarrer (Ulrich K. Müller) - um weniger Schauspieler auf der Bühne zu haben, wird die Klasse auf die Leinwand projiziert.

Dann endlich beginnt das Theaterstück. Die Bühne ist dunkel, das Mobiliar sparsam, auf den Tischen Radios aus den 30er-Jahren. Die Darsteller tragen zu Beginn übergroße Kindermasken und sehen aus wie Horrorpuppen. Dann betritt der Lehrer die Szene, gespielt von Luis Quintana. Er ist unzufrieden, seine Schüler misstrauen ihm und er hat in einer totalitären Umgebung den Glauben verloren.

Als der Lehrer mit seinen Schülern in ein paramilitärisches Lager fährt, eskaliert die Situation. Der Lehrer vergreift sich am Tagebuch eines Schülers, beobachtet dessen nächtliche Treffen mit einem Mädchen. Dann wird morgens ein Schüler ermordet aufgefunden. Ein Gerichtsverfahren beginnt, der Lehrer verzweifelt an seiner eigenen Handlungsunfähigkeit und seiner Mitschuld: "Ich bin schuld. Ich bin der Stein, über den er stolpert, die Grube, in die er fällt."

Große Teile der Handlung werden live gefilmt und auf eine Leinwand übertragen, die moderne Technik holt das historisch wirkende Stück in die Gegenwart. Manche Szenen spielen versteckt in großen hölzernen Boxen. Zeichen für die Vereinzelung von Menschen, die sich nur noch raushalten wollen aus der Gesellschaft. "Es ist ein Stück darüber, dass wir aufmerksam sein müssen, dass wir nicht weggucken dürfen", sagt Regisseur Daniel Pfluger. "Dass wir unsere Münder aufmachen müssen und sagen müssen, wenn etwas nicht stimmt in der Gesellschaft - wenn sich etwas verschlimmert oder verschlechtert." Beim Publikum sorgt die Inszenierung für Nachdenklichkeit. "Wie schwierig das ist, dass die Menschen sich offensichtlich immer führen lassen wollen", äußert ein Zuschauer.

Modellprojekt am Rostocker Volkstheater: Gelungener Test

Dass der Gang ins Theater verbunden ist mit stundenlangem Maskentragen und Corona-Schnelltests, schreckt das Publikum nicht ab. "Wir hätten lieber ein Glas Wein getrunken als einen Test zu absolvieren. Es ist zwar nicht das Angenehmste, aber es ist wieder Theater. Wenn das öfter passiert, spielt sich das sicherlich alles ein", sagt eine Besucherin.

Der Theaterabend in der Pilotstadt Rostock ist künstlerisch gelungen und auch einen positiven Corona-Test gab es nicht. Am Sonnabend geht es weiter mit dem Programm "Life Letters 2" des Tanztheaters. Danach ist erst einmal wieder Schluss, ob es weitere Aufführungen geben wird, das soll frühestens am Montag entschieden werden.

Weitere Informationen
Das Große Haus des Volkstheaters Rostock © dpa-Zentralbild Foto: Jens Büttner

Kulturpartner: Volkstheater Rostock

Das Volkstheater Rostock ist Kulturpartner von NDR Kultur. Aktuelle Informationen und Aktionen finden Sie hier. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.03.2021 | 07:20 Uhr