Parktheater im Kurhaus Göggingen © picture alliance / imageBROKER Foto: Martin Siepmann

Theater: Aus der Zwangs- in die Sommerpause

Stand: 13.07.2021 15:10 Uhr

Die öffentlich getragenen Theater machen - wie üblich - Sommerpause. Speziell in diesem Jahr verwundert das aber - wo doch viele auf einen Neustart warten. Auch das Oldenburgische Staatstheater macht ab Ende des Monats Sommerpause. Ein Gespräch mit dessen Generalintendanten Christian Firmbach.

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Herr Firmbach, ist die Sommerpause direkt im Anschluss an die Zwangspause das Gebot der Stunde?

Christian Firmbach: Dieser Frage wohnt ein großer Irrtum inne. Wir haben ja nicht in der Hängematte gelegen, sondern wir haben das gesamte Pandemie-Jahr gearbeitet. Wir haben die ganze Zeit produziert und uns bereit gehalten für den Moment, dass wir wieder spielen können. Es war ja nicht so, dass wir einen sicheren Anfangstermin wussten, sondern wir haben uns scheibchenweise durch dieses Jahr gehangelt, mit der Aussicht, dass es eventuell wieder weitergehen könnte. Dafür wollten wir bereit sein.

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Im Übrigen mussten auch die Künstler*innen des Hauses irgendwie in Form bleiben, damit sie ihr Handwerk und ihre Einsatzfähigkeit behalten. Insofern sind wir viel erschöpfter und müder als in einer regulären Spielzeit, weil wir vier verschiedene Spielzeiten geplant, angefangen und verworfen haben. Wir mussten sehr viel psychologische Arbeit leisten, die Stimmung aufrechtzuerhalten. Wir haben Hygienekonzepte rauf und runter erfunden, und das ist gar nicht unsere Kernarbeit. Da haben wir uns alle gemeinsam in der Branche sehr weit nach vorne getastet. Wir sind sehr müde und erschöpft, und es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben und zuzumachen. Ich habe immer gesagt, dass das ein öffentlich getragenes Unternehmen ist, und keiner würde es verstehen, wenn wir aufhören würden.

Aber wäre es deshalb für die Schauspielerinnen, die Tänzer, die Musikerinnen umso wichtiger, jetzt in den regulären Spielbetrieb überzugehen?

Firmbach: Jein. Seit ein paar Wochen spielen wir ja wieder, und das war für mich ein ganz wichtiger Punkt, dass wir in diese Phase kommen würden. Glücklicherweise ist durch die Ferientaktung in Niedersachsen die Spielzeit sehr lang. Wir können im Moment eine gewisse Repertoire-Routine wieder erfahren und zurück erlernen, weil das Hochfahren wesentlich komplizierter ist als das Runterfahren. Damit kann ich einigen Produktionen jetzt Leben einhauchen und sie auf die Bühne bringen. Allerdings tut sich das Publikum nach wie vor noch schwer, ist ängstlich und hinzu kommt der Rhythmus und die Gewohnheit, dass im Sommer die Theater geschlossen sind. Insofern ist es sogar eher gut, dass wir jetzt einen Break haben und im Herbst mit Normalität wieder zurück sind. Ich glaube, dann sind die Leute deutlich zugewandter, wieder ins Theater zu gehen - und geimpft sind dann die Zuschauer*innen in weiten Teilen sowieso.

Viele behaupten, dass die darstellenden Künste verändert aus dieser Krise hervorgehen werden. Haben Sie auch das Gefühl, dass sich bei Ihnen oder bei den Kolleginnen und Kollegen etwas ändert? Ist das eine Rückkehr zum Vorherigen oder ein Aufbruch zu Neuem?

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Firmbach: Wir erfinden uns alle immer wieder neu. Wir haben in der Pandemie sofort reagiert und haben im Digitalbereich versucht, uns irgendwie durchzubeißen. Wir haben viele digitale Angebote gemacht, haben in digitales Equipment investiert, ein Bereich, der ins Filmische geht, wofür wir eigentlich gar nicht qualifiziert sind. Unsere Stärke ist die Live-Bühnenkunst im analogen Raum, im gemeinsamen Erleben. Wir können mit dem Digitalen das analoge Theatererlebnis nicht ersetzen. Aber was uns am Theater immer ausgezeichnet hat, ist, dass wir auf alle Strömungen immer reagiert haben. Denken Sie an die Jugendspaten der Häuser - die gab es vor 20 Jahren so gar nicht. Wir haben heute eine junge Staatstheaterabteilung mit Personal, was wir uns irgendwo rausgeschwitzt haben. Und so haben wir in der Pandemie sofort reagiert und mit aller Kraft versucht, Wege zu finden, den Kontakt zum Publikum weiter zu halten.

Ich glaube, die Relevanz von Theater ist größer denn je, und wir haben gemerkt, welcher Verlust es für uns alle war, kein Theater, keine Konzerte, kein Kino, keine Restaurants, keine Ausstellungen zu erleben. Es ist schade, dass die Politik diese Themen erst sehr spät begriffen hat, weil Kultur immer noch "nice to have" ist, und wenn es schlechte Zeiten gibt, kann man das als erstes lassen. Darüber müssen wir mal nachdenken, ob wir nicht nach der Krise eher eine Stärkung der Kultur brauchen, weil wir gespürt haben, wie sehr sie den Zusammenhalt der Gesellschaft fördert und die Entwicklung von Persönlichkeiten.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.07.2021 | 18:00 Uhr