Stand: 10.09.2020 19:51 Uhr

"The New Institute" - Hamburgs neue Denkfabrik

Vernetzte Forschung, visionäres Denken und innovative Praxis: Diese Paradigmen hat sich ein neues Wissenschaftsinstitut in Hamburg auf die Fahne geschrieben. "The New Institute" ist der knackige Name der Plattform, die "trans-sektional", interdisziplinär und lösungsorientiert arbeiten will. Wie sich diese schillernde Versprechen ausgestalten sollen, darüber spricht die zukünftige wissenschaftliche Direktorin des neuen Instituts, Maja Göpel.

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Frau Göpel, am 1. November treten Sie Ihr Amt am New Institute an. Dafür geben Sie eine andere einflussreiche Position auf - jene der Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, WBGU. Wie schwer fällt das?

Maja Göpel: Das fällt schon schwer. Es waren ganz intensive und bereichernde drei Jahre. Ich habe das Gefühl, dass es auch die perfekte Vorbereitung darauf war, stärker Wissenschaft in Gesellschaft zu leben. Durch die "Scientists for Future" war es für mich sehr eindrücklich zu spüren, wie stark die Nachfrage in der Gesellschaft nach Erklärungen aus der Wissenschaft in Veränderungsprozessen ist. Das hauptamtlich machen zu können, scheint mir im Moment unglaublich zielführend, weil umgekehrt aus der Politik die Signale kommen, dass verschiedene Vorschläge besonders dann umzusetzen sind, wenn aus der Bevölkerung der Rückhalt dafür besteht.

Ziel Ihres neuen Instituts ist es, "neue Antworten auf die drängenden ökologischen, ökonomischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln und gesellschaftlichen Wandel zu gestalten". Glauben Sie, dass Sie hier in Bezug darauf mehr Einfluss nehmen können als in Ihrer Funktion als Beraterin der Bundesregierung?

Göpel: Das wird sich zeigen. Insgesamt brauchen wir an vielen Stellen Akteurinnen und Akteure, die sich einmischen und die etwas versuchen in Bewegung zu bringen. Das ist der Freiraum, den ich an dieser neuen Plattform besonders schätze: ohne Drittmittel einwerben zu müssen, sehr viel stärker auf Gelegenheiten reagieren zu können. Für mich ist das im Moment die zentrale Suche: Wo ist es möglich, den nächsten Schritt zu gehen? Wo öffnet sich ein Fenster der Aufmerksamkeit, eine krisenhafte Situation, wo Veränderung sowieso stattfinden muss? Wie kriegen wir da Ideen für Nachhaltigkeit rein? Ich freue mich sehr auf dieses agilere Handeln.

Welche Forschungsthemen stehen ganz oben auf der To-do-Liste?

Göpel: Ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell muss sich diesen planetaren Grenzen in einer Ernsthaftigkeit stellen, die wir in vielen Bereichen noch vermissen. Die riesige Chance besteht darin, wenn wir ehrlich hinschauen, die Lösungsfindung endlich auf das Problem zu lenken. Seit 40 Jahren haben wir auf der Frage, wie wir Ressourcenverbrauch vom Wachstum entkoppeln können, keine Antwort gefunden. Wir gehen ein bisschen an dem Problem vorbei, indem wir sagen, dass uns das BIP-Wachstum das wichtigste ist, obwohl der Indikator schon längst diskreditiert ist, aus der Ökonomie selbst gut für gesellschaftlichen Fortschritt zu stehen.

Bei uns wird der Fokus also immer sein, wie das Wirtschaftssystem die Erhaltung der planetaren Grenzen unterstützen kann. Und wie kann trotzdem großes Wohlergehen für die Bevölkerung daraus entstehen? Wie kann die Grundversorgung, die uns besonders wichtig ist, verlässlich bereitgestellt werden? Wie kann möglichst viel Freiheit für die Einzelnen entstehen, ihre Akzente zu setzen? Momentan sind viele der Marktstrukturen so, dass besonders die, die Akzente für Nachhaltigkeit setzen wollen, systematisch benachteiligt sind. Deshalb ist da ein starkes politisches Mandat gefragt, um die Bedingungen für fairen Wettbewerb, für Nachhaltigkeit zu verbessern. Dieses Zusammenspiel haben wir genau hier: Wertfragen, die direkt mit Wertschöpfungsfragen zusammenhängen. Wie wollen wir eigentlich definieren, was Wertschöpfung ist, und wie wollen wir das messen? Welche Indikatoren können uns helfen, das auszudrücken? Welche Prozesse braucht es, um diese Veränderung der Rahmenbedingungen voranzubringen? Das soll eine Ökonomie sein, die auch für zukünftige Generationen noch funktioniert.

Auf der Instituts-Website präsentieren Sie Ihr Konzept mit starken Schlagworten: Transsektionales, interdisziplinäres und lösungsorientiertes Arbeiten. Sie nennen Werte wie Care, Courage, Creativity und Commitment: Wie wird diese Zusammenarbeit am Institut konkret organisiert sein?

Göpel: Das ist eine gute Frage, die wir alle noch in den nächsten Monaten herausmendeln werden. Wir beginnen ja erst mit der Arbeit, und die Fellows aus aller Welt kommen erst in einem Jahr, weil es noch so lange dauert, bis das Gebäude fertig ist. Diese Zeit wollen wir konzeptionell für uns nutzen, mit denjenigen, die kontinuierlicher dabei sind, weiterzuarbeiten, die Ausschreibungen zu machen, Workshops mit unterschiedlichen Vordenkerinnen, aber auch Praktikerinnen zu machen, die an diesen Themen für uns federführend sind. Wir wollen uns als ein neues Puzzlestück in einem Ökosystem derjenigen verstehen, die schon auf dieser Suche sind. Wir wollen nichts duplizieren oder neu machen, sondern wollen gucken, was der synergetische Akzent ist, den wir setzen können.

Bis zu 35 Fellows, Denkerinnen und Denker aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Politik, Aktivismus und den Medien sollen auf diesen insgesamt 6.000 Quadratmetern so eine Art Super-WG und Coworking-Space beziehen. Einige Namen stehen schon fest, oder?

Göpel: Markus Gabriel wird für ein Jahr kommen. Aber viele derjenigen, die jetzt assoziiert sind, sind temporär bei uns dabei, um das mit aufzubauen. Die sogenannten Fellows, die dort vor Ort leben werden, werden erst im nächsten Jahr kommen können, weil die Infrastruktur noch nicht da ist. Da laufen jetzt erst die Ausschreibung an.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.09.2020 | 18:00 Uhr