Stand: 24.08.2020 08:55 Uhr

Thalia-Theater: Verblüffende Lösungen für die neue Saison

von Peter Helling

Seit Monaten sind die Theater in Norddeutschland geschlossen. Jetzt zur neuen Saison soll der Spielbetrieb vorsichtig wieder aufgenommen werden. Allerdings ist vieles anderes als vor Corona. Strenge Hygiene-Auflagen und Abstandsgebote haben die Arbeit verändert. Welche Auswirkungen das für die Schauspieler und andere Theatermitarbeiter hat, darum geht es in einer NDR Info Serie. Den Anfang macht das Hamburger Thalia-Theater.

Da wäre zum Beispiel der Bühnenbildner Peter Schubert, der wegen der Corona-Pandemie seinen Entwurf für die Inszenierung des "Geizigen" von Moliére am Hamburger Thalia-Theater über den Haufen werfen musste. "Als eine Abfolge von unvorhergesehenen Katastrophen" bezeichnet er die Lage. Schubert hat seinen Humor nicht verloren. Vor einem halben Jahr hatte er alles fertig, sein Modell war abgesegnet. Gerade als es in Realgröße gebaut werden sollte, kam die Schließung des Theaters. Und: Alle Werkstätten in Kurzarbeit!

Fünf Neonröhren bilden das Wort "Thalia" am Eingang des Hamburger Thalia Theaters. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Joko
AUDIO: Proben in Corona-Zeiten im Thalia Theater (31 Min)

"Dann steht man da erst mal und schluckt"

"Damit hat mich das Theater konfrontiert. Und dann steht man da und schluckt erst mal, man versucht da irgendwie zur reagieren, und dieser Prozess war reichlich chaotisch, weil es so gut wie keine Informationen gab." Er stand vor dem nichts, wortwörtlich. Das alte Bühnenbild zusammenstutzen? Das kam für Peter Schubert nicht in Frage. Denn er weiß: Wenn er anfängt, etwas zu "stutzen", entwickelt er sowieso etwas Neues.

Eine Glühbirne als Anfang von etwas Neuem

Die Folge: Er und das Regie-Team haben sich Zeit von der Intendanz erbeten. Einfach mal in Ruhe nachgedacht. Die neue Idee war denkbar einfach: "Wir haben mit einer Variante angefangen, die dem Schauspieler ganz viel Freiheit gibt. Die Bühne war leer. Sie war einfach leer."

Nicht ganz: In den letzten Monaten, als das Theater stillstand, leuchtete über den Stuhlreihen eine einzelne Glühbirne. Ein Geisterlicht. Um die Geister nachts zum Spielen zu animieren, sagt ein uralter Aberglaube im eh schon abergläubigen Theater. Diese Glühbirne, sagt Schubert, war der Anfang von etwas Neuem. "Von dieser Ecke her dröselt sich alles auf, was wir den größten Teil des Stückes machen." Er liebe Glühbirnen, das sei auch noch ein sehr persönliches Ding, ergänzt Schubert.

Sendehinweis
Beatboxerin Lia Şahin (links) und Theaterregisseur Christopher Rüping bei NDR Kultur zu Besuch © NDR Foto: Pascal Strehler

Premiere: "Paradies" am Thalia Theater

Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit am Hamburger Thalia Theater: Regisseur Christopher Rüping und Beatboxerin Lia Şahin sind unsere Gäste und sprechen über die Premiere von "Paradies". mehr

Inzwischen hat das Team um Leander Haußmann trotz Corona weiter geprobt, digital, in Zoom-Konferenzen. Theater gehe auch ganz einfach - mit Stuhl, Mensch, Text -, sagt der Bühnenbildner. Plötzlich wurde dieses Nicht-Bühnenbild die analoge Entsprechung des digitalen Raums. Aber eine Molière-Komödie, eine saftige Farce über einen unfassbaren Geizhals, braucht die nicht ein bisschen Opulenz? Barocke Kulissen? Peter Schubert lacht. Und räumt ein: "Ganz ohne Bühne geht's dann doch nicht, das kann ich schon eigentlich für mich nicht durchlassen, auf die Schnelle haben wir noch was gebastelt."

Der leere Raum des Thalia wird zur Wunderkiste

Die Komödie rutscht haarscharf an der blutigen Tragödie vorbei. Der Geizhals Harpagon ist so versessen nach Geld, dass er sogar das Glück seiner beiden Kinder riskiert. Jens Harzer spielt diesen Unsympathen, diesen Harpagon.

Jens Harzer © picture alliance/APA/dpa Foto: Herbert Neubauer
Jens Harzer spielt den Harpagon im Stück "Der Geizige oder Die Schule der Lügner von Molière" am Thalia Theater in Hamburg (Regie Leander Haußmann).

Peter Schubert ist die Vorfreude auf seine große Überraschung, auf seinen großen Showdown anzumerken: "Ich kann nur so viel verraten, dass da plötzlich eine ganz andere Theaterform entsteht, und das hat mit einem Vorgang in dem Stück zu tun. Das Stück treibt auf eine Spitze hinaus, das ist der Verlust des Geldes für Harpagon." Danach sei es für ihn vielleicht so, als wäre er im falschen Stück mit den falschen Dekorationen. "Es ist kein Video, keine Stahl-Technik, es ist nichts Computer-gesteuertes, nichts Animiertes, es ist ganz einfaches Theater!"

Peter Schubert, der Bühnenbildner, der schon mit den ganz großen Regisseuren wie Frank Castorf, Ruth Berghaus gearbeitet hat: Er entwirft also so etwas wie die Möglichkeit eines Bühnenbildes? Aus der Leere des Bühnenraums? "Das kann man so sagen, dafür, dass wir kaum Werkstatt-Kapazität haben, haben wir das Maximale rausgeholt."

Klingt ein bisschen nach dem biblischen Schöpfungsprozess, auf rund 200 Quadratmetern Bühnenbrettern.

Weitere Informationen
Szene aus dem Stück "Opening Night" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer

"Opening Night": Würdige Premiere im Thalia Gaußstraße

Eine würdige Eröffnungsnacht: Das Hamburger Thalia Theater Gaußstraße ist am Sonntag mit dem Stück "Opening Night" in die neue Saison gestartet - unter Corona-Bedingungen und open air. mehr

Der Geizige oder Die Schule der Lügner von Molière

Regie: Leander Haußmann
Bühne: Peter Schubert
mit
Jens Harzer (Harpagon)
Steffen Siegmund (Cléante)
Rosa Thormeyer (Mariane)
Pascal Houdus (Valère)
Toini Ruhnke (Elise)
Marina Galic (Frosine)
Sebastian Zimmler (La Flèche / Anselme)
Tim Porath (Maître Jacques / Maître Simon)

Premiere am 12.09.2020, 19:00 Uhr im Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg (Ggf. noch Restkarten: (040) 328 144 44 oder Abendkasse)
Weitere Vorstellungen: 13. und 22.09., 19 Uhr und 24.09., 20 Uhr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 24.08.2020 | 08:55 Uhr

Theater in Zeiten von Corona

Ein Mann in blau und eine Frau im gelben Kostüm stehen auf einer abgedunkelten Theaterbühne. Im hintergrund stehen Kisten. © Theater Lübeck Foto: Olaf Malzahn

Theater Lübeck: Mit Abstand in die neue Saison

Das Theater Lübeck nimmt den Betrieb wieder auf. Mit einem Doppelprogramm startet die neue Saison. Die Abstandsregeln sind bei den Proben und den Aufführungen eine Herausforderung. mehr

Zwei Schüler begrüßen sich mit einem Ellenbogen-Kick. © Colourbox Foto: Volurol

Corona: Leben zwischen Nähe und Distanz

Die Corona-Pandemie sorgt für große Unsicherheit. Selbst bei der Begrüßung sind wir noch auf der Suche nach Konventionen. Wie wird sich das auf unsere Gesellschaft auswirken? mehr

Weiße Plastikstühle stehen mit klarem Abstand in einem Park, im Vordergrund sieht man ein Absperrband. © photocase.de Foto: streifenkaro

Ein Jahr Kultur trotz Corona

Bilanz, Befürchtungen und Perspektiven. Der Themenschwerpunkt schaut auf ein Jahr Corona und die Auswirkungen auf die Kultur. mehr