Stand: 26.04.2019 14:02 Uhr

"Checkpoint Woodstock": Die letzte Utopie

von Katja Weise

Marina Davydova ist Theaterkritikerin und Autorin, leitet das Moskauer Net-Festival und war 2017 Direktorin des Schauspielprogramms der Wiener Festwochen. Außerdem ist sie eine enge Freundin des russischen Theatermachers und Regisseurs Kirill Serebrennikow, der vor Kurzem zwar aus dem Hausarrest entlassen wurde, gegen den in Moskau aber immer noch ein Prozess läuft. Jetzt bringt sie auf der kleinen Bühne des Hamburger Thalia Theaters in der Gaußstraße erstmals ein eigenes Stück auf die Bühne: "Checkpoint Woodstock".

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"Checkpoint Woodstock" ist das erste Theaterstück von Marina Davydova.

Die Idee ist ziemlich verrückt: Ausgerechnet in Moskau soll anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Woodstock Festivals ein Woodstock-Museum eröffnet werden - unter der Schirmherrschaft der beiden Präsidenten Putin und Trump. Das Porträt von Putin hängt schon im Foyer, das von Donald Trump folgt. Mit Flagge.

"Im Moment können wir sagen, dass Woodstock die letzte Utopie war. Ich glaube nicht, dass es so etwas in Zukunft noch einmal geben wird. Es ist keine Zeit für Utopien, die viele Menschen verbinden. Vor allem in den westlichen Gesellschaften sind wir viel zu zerrissen", sagt Davydova.

Ein Lehrstück russischer Geschichte

Für ein anderes Projekt hat sich Marina Davydova im vergangenen Jahr mit der Russischen Revolution beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit Woodstock, sagt sie, sei für sie nun die logische Konsequenz: Wofür steht dieses Aufbegehren gegen ein Establishment, diese aus ihrer Sicht letzte linke Utopie von einem friedlichen Miteinander und vor allem - "Checkpoint Woodstock" ist auch ein Lehrstück in russischer Geschichte - welche Auswirkungen waren in Russland, in der Sowjetunion spürbar?

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Marina Davydova ist als Theaterkritikerin und Autorin tätig. Mit "Checkpoint Woodstock" hat sie nun ihr erstes Stück auf die Bühne gebracht.

"Der Geist dieser ganzen Epoche erreichte uns eher wie ein Virus. Quasi via Tröpfchenübertragung über den Ozean hinweg trotz der fest abgeriegelten Grenzen", sagt der von Felix Knopp gespielte Museumsdirektor auf der Bühne. Er, leicht angegraut und bebrillt, Typ frustrierter Linker, lädt zu einem Nostalgietrip ein und gehörte damals zu den "Infizierten", die zunächst heimlich die Beatles hörten. Einige Platten gab es später auch in der Sowjetunion, notdürftig kaschiert durch ins Russische übersetzte Titel.

"Geschichte wiederholt sich"

Trotzdem, so die bittere Diagnose von Marina Davydova, habe es nie eine russische Gegenkultur gegeben. Insofern erzählt "Checkpoint Woodstock" von gescheiteren Revolutionen und verlorenen Illusionen, von einer gesellschaftlichen Paralysierung, vom Verlust der Freiheit. Vor allem in Russland: "Wir haben keine Hoffnung. Es ist eine sehr deprimierende Situation. Geschichte wiederholt sich. Es gibt viele Einschränkungen, viel Druck. Wir spüren das täglich, auch bei der Zeitung, die ich leite. Im Moment geht es ein bisschen besser, aber es ist schwierig. Trotzdem: Solange es geht, musst du tun, was du tun kannst in diesem Land", so Davydova.

Russischer Regisseur stand unter Hausarrest

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Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow stand anderthalb Jahren unter Hausarrest.

Dass ihr guter Freund, der Theaterleiter und Regisseur Kirill Serebrennikow nicht mehr unter Hausarrest steht, ist für Marina Davydova kein Zeichen dafür, dass sich die Situation in Russland entspannt oder es gar wieder mehr Freiheit für Künstler und Andersdenkende gebe: "Eine wirkliche Liberalisierung wird es erst geben, wenn alle politischen Gefangenen freigelassen werden. Und davon gibt es viele. Wann das sein wird? Vielleicht nie", sagt sie. "Solange ich in Russland arbeiten kann, werde ich in Russland bleiben. Das heißt nicht, dass ich nicht weiter gerne in anderen Ländern arbeiten werde. Aber ich habe in Russland einige sehr wichtige Projekte und im Moment hoffe ich, die weitermachen zu können. Es ist sehr wichtig für mich, in diesem russischen Kontext zu bleiben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.04.2019 | 07:20 Uhr

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