Stand: 12.02.2018 09:34 Uhr

Texthouse - Einblick in die Booklet-Schmiede

von Anina Pommerenke

Da macht das Herz schon einen kleinen Hüpfer, wenn bei der Grammy-Verleihung auf einmal der eigene Name genannt wird. Zu dieser besonderen Ehre ist vor wenigen Wochen Jochen Rudelt aus Reinbek im Kreis Stormarn in Schleswig-Holstein gekommen. Der Gewinner in der Kategorie "Bestes historisches Album", Produzent Robert Russ, dankte nämlich "Jochen", der mit seiner Firma texthouse das Booklet der ausgezeichneten Leonard-Bernstein-CD-Box gestaltet und das gesamte CD-Projekt redaktionell betreut hat. Wir haben uns das Büro in Hamburg genauer angeschaut.

Texthouse - hinter den Kulissen

Seit 16 Jahren betreut die Firma am Rödingsmarkt in Hamburg redaktionell alle möglichen CD- und DVD-Veröffentlichungen mit klassischer Musik. Die Mitarbeiter kümmern sich um die Booklets, die den CDs beliegen, aber auch um Untertitel für Opern oder Musikdokumentationen. Vier feste und fünf freie Mitarbeiter arbeiten hier - in Zeiten von MP3 und Musikstreaming.

"Texthouse ist ein Fossil, muss man in gewisser Weise sagen", stellt Rudelt fest und fügt hinzu: "Wir denken und arbeiten eigentlich noch, wie vor 30, 40, 50 Jahren in der Schallplattenbranche gearbeitet wurde. Und für die Klassik hat das noch einen eigenen Wert und eine eigene Berechtigung, weil dieser Qualitätsanspruch an die Klassik sich nicht verändert hat."

Partituren studieren, Satzbezeichnungen kontrollieren

Egal, ob mehrsprachiger Kommentartext, Cover, Repertoirelisten oder Grußwort: Jedes Wort der Produktionen geht durch die Hände der Redakteure. Sie beauftragen weltweit Fachautoren und Übersetzer, lektorieren und übersetzen selbst. Sie studieren Partituren, um zum Beispiel Titel und Satzbezeichnungen zu kontrollieren. Sie wälzen die Fachliteratur, um Zusammenhänge zu prüfen oder recherchieren dafür im Internet. Dann tragen sie sämtliche Daten am Computer direkt in das finale Layout ein - auch viele Zahlen, wie beispielsweise Titellängen. Da braucht es schon Geduld, denn am Ende soll das Produkt natürlich fehlerfrei sein.

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Jochen Rudelt hält stolz die mitgestaltete Leonard-Bernstein-LP in den Händen.

"Ich habe schon manchmal die Mutmaßung, dass ich damit ins Guinness-Buch könnte, als Lektor, der die meisten CDs durchgeknödelt hat - also sagen wir mal die meisten Klassik-CDs. Allein in einem Jahr sind es schon 500 bis 800 CDs, schätze ich mal", überschlägt der Firmen-Chef. Und die stapeln sich in den Büro-Räumen schon bis unter die Decke.

Zu den Kunden von texthouse gehören die Labels Sony Classical und die Deutsche Grammophon, aber auch die Berliner Philharmoniker oder das Royal Opera House in London. Die Mitarbeiter verbindet nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch die Liebe zur Musik, so wie bei der Assistentin der Geschäftsführung Jule Kunze: "Ich komme mit Musik her, ich habe Kopfhörer jeden Tag auf, und wenn ich nach Hause fahre, habe ich Musik auf den Ohren - ohne Musik geht gar nichts bei mir." Zu Weihnachten gibt es deswegen auch einen musikalischen Weihnachtsgruß statt Weihnachtskarte. Da wird dann schon mal Mozarts Kleine Nachtmusik in der Büro-Version dargeboten.

Hingabe für Musik besonders wichtig

"Die Liebe zur Musik ist hier wirklich ganz ausgeprägt, und auch der Austausch darüber", erklärt Rudelt. "Wir lachen dann auch oft über irgendwelche Eigenheiten. Über uns kann man sicherlich auch jede Menge lachen. Aber das ist dann erfrischend und hält die ganze Sache lebendig."

"Gerade in stressigen Zeiten", betont er, "ist diese Hingabe an die Musik ganz besonders wichtig für den Job. Er ist zum Teil sehr hart. Die Zeitvorgaben sind oft extrem kurz. Da muss man schon sehr stressfest sein. In solchen Momenten hilft es sehr, wenn man sich für das Produkt begeistert und die Musik selbst."

Rechnet man die Arbeit aller beteiligten Autoren, Übersetzer und Redakteure zusammen, dann stecken gut und gerne mal 20 Arbeitstage in einem Booklet, wie bei der mit einem Grammy ausgezeichneten Produktion über Leonard Bernstein als Komponisten.

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"Der Herr der Booklets" begutachtet eines seiner Exemplare.

"Natürlich ist es ein gewisser Stolz, aber der Stolz war auch vorher schon da. Ich wusste einfach, wie viel Arbeit und auch Liebe letzten Endes in das Produkt geflossen ist. Natürlich ist das eine tolle Anerkennung, wenn dann so ein Preis daherkommt, aber die Freude über das fertige Produkt war auch schon vorher da. Trotzdem: Die Erwähnung bei der Grammy-Verleihung bleibt natürlich etwas ganz Besonderes, und dafür gab es auch einige Glückwünsche. Erstaunlicherweise besonders aus dem Verwandtenkreis - damit hatte ich gar nicht gerechnet, dass ich in der Familie so gehypt werde damit. Das war eine lustige Erfahrung", erinnert sich Rudelt.

Und so werkelt und kickert das texthouse am Rödingsmarkt fleißig weiter, mit Blick auf den Michel und die Elbphilharmonie.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 12.02.2018 | 09:20 Uhr

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