Eine Hand stöbert durch Karteikarten © picture alliance / dpa Foto: Henning Kaiser

Provenienzforschung: "Gesellschaftliches Interesse gewachsen"

Stand: 14.04.2021 17:39 Uhr

Der Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. ruft bereits zum dritten Mal den Tag der Provenienzforschung aus. Die Kunsthistorikerin Annette Baumann ist eine der Initatiorinnen.

Eine Hand stöbert durch Karteikarten © picture alliance / dpa Foto: Henning Kaiser
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Frau Baumann, was will und kann ein solcher Tag der Provenienzforschung? Warum braucht es einen solchen Aktionstag?

Annette Baumann: Es war vor drei Jahren die Idee einer Kollegin, einen solchen Tag ins Leben zu rufen, damit wir Provenienzforscher kontinuierlich auf unsere ständige Arbeit aufmerksam machen können, der Öffentlichkeit Einblick in die Recherchen, in inhaltliche Schwierigkeiten oder Herausforderungen bei der Recherche geben können. Es geht um die Beurteilung, ob wir NS-Raubkunst oder Raubgut in den Museen oder öffentlichen Einrichtungen auffinden. Und um dieses zu klären, wollten wir jenseits von kurzer Presseberichterstattung Einblick in diese Arbeit geben.

Die Frage, woher Kulturgüter stammen und wie damit umzugehen ist, wenn sie etwa unrechtmäßig erworben wurden, kommt vermehrt in der Öffentlichkeit auf. Geht mit diesem Mehr an Aufmerksamkeit auch eine größere Wertschätzung und vielleicht auch Förderung ihrer Arbeit einher?

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Baumann: Ja, das öffentliche oder gesellschaftliche Interesse an diesen Fragestellungen scheint in den vergangenen Jahren mitgewachsen zu sein. Man fragt viel stärker, woher die Objekte in unseren öffentlichen Sammlungen stammen. Natürlich zählen auch die Privatsammlungen dazu oder überhaupt die Kunstwerke, die sich im Kunsthandel bewegen. Und man möchte die ursprüngliche Herkunft klären. Und wenn man hier Unrechtskontexte, eine Beschlagnahmung oder unrechte Käufe feststellt, dann stellen sich heute ganz stark die Fragen einer Restitution, also eine Rückgabe an den ursprünglichen Eigentümer.

Der Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. feiert kommende Woche seinen 20. Geburtstag. Was hat sich seit seiner Gründung getan? Was konnten Sie erreichen?

Baumann: Wir konnten eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erreichen. An die Museen gelangen stetig Restitutionsansprüche oder Auskunftsersuchen. Es gibt viele Fragestellungen, die man besonders gut im Kollektiv klären kann. Ursprüngliche Sammler*innen und Händler*innen waren ja auch in Netzwerken organisiert. Und so muss man aus einer lokalen Geschichte heraus international tätig werden. Sammlungen sind versprengt, und der inhaltliche Austausch ist unter den Kolleg*innen im In- und Ausland absolut notwendig und für die eigene Arbeit sehr hilfreich. In den vergangenen Jahren konnten wichtige Bestände digitalisiert werden. Und 2013, nach dem sogenannten Schwabinger Kunstfund, stand auch die Bundesrepublik sehr stark unter Druck, sich diesem Thema zu widmen und hat Fördermittel bereitgestellt, um die Forschung an den Museen beschleunigen zu können.

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Viel ist in dem letzten Jahr passiert, und vieles konnte aufgrund der Corona-Pandemie nicht passieren. Was war das für ein Jahr für die Provenienzforschung?

Baumann: Vor einem Jahr dachte man noch, diese digitale Präsenz sei eine temporäre Ausnahme, und der Lockdown würde bald zu Ende gehen. Da haben wir uns wohl getäuscht. Die digitalen Formate sind die Regel geworden. Wir haben unter den Kolleg*innen kleinere Arbeitsgruppen und treffen uns in Zoom-Gesprächen zum Austausch. In der Zeit haben digitale Tagungen stattgefunden, ich selbst habe auch bei zwei Tagungen durch Vorträge mitgewirkt. Das bedeutet aber auch, dass man leider nicht mehr in die Archive gehen kann, Dienstreisen sind meist untersagt, und so sind wir leider etwas eingeschränkt. Da in den amtlichen Verordnungen selbst die Museen als Freizeiteinrichtungen klassifiziert waren und nicht als Bildungseinrichtungen, wurden auch die Archive nicht gesondert betrachtet. Deshalb sind wir auch in der Zukunft auf das fortwährende Digitalisieren von wichtigen Archivbeständen angewiesen. Auch das Auffinden von Kunsthandelsunterlagen ist für die Zukunft weiterhin sehr wichtig.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Museumsdetektive

Ein Projekt der NDR Kultur-Redaktionen zur Provenienzforschung. NDR Kultur, NDR Info und das Kulturjournal des NDR Fernsehens erklären, wie Provenienzforschung funktioniert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.04.2021 | 18:00 Uhr