Stand: 21.02.2019 00:01 Uhr

"Man muss sich nicht für Plattdeutsch schämen"

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Johann Saathoff ist Wirtschafts- und Energiepolitiker der SPD und Verfechter des Plattdeutschen.

Vor knapp einem Jahr, am 2. März 2018, hielt Johann Saathoff (SPD) im Bundestag eine Rede, die längere plattdeutsche Passagen enthielt. Damit konterte der gebürtige Emder einen Antrag, in dem die AfD Deutsch als Landessprache im Grundgesetz festschreiben lassen wollte. Saathoffs Rede wurde zum Hit in den sozialen Medien und der Politiker aus Ostfriesland so unverhofft eine Art Werbeträger der norddeutschen Regionalsprachen. Vor dem Internationalen Tag der Muttersprache hat NDR.de mit dem 51-jährigen fünffachen Vater über Zustand, Bedeutung und Perspektive des Plattdeutschen gesprochen. Er ist sicher: Platt ist lebendiger als viele befürchten.

Moin, Herr Saathoff, was ist eigentlich Ihre Muttersprache?

Johann Saathoff: Plattdeutsch, eindeutig. Als Kind haben meine Eltern oft mit mir Plattdeutsch gesprochen, so ist es meine Muttersprache geworden.

Vor fast einem Jahr haben Sie einen flammenden Appell für die "Vielfalt der Sprachen aus den Regionen" gehalten, nachdem die AfD Deutsch als Landessprache im Grundgesetz festschreiben lassen wollte. Einen großen Teil der Rede haben Sie "op Platt" gehalten. Was hat Sie dazu bewogen?

Saathoff: Der Antrag suggerierte, man müsste Angst haben vor Sprachen, die aus dem Ausland auf Deutschland einwirken. Mir ging's drum, deutlich zu machen, dass es in Deutschland auch nicht nur eine Sprache gibt, sondern viele. Man muss keine Angst haben vor neuen Sprachen, man kann sich über neue Sprachen und neue Kulturen freuen. Sie machen Deutschland nicht ärmer, sondern reicher.

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Rede bekommen?

Saathoff: Im Bundestag kam von ganz links bis fast ganz rechts Applaus. Das ist ungewöhnlich. Den spendet sonst ja nur die eigene Partei. Danach brach so ziemlich alles bei mir zusammen. Ich habe Tage gebraucht, um in den sozialen Medien wieder den Überblick zu bekommen. Wir haben ordnerweise E-Mails und Briefe bekommen, sehr viele Reaktionen - das war überwältigend.

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Haben Sie mit einer solchen Resonanz gerechnet?

Saathoff: Es war gar nicht meine Idee, zu dem Tagesordnungspunkt zu sprechen und dann auch noch auf Platt. Denn ich bin Wirtschafts- und Energiepolitiker, kein Innenpolitiker. Aber ich habe in jeder Rede immer einen Satz auf Plattdeutsch. Daran haben sich die Innenpolitiker meiner Fraktion erinnert und mich gefragt, ob ich eine ganze Rede auf Plattdeutsch halten würde. Ich sagte ja. Erst gab es Schwierigkeiten mit dem Stenografischen Dienst, dann wollte es der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble verbieten. Unser Parlamentarischer Geschäftsführer konnte aber einen Kompromiss aushandeln: Wenn ich auf Hochdeutsch anfange und ende, erlaubt der Präsident mir, einige Sätze auf Plattdeutsch zu sprechen. Deshalb hab ich immer gewechselt, weil ich nicht unterbrochen werden wollte.

Auch wenn Sie Wirtschafts- und Energiepolitiker sind und nicht etwa SPD-Beauftragter für Regionalsprachen: Wie geiht dat denn dem Plattdeutschen?

Saathoff: Ich hab schon vor 20 Jahren gehört, dass Plattdeutsch ausstirbt. Meine Kinder sind natürlich mit Hochdeutsch aufgewachsen, aber verstehen Plattdeutsch. Und irgendwann kommen sie in ein Alter, in dem das cool wird. Es gibt im ostfriesischen Raum auch eine ganze Menge Initiativen für Plattdeutsch. Ich glaube also nicht, dass Plattdeutsch tot ist. In ganz Norddeutschland findet man lebendiges Plattdeutsch. Deswegen ist mir nicht angst und bange um die nächsten Jahrzehnte.

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Haben Sie ein Beispiel für eine Initiative?

Saathoff: Ich war früher Bürgermeister in der Gemeinde Krummhörn. Dort haben wir bei jedem Kindergarten darauf geachtet, dass eine Mitarbeiterin den ganzen Tag Plattdeutsch spricht, sodass die Kinder merken: Es gibt mehrere Sprachen in Ostfriesland.

Das heißt, auf kommunaler Ebene lässt sich schon einiges tun?

Saathoff: Genau. Wir haben ja auch den Regionalverband Ostfriesische Landschaft, der viele plattdeutsche Veranstaltungen macht. Zum Beispiel den Plattdeutschen Monat im September, in dem man versucht, nur Plattdeutsch zu sprechen. Ich habe auch Bürgerveranstaltungen organisiert, auf denen es nur plattdeutsche Vorträge gab. Man konnte zwar eine hochdeutsche Frage stellen, bekam aber eine plattdeutsche Antwort. Das hat nicht jedem gefallen (lacht).

Für wen ist Plattdeutsch noch eine Muttersprache?

Saathoff: Für die allermeisten Ostfriesen, egal, ob sie's von Kindesbeinen an erlernt oder erst später erworben haben. Plattdeutsch hat auch was mit ostfriesischer Identität zu tun. Aber einige Menschen trauen sich nicht, es zu gebrauchen, weil Plattdeutsch extrem unterschiedlich ist.

Wie meinen Sie das?

Saathoff: Als ich in Krummhörn Bürgermeister wurde, kam ich aus Emden. Das ist zwölf Kilometer entfernt, aber mein Plattdeutsch war anders. Anfangs haben mich alle belächelt wegen meines Emder Platts, aber über die Jahre haben sich dann meine Eltern gesorgt, dass ich meine Muttersprache verliere, weil mein Plattdeutsch immer mehr Krummhörner Einfluss bekam. Es braucht manchmal etwas Überwindung, Platt zu sprechen, weil es nicht das Plattdeutsch gibt, sondern Hunderte verschiedene Arten.

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Es gibt immer wieder Vorstöße, das Plattdeutsche Kindern wieder näherzubringen. Wird Plattdeutsch ausreichend gefördert?

Saathoff: Zuallererst muss man Menschen motivieren, Plattdeutsch zu sprechen: Dass man sich dafür nicht schämen muss, sondern dass es zur regionalen Identität dazugehört, ohne aus den Augen zu verlieren, dass man Deutscher ist und neben Ost- oder Nordfriese auch noch Europäer sein darf. Förderung ist herzlich willkommen, zum Beispiel Qualifizierungsseminare für Menschen, die im Bildungssektor tätig sind. Aber wir können auch eine ganze Menge selber tun, indem wir es salonfähiger machen, als wir das in der Vergangenheit getan haben.

Sie sprechen recht optimistisch über den Zustand des Plattdeutschen. Sehen Sie gar eine Renaissance?

Saathoff: Das weiß ich nicht. Aber ich merke, dass sich das Bewusstsein verändert. Noch vor zehn Jahren haben viele versucht zu beweisen, dass sie perfekt Hochdeutsch sprechen. Jetzt machen Menschen zunehmend deutlich, dass sie eben auch Plattdeutsch können. Das hat sich verändert: weg vom Verstecken, hin zum Zeigen. Und das stimmt mich zuversichtlich. Frei nach dem Motto der Ostfriesen: "Sünd wi nüms?"

Würden Sie das kurz übersetzen, bitte?

Saathoff: "Sind wir niemand?"

Das Gespräch führte Folko Damm, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.02.2019 | 06:00 Uhr

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