Stand: 18.09.2020 14:06 Uhr

Szczepan Twardoch beim Hamburger Harbour Front Festival

Szczepan Twardoch hat beim Hamburger Harbour Front Literaturfestival aus seinem neuen Roman "Das schwarze Königreich" gelesen. Das Buch knüpft an sein vorheriges Werk "Der Boxer" an. Dies handelte von dem fiktiven jüdischen Boxchampion Jakub Shapiro, der zum Unterweltkönig Warschaus vor dem Zweiten Weltkrieg aufsteigt. In "Das schwarze Königreich", das man auch eigenständig lesen kann, erzählt Twardoch die Geschichte von Jakub Shapiro weiter. Während der Besatzung Warschaus durch die Deutschen ist der jüdische Star-Boxer nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Geschichte erzählen Ryfka und David, Shapiros erste Geliebte und sein Sohn, im Wechsel. NDR Kultur hat mit Szczepan Twardoch über seinen neuen Roman gesprochen.

Szczepan Twardoch, Ihr neues Buch heißt "Das schwarze Königreich". Welcher Ort ist damit gemeint?

Szczepan Twardoch © Zuza Krajewska
Szczepan Twardoch zählt zu den meistgelesenen Autoren in Polen. Seine Bücher werden in zahlreiche andere Sprachen übersetzt.

Szczepan Twardoch: Mein Buch, das auf Deutsch "Der Boxer" heißt, hat im Polnischen den Titel "Der König". Was ich also hier in diesem Roman zeige, ist das, was aus dem Unterwelt-Königreich des Boxers geworden ist. Eine Welt der Ruinen, ein dunkler Ort, nach den beiden Aufständen in Warschau, dem im jüdischen Ghetto und dem Aufstand der nichtjüdischen Polen.

Erzählt wird aus zwei Ich-Perspektiven: zwei Figuren, die aufs Engste mit dem Boxer verbunden sind. Die erste Geliebte und der Sohn. Wieso haben Sie sich für diese Erzählweise entschieden?

Twardoch: Ich wollte eine Art Allwissen erzählen: Ryfka und David erzählen aus einer Zeit nach der Zeit. Sie sind Teil des Graus der Erinnerung, sie kennen alle Details der Geschichte. All diese Details habe ich durch Lesen und genaue Recherche gefunden. Mein Buch basiert auf Fakten, dennoch erzähle ich einen fiktiven Roman mit fiktiven Figuren. Ich habe mit Nachkommen von Holocaust-Opfern gesprochen. Eine wichtige Quelle war mein Großvater, der bald 100 Jahre wird. Durch ihn kam auch eine besondere Perspektive ins Buch hinein, nämlich die schlesische Perspektive. Meine Familie lebt dort schon seit 400 Jahren. Das Allwissen der beiden Ich-Erzähler speist sich aus diesen Geschichten. Natürlich wissen die Erzähler David und Ryfka vom Holocaust. Dinge, die sie damals, 1944, kaum ahnen konnten. Dieses Allwissen und der Blick in die Geschichte hinein verortet die Figuren in einem "Hiermals"“, auf Polnisch "wteraz". Das Wort habe ich extra für den Roman erfunden. Es ist jetzt, aber ein Jetzt, das einen historischen Schatten wirft. Eine Art "All-Jetzt".

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Der dunkle Hintergrund Ihres Romans bildet der Holocaust, ein dunkles Faktum. Dennoch scheint er nur gestreift zu werden, richtig?

Twardoch: Genau, ich wollte ein Buch schreiben, in dem ich vom Holocaust erzähle, ohne ihn explizit zu erwähnen. Bis auf wenige Schlüsselszenen. Mir war wichtig, keine überdeutlichen Opfer oder Täter zu zeigen. Oft oder meistens sind die Menschen ja beides. In meinem Roman nähere ich mich Dingen an, die ich eigentlich nicht verstehe. Was ich aber schon zeigen wollte, ist, neben der besonderen deutschen Schuld an den Verbrechen, eine polnische Schuld. Die man einfach nicht verneinen sollte, was einige in meinem Land tun. Wegen dieser Haltung habe ich viele Anfeindungen von der polnischen Rechten für das Buch bekommen.

Es scheint eine wachsende Zahl von Menschen zu geben, die den Holocaust leugnen. Was können Sie als Autor dagegen tun?

Genau das. Indem ich ein Buch wie das "Schwarze Königreich" schreibe. Ich möchte Emotionen wecken, ohne kitschig zu sein. Den Holocaust-Leugnern sage ich, wo sind denn die 30 Prozent der ehemaligen Warschauer Bewohner hin, die jüdisch waren? 350.000 Menschen? Was ist mit dem riesigen Stadtviertel, das nach dem Weltkrieg planiert und leer war, dem ehemaligen Ghetto? Ich glaube aber, die meisten Leugner tun das aus Angst, aus dem Gefühl heraus, sich in irgendeiner Art Abwehrkampf zu befinden. Ich denke, in 50 Jahren wird es die nicht mehr geben, weil dann der Holocaust ein historisches Ereignis geworden ist, wie die Zerstörung Karthagos. Niemand leugnet die Zerstörung Karthagos. Der Holocaust ist dann kein emotionales, erlebtes Ereignis mehr. Genau darin sehe ich aber auch eine Gefahr: Wenn die emotionale Bindung verloren geht, kann sich die Geschichte wiederholen.

Das Gespräch führte Peter Helling.

Buchtipp
Twardoch: "Das schwarze Königreich" © Rowohlt

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.09.2020 | 12:40 Uhr

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