Eine Reisebus steht vor einem Backsteingebäude. © NDR

Synagogen-Rundfahrt durch MV: Auf den Spuren jüdischer Kultur

Stand: 30.09.2021 15:48 Uhr

Jedes Jahr veranstaltet das Usedomer Musikfestival eine Synagogen-Rundfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern. Dabei werden die Synagogen zu Spielorten des Festivals. Unsere Reporterin ist mitgefahren. 

von Juliane Voigt

Dargun in der Mecklenburgischen Seenplatte: An diesem Tag ist die alte Synagoge des Städtchens Konzertort des Usedomer Musikfestivals. Es erklingt das Quartett in A-Dur von Alexander von Zemlinsky, gespielt vom Diplomatischen Quartett Berlin. An der Geige ist Felix Klein, Musiker, Diplomat und Antisemitismusbeauftragter des Bundes.

Jüdische Komponisten: Vielfältiger Beitrag zum Kulturleben

"In diesem Amt ist man nicht nur Beauftragter im Kampf gegen Antisemitismus, sondern auch für jüdisches Leben", erzählt Klein. "Und da fügte sich wunderbar, dass ich meine große Leidenschaft für Musik hier auch einbringen und jüdische Komponisten bekannt machen kann. Wir wollen zeigen, wie vielfältig Jüdinnen und Juden zu unserem Kulturleben beigetragen haben. Und wir führen sie vor allem auf, weil sie gut sind, und erst in zweiter Linie, weil sie jüdisch sind."

Dazu gehört zum Beispiel Musik von Erwin Schulhoff - ein vergessener Komponist, aber einer der experimentierfreudigsten seiner Zeit. 1942 wurde er deportiert und ermordet. Das Diplomatische Quartett will an ihn erinnern.

Weitere Informationen
Ein Blick auf die Feierhalle des Jüdischen Friedhofs in Schwerin. © NDR Foto: Axel Seitz

Mehr Unterstützung für jüdische Gemeinden in MV

Die beiden jüdischen Gemeinden im Land erhalten in den kommenden fünf Jahren deutlich mehr finanzielle Unterstützung vom Land als bisher. mehr

Synagoge Dargun: Fenster mit Davidstern restauriert

Die Synagoge ist ein Fachwerkbau aus den 1820er-Jahren. Direkt an der Straße sieht es aus wie ein normales Wohnhaus. Es gehört der Freikirchlichen Gemeinde Dargun. Ein Davidstern im Rundfenster am Seitengiebel weist darauf hin, dass das Gebäude einmal die Synagoge war - dank Rainer Brack von der Kirchgemeinde: "Ich habe den Davidstern bei einem Glaser hier nebenan gefunden und ihm abgekauft", erzählt Brack. "Nun wissen wir nicht, ob es das Original ist. Aber wir haben ihn eingebaut, das war ja zugemauert. Das Gebäude sollte nicht mehr als Synagoge erkennbar sein."

Konzerte bringen jüdische Kultur zurück

Knapp 30 Besucher des Usedomer Musikfestivals sind mit dem Reisebus durchs Land unterwegs. Reiseführer ist Robert Kreibig. Er forscht auf Usedom nach Spuren jüdischen Lebens und hat die Rekonstruktion der Synagoge in Stavenhagen, einer weiteren Station der Rundfahrt, geleitet. 2017 wurde sie feierlich wiedereröffnet. Jüdisches Leben gibt es hier nicht mehr, aber jüdische Kultur: Liturgien, gesungene Gebete, ein Konzert des Usedomer Musikfestivals.

"Die Lieder sind schon früher hier gesungen worden"

Zwei junge Musikerinnen spielen in der Stavenhagener Synagoge traditionelle jüdische Musik und singen dazu. Noga-Sarai Bruckstein hat als eine von sehr wenigen Frauen eine Ausbildung als Kantorin absolviert: "Diese Musik gab es schon, bevor die Synagogen abgebrannt oder verkauft wurden", erzählt Bruckstein. "Die Lieder sind schon früher hier gesungen worden, davon bin ich überzeugt. Ich glaube, dass die Wände hier, wenn wir spielen, sich daran erinnern oder zumindest ein Echo wiedergeben. Und das berührt mich sehr."

Eine Busfahrt mit mehr als musikalischen oder architektonischen Höhepunkten - findet auch Isolde Böttcher, eine Festivalbesucherin aus dem Saarland: "Man muss es auch aushalten können. Ich will eine wissende Zeugin sein. Das ist mein großes Anliegen. Und dass ich das hier machen darf, das finde ich so schön."

Und dann ging es wieder zurück durchs Land nach Usedom, wo es am Abend in Bansin mit litauischer Musik weiterging.

Weitere Informationen
Ein Flügel steht am Strand © Usedomer Musikfestival / Geert Maciejewski

Kulturpartner: Usedomer Musikfestival

Das Usedomer Musikfestival präsentiert die Stars und Schätze der Musik des Ostseeraums. Jährlich wechselnde Länderschwerpunkte zeigen die ganze musikalische Vielfalt des Nordens Europas. extern