Stand: 19.03.2019 12:22 Uhr

Susanne Kelwing erinnert an Caroline von Heydebrand

von Miriam Stolzenwald
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2018 gab es in Deutschland 245 Freie Waldorfschulen.

Alle reden immer nur von Rudolph Steiner: Der charismatische Redner und bedeutende Esoteriker begründete um 1900 die Anthroposophie, aus der die Waldorfpädagogik hervorging. Zu einer Zeit, in der die "Rohrstockpädagogik" vorherrschte, wie sie in Michael Hanekes Film "Das weiße Band" dargestellt wird, war sie eine Revolution. Dass es aber Frauen waren, die Steiners mystische Lehre in ein konkretes, anwendbares Konzept gossen, das bis heute gültig ist, ist weitgehend vergessen. Eine zentrale Figur dabei war Caroline von Heydebrand. Miriam Stolzenwald hat mit Susanne Kelwing, Lehrerin für Deutsch und Englisch in der Oberstufe an der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee, über die Bedeutung von Caroline von Heydebrand gesprochen.

Caroline von Heydebrand, 1886 in Breslau geboren, gehört zu den wichtigen Pionieren der Waldorfpädagogik. Emil Molt, Direktor der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, und der Anthroposoph Rudolf Steiner gründen 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart - zu dessen Kollegium auch Caroline von Heydebrand gehört. Obwohl sie bis dahin kaum unterrichtet hat, übernimmt sie eine fünfte Klasse mit fast 50 Kindern. Sie ist es auch, die den ersten Lehrplan verfasst, der heute noch zur Orientierung dient:

"...tritt durch den Literaturunterricht ein wichtiges Menschheitsproblem vor den Schüler: Er kann erleben, dass auch in seiner Seele lebt, womit der Mensch ringt. Die Rätsel seines Innenlebens erhellen sich im Licht des Weltenwerdens. Das Nibelungenlied und die Gudrun-Dichtung werden in mittelhochdeutscher Sprache durchgenommen. Ein Vergleich der Edda mit dem Nibelungenlied zeigt wichtige Unterschiede. Die Schüler erleben an diesen drei Dichtungen den Menschheitsübergang von der individuellen Blutsverwandten-Liebe zur individuellen Liebe, von der Darstellung übermenschlicher Wesen zu der des Erdenmenschen, vom Heidnischen zum Christlichen. Aus dem Vergleich der mittelhochdeutschen und der neuhochdeutschen Sprache und Grammatik ergibt sich Stoff für die Entwicklung des jungen Menschen." Caroline von Heydebrand

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Susanne Kelwing sieht zwischen sich und Caroline von Heydebrand Parallelen.
"Ein Quell der Freude"

Susanne Kelwing ist Lehrerin für Deutsch und Englisch in der Oberstufe an der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee. Sie sieht zwischen sich und Caroline von Heydebrand durchaus Parallelen: "Wir haben gemeinsam, dass ich auch meine Schule so liebe und auch immer schon diese Schule für mich Thema war. Ich bin mein Leben lang schon sehr tief in der Schule drin; das ist so ein Quell der Freude, so wie es für sie wohl gewesen ist. Wie sie schreibt, wie sie die Dinge auf die Erde bringt, dieses weg vom Dogmatismus - das empfinde ich bei mir auch so, das ist mir ganz wichtig."

Caroline von Heydebrand unterrichtet lebendig und anschaulich. Sie schafft es, die Kinder schnell für sich einzunehmen, sie zu begeistern. Rudolf Steiner hat ihr Talent und die Bedeutung ihrer pädagogischen Arbeit immer wieder hervorgehoben.

Eine Lebensaufgabe

Der Einsatz für die Waldorfpädagogik ist für Caroline von Heydebrand eine Lebensaufgabe. Susanne Kelwig kann das gut verstehen: "Die Liebe zu den Kindern, das macht mich richtig glücklich, diesen Beruf ausüben zu dürfen. Er macht müde und er macht glücklich."

Sendungsübersicht

Werde, die du bist! Frauen 2019 über Frauen 1919

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Die Zerwürfnisse innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und zunehmende Konflikte mit den Nationalsozialisten bewegen Caroline von Heydebrand, die Schule und das Land zu verlassen. Sie engagiert sich fortan besonders in England und den Niederlanden für die Entwicklung der Waldorfpädagogik. Auch wenn ihre Person heute fast in Vergessenheit geraten ist, so hat ihr Lehrplan doch Bestand: "Wenn man das liest, wie sie den jungen Menschen in dieser Zeit beschreibt, was in diesem Seelenleben vor sich geht, merkt man, dass das sehr aktuell ist", findet Kelwing. "Es geht um Handlungsweisen, um Sich-Finden, um Grenzen-Überschreiten, um Streiten - das ist so klar gefasst, das kann man nicht besser machen."

Caroline von Heydebrand stirbt nach kurzer Krankheit im August 1938. Ein waldorfpädagogisches Heim in Berlin-Zehlendorf, das nach ihr benannt ist, erinnert heute noch an sie.

Susanne Kelwing © privat

Susanne Kelwing erinnert an Caroline von Heydebrand

NDR Kultur - NDR Kultur Wissen -

In den zehn Folgen unserer neuen Reihe "Werde, die du bist!" spricht jeweils eine Frau von heute über eine Frau, die im Jahr 1919 auf besondere Weise in Erscheinung getreten ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 26.03.2019 | 09:20 Uhr

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