Stand: 20.12.2018 19:02 Uhr

"Spiegel"-Fälschungen: "Unfassbare Tragödie"

Der "Spiegel"-Reporter Claas Relotius konnte Geschichten stricken, die beeindruckten. Doch vieles von seinem schönen "Meisterwerk" ist Bluff, Fake, manipuliert. Wie konnte es dem Journalisten gelingen, über Jahre hinweg zu fälschen? Was bedeutet ein solcher Betrug für die Medienlandschaft? Fragen an Susanne Beyer, stellvertretende Chefredakteurin beim "Spiegel".

Frau Beyer, man kann in Ihren Online-Artikeln lesen, dass die Sache für alle beim "Spiegel" ein Schock ist. Wie haben Sie das wahrgenommen?

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"Es ist nicht das Versagen eines Einzelnen, sondern es sind Fehler von vielen", sagt Susanne Beyer.

Susanne Beyer: Es wurde gestern im Haus der gesamten Belegschaft verkündet, und schon da gab es Tränen. Es gibt eine große Erschütterung. Die Leute sind zum Teil sehr lange hier im Haus; wir haben nahezu ausschließlich Leute, die hoch identifiziert sind mit dem "Spiegel". Die meisten tun alles dafür, dass der "Spiegel" gut dasteht, und investieren einen Großteil ihres Lebens, dass er das ist, was er sein sollte. Deswegen fühlen sich alle getroffen. Es ist ein hoher Ernst hier, und es gibt eine starke Solidarität und eine hohe emotionale Betroffenheit. Die Kollegen schlafen schlecht, auch ich schlafe kaum, seitdem ich davon weiß. Es ist eine geradezu körperliche Erschütterung, die auch das eigene Leben, die eigene Identität massiv betrifft.

Jeder Text wird ja gegengelesen. Nicht nur das Vier-Augen-Prinzip zählt, sondern manchmal sind es noch mehr Augen, die lesen. Der "Spiegel" hat die Abteilung "Dokumentation" mit vielen Fachredakteuren, die Details prüfen. Wie kann es sein, dass diese Manipulationen nicht aufgefallen sind?

Beyer: Wir stecken in einem Prozess, und das, was wir bisher sehen, ist, dass alle Ortsangaben des Kollegen, Wegstreckenbezeichnungen, Landschaftsbeschreibungen, also alles das, was sich verifizieren lässt, exakt stimmte. Die Fiktion hat dort begonnen, wo es um Dialoge mit Personen geht, um die Biografien dieser Personen, also nichts, was man von außen nachvollziehen kann. Es ist auch das, was wir wollen, dass ein Reporter auch frei laufen kann und sich unvoreingenommen auf die Situation einlassen kann. Es sind Situationen, die kein Zweiter, Dritter nachvollziehen kann. Deswegen haben wir diesen Corps-Charakter im Haus, auch die freien Mitarbeiter kennen wir sehr gut, weil wir wissen, dass es Lücken gibt. Wir müssen darauf vertrauen, dass wir es mit aufrechten, anständigen Leuten zu tun haben, die eine hohe innere Verpflichtung an den "Spiegel" haben. Diese Lücken wird es immer geben, die werden wir nie schließen können, um Journalismus zu machen.

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Aber es ist eine unfassbare Tragödie, dass dieses Haus, das sich so bemüht, Dinge abzusichern, jetzt im eigenen System Fehler hat, die behoben werden müssen. Journalismus ist Menschenwerk, und das ist auch gut daran. Wir wollen keinen Journalismus, der aus künstlicher Intelligenz besteht. Menschen sind fehlerhaft - aber damit will ich gar nichts entschuldigen, ich will auch nicht die Rolle der Chefredaktion entschuldigen. Wenn ich das Blatt mache, dann zeichne auch ich jeden Text ab. Es ist nicht das Versagen eines Einzelnen, sondern hier haben viele Leute etwas nicht sehen wollen, nicht sehen können, und es sind Fehler von vielen.

Wahrscheinlich gibt es bei der Faktenkontrolle auch Grenzen: Nicht alles kann im Detail noch einmal überprüft werden, vieles ist Vertrauenssache. Wo liegen die Grenzen oder Schwächen?

Beyer: Die Schwächen sind auch menschlich. Es passieren natürlich viele Fehler, aber wir haben ganz genaue Muster entwickelt, damit wir die allermeisten auch sehen können. Aber hier hat es ein Muster gegeben, das wir nicht haben sehen können - vielleicht aber auch deswegen, weil wir ein Kollektiv sind, das sich gut kennt, das sich gut vertraut. Deswegen hätte jemand, der frisch von außen kommt, uns da besser helfen können. Es gibt Vorteile der starken Bindung - da sind aber auch Nachteile. Und über all das müssen wir uns Gedanken machen.

Es heißt, Relotius stand unter einem enormen Druck, hatte Ängste zu versagen, einen ausgeprägten Perfektionsdrang. Er hatte Erfolg, den er nicht nur halten wollte, sondern weiter erhöhen. Woher kommt dieser Druck, den er offenbar gespürt hat?

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Beyer: Da müssen wir unbedingt nachfragen und uns kritisch selbst befragen. Das ist einfach so. Eine Erfahrung meiner Kollegen ist, dass es den Journalismus besser machen kann, wenn man einen Preis anstrebt, weil man immer besser und genauer werden will. Wir sehen aber jetzt, wo auch die Gefahren liegen. Uns ist ausgerechnet dieser Kollege nicht als einer vorgekommen, der eine Preisjagd betreibt. Es gibt den Typus des breitbeinigen Reporters auch bei uns - Claas Relotius ist aber wirklich ein ganz bescheidener Mensch gewesen, der die Preise nicht in seinem Zimmer aufgestellt hat, sondern sie geradezu versteckt hat, vielleicht auch in einem Wissen um sich selbst. Ich hätte wirklich für diesen Mann bis vor ein paar Tagen die Hand ins Feuer gelegt. Aber wir haben es hier mit einem Kollegen zu tun, dem ich auch als Menschen beizustehen habe und wo ich auch nicht hinter zurückfallen will. Jeder ist schuldhaft, der eine mehr oder weniger, aber kein Mensch ist ohne Schuld. Wir müssen hart aufklären, wir müssen hart befragen, wir müssen aber auch in allem menschlich bleiben.

Gelobt wird von allen Seiten die Tatsache, dass Sie selbst den Betrug enthüllt haben und in die Offensive gegangen sind. Was wird der "Spiegel" jetzt machen, wie wird es weitergehen?

Beyer: Wir haben jetzt schon eine Kommission einberufen: Da ist ein Kollege von uns dabei, ein neuer Kollege, der Anfang Januar sowieso im "Spiegel" gestartet hätte und einen ganz frischen Blick mitbringt. Wir haben zudem eine sehr erfahrene Journalistin gewinnen können, die nichts mit dem "Spiegel" zu tun hat. Wir können nicht versprechen, dass wir übermorgen alles herausfinden werden, sondern wir müssen uns Monate Zeit geben. Das hat nichts mit Faulheit oder mangelnder Entschlossenheit zu tun, sondern es kann sein, dass Dinge hinzukommen. Die Kollegen aus der Dokumentation, von "Spiegel Online" und "Spiegel" sind jetzt auch schon dabei, sich mit dem Werk von Relotius, mit möglichem systematischen Versagen zu befassen und ihre Ergebnisse online zu stellen, damit unsere Leser und Nutzer merken, dass wir um den "Spiegel" ringen. Wir können auch nicht bis zum ersten Januar warten, wenn die Kommission beginnt, sondern wir beginnen damit schon seit Tagen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Susanne Beyer beim Herrenhäuser Gespräch Hannover © NDR.de Foto: Stefan Koch

"Spiegel"-Fälschungen: "Unfassbare Tragödie"

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Wie konnte es dem "Spiegel"-Reporter Claas Relotius gelingen, über Jahre hinweg unentdeckt zu bleiben? Ein Gespräch mit Susanne Beyer, Stellvertretende Chefredakteurin des "Spiegel".

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NDR Kultur | Journal | 20.12.2018 | 19:00 Uhr

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