Rote, leere Sitze in einem Theater. © picture alliance/JOKER Foto: Gudrun Petersen

Stücke-Stau am Theater: Pandemie macht Planung unmöglich

Stand: 18.01.2021 00:01 Uhr

Auch wenn an den norddeutschen Bühnen weiter geprobt wird - Aufführungen gibt es nicht. Die Folge: Immer mehr Stücke kommen auf Halde. Ein Theater-Stau entsteht.

von Peter Helling

Die Bühnen in Norddeutschland sind gerade im Winterschlaf, im zweiten Lockdown. Premieren oder reguläre Aufführungen dürfen nicht stattfinden. Dadurch landen immer mehr Theaterstücke in einer Warteschleife, denn die festen Spielpläne der Theater laufen weiter. Auch für die nächste Saison sind die Planungen in vollem Gange. Peter Helling hat diesen Theater-Stau aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet. Ein Dramatiker, ein Intendant und eine Bühnenbildnerin beschreiben ihre Lage. 

Theaterautor Lutz Hübner: Es sind keine Einkünfte da

Lutz Hübner ist - normalerweise - einer der meistgespielten deutschen Theaterautoren. Für ihn war das vergangene Jahr eine Zeit, in der er von seinen Reserven leben musste. "Wenn nicht gespielt wird, verdient man als Theaterautor kein Geld, weil das einfach eins zu eins gekoppelt ist. Das bedeutet, seit dem ersten Lockdown mit dem Intermezzo im Herbst sind keine Einkünfte da", erklärt Hübner. Momentan sind an vielen Bühnen ein paar seiner Stücke "im Stau": fertige Inszenierungen, die nur auf ihre Premiere warten. Aber Hübner macht sich keine Illusionen: "Es wird auch einiges, was nicht angefangen wurde geprobt zu werden, verschoben oder ganz ausfallen", vermutet der Theaterautor.

Das Hamburger Thalia Theater von außen
Der Theaterbetrieb in Norddeutschland steht still. Die Pandemie macht es den Theatermachern unmöglich, einen Spielplan einzuhalten.

Lutz Hübner schreibt in einem Autorenkollektiv mit Sarah Nemitz, sie sind Autoren von Erfolgsstücken wie "Frau Müller muss weg", "Die Firma dankt" oder "Willkommen". Letzteres ist immerhin gerade als Livestream am Theater Osnabrück gezeigt worden. Doch einzelne Lichtblicke können den normalen Theaterbetrieb nicht ersetzen. "Es ist im Prinzip so: Man hisst ein paar Flaggen und man pfeift im Wald, aber es ist natürlich nicht Theater, das da stattfindet, sondern es ist ein Hinweis darauf, dass es Theater noch gibt", findet Hübner. 

Der Autor stellt sich oft die Frage: Soll man jetzt Stücke schreiben über die Pandemie? Wer will das später überhaupt mal sehen? Oder wollen die Menschen nicht lieber etwas Ablenkung, Musicals, die große Zerstreuung? Es ist ein Stochern im Nebel. Dass die Theater in Norddeutschland wie überall gerade nicht spielen können, hat Folgen. Es entsteht ein Stau in den Spielplänen, Premieren finden nicht statt, es geht nicht weiter. "Das macht keinen Spaß, das kann ich ehrlich gestehen", gibt Hübner zu.

Thalia-Intendant Lux hofft auf den Herbst 2021

Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters © picture alliance / Axel Heimken/dpa Foto: Axel Heimken
Joachim Lux ist seit 2009 Intendant am Hamburger Thalia Theater.

Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters in Hamburg, muss eine mathematische Gleichung mit vielen Unbekannten lösen. Drei Stücke allein im großen Haus, eines im Thalia in der Gaußstraße sind fertig geprobt und warten auf ihre Premiere. Nur wann? Zwei Stücke mussten um Jahre verschoben werden. Er und sein Team versuchen, die nächste Spielzeit so löchrig zu planen, dass Premieren von jetzt in diese Lücken geschoben werden können, also in die Zeit nach dem möglichen Impf-Sommer 2021. "Das ist ein Riesen-Verschiebebahnhof, der einen in den Wahnsinn treibt", bekennt Lux.

Denn sein Ziel ist es: "Einerseits nicht so viel auf Halde zu haben, denn irgendwann stellt sich auch für einen Schauspieler die Frage, ob er gewissermaßen drei Inszenierungen, die er noch nie gespielt hat, mental überhaupt auf die Reihe kriegt. Der zweite Punkt ist, dass ich erwarte, dass ein Großteil des alten Repertoires vermutlich gar nicht überleben wird. Das bedeutet, dass wir wie bei einer neuen Intendanz auch ein neues Repertoire bauen müssen." Nämlich eines, das unter Abstands- und Hygienebedingungen, Corona-konform, gespielt werden kann. Lux will die Verabredungen mit freien Regie-Teams für die kommende Saison einhalten. Absagen sind für ihn ein Tabu. Denn er befürchtet, dass hier ein neues Prekariat droht. Eine ausgefallene Produktion für die Solo-Selbständigen hat oft katastrophale Auswirkungen: "Dann fehlt den betreffenden Künstlern sofort ein Drittel eines Jahresgehaltes. Stellen Sie sich vor, noch ein zweites Haus verschiebt bei dem gleichen Regisseur oder der Regisseurin, dann hat er plötzlich nur ein Drittel, dann ist er auf Hartz IV." 

Bühnenbildnerin Petra Winterer will trotz ausbleibender Gagen durchhalten

Eine freie Bühnen- und Kostümbildnerin ist Petra Winterer. Die Solo-Selbstständige hat unter anderem am Theater Lüneburg und am Theater Bonn, aktuell am Hamburger Ernst Deutsch Theater gearbeitet. Für sie hat das Aufstauen von Verabredungen konkrete finanzielle Folgen. "Es ist so, dass natürlich die Gagen erstmal aufgeschoben werden. Einige Theater sind bereit, Abschlagszahlungen zu leisten im Vorfeld", berichtet Winterer, aber: "Man weiß nicht, wann man mit welchen Einkünften zu rechnen hat. Man muss ja auch der Steuer und der Künstlersozialkasse gegenüber Prognosen erstellen, wie viel man wahrscheinlich verdienen wird. Im Moment hat man dazu wenig Chancen." 

Petra Winterer ist im engen Austausch mit dem Bund der Szenografen, ihrem Berufsverband. Der fordere "zum Beispiel, dass es eine Erhöhung des Mindestsatzes der Überbrückungshilfen geben müsste, dass es eine Grundsicherung für Solo-Selbständige geben müsste, dass die Novemberhilfen ein bisschen verlängert werden in den Sommer." Manch befreundeter Bühnenbildner denke über eine Umschulung nach. Mancher sogar ans Aufhören. Petra Winterer aber will unbedingt weitermachen: "Ich liebe meinen Beruf, ich arbeite wahnsinnig gerne am Theater. Ich finde Theater wichtig für die ganze Gesellschaft und unser öffentliches Leben. Ich würde gern weiter in diesem Beruf arbeiten."

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NDR Info | Kultur | 18.01.2021 | 05:55 Uhr