Stand: 26.05.2020 13:45 Uhr

Sehnsucht analog: Wo digitale Kultur an ihre Grenzen stößt

von Susanne Birkner

Allmählich wird es in der Corona-Krise auch für die Kultur wieder einfacher. Veranstaltungen sind mit Einschränkungen wieder möglich. Museen können öffnen. Im März und April 2020 hingegen fand Kultur hauptsächlich im Netz statt. Mit Begeisterung - und aus Verzweiflung - wurden neue Formate ausprobiert, Ausstellungen, Theaterstücke und Konzerte gestreamt.

Natürlich ist es toll, die Lange Nacht der Museen in Hamburg zumindest live über die Sozialen Medien verfolgen zu können. Rein in die Tiefen des Millerntor-Stadions. Punkt 18 Uhr ging es los. Innerhalb von fünf Minuten schauten 400 Menschen zu. Aber: Beim Auftakt der Langen Nacht im St. Pauli-Museum zeigten sich eben auch die Grenzen, etwa, wenn das Bild einfriert. Es sind nicht nur technische Schwierigkeiten. Das Anfassen, Anschauen, Erleben, Erfahren, Begreifen - das ist auf einem Bildschirm nur sehr bedingt möglich.

Sinneserfahrungen fehlen

Auch die Theater haben zu Beginn der Corona-Krise viel gestreamt. "Mittlerweile schaue ich da etwas kritischer drauf, ob das wirklich so gut ist, die ganze Zeit zu streamen, weil abgefilmtes Theater ist immer so eine Sache. Ob man damit nicht eher Leute verschreckt", überlegt Toini Ruhnke.

Sie ist festes Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater und hat sich einige der alten Aufnahmen angesehen, die ihr Theater - wie die meisten anderen Häuser in Norddeutschland auch - gezeigt haben. "Vielleicht ist es förderlicher, wenn man sagt, man macht jetzt erst mal ganz Pause, und dann haben die Leute danach noch mehr Bock auf Theater. Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein junger Mensch, der noch nie im Theater war, und würde mir jetzt einen Stream angucken, dann würde ich da vielleicht nicht mehr hingehen", findet sie.

Julius Heinicke, Professor am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, untersucht diese Auswirkungen der Corona-Krise wissenschaftlich: "Ich denke, diese Beobachtung ist insofern richtig, dass es erst mal eine spannende Erfahrung war, sich die Aufführung digital anschauen zu können". Schnell sei aber deutlich geworden, warum man ins Theater geht: "Es geht um die leibliche Kopräsenz".

Vermisst: das Gemeinschaftsgefühl

Für Heinicke ist klar: Wir brauchen das Gemeinschaftsgefühl. Nicht nur die Künstler produzierten Kunst, sondern alle, die daran teilnehmen würden. "Wenn ich ins Museum gehe, bin ich auch Teil dieser Kunst, und die anderen dort eben auch. Dieses Miteinander können wir im Digitalen nur begrenzt und nur bedingt sehen."

Blick auf den Besuchereingang des Theaters in Stralsund: Besucher werden auf einem Zettel darauf hingewiesen, dass man hofft, im Sommer wieder öffnen zu dürfen. © dpa Foto: Stefan Sauer
Am Eingang des Theaters in Stralsund werden Besucher darauf hingewiesen, dass man hoffe, im Sommer wieder öffnen zu dürfen.

Kunst funktioniert über Kommunikation. Der Austausch gehört auch zur Inszenierung von Kunst. Gemeinsam vor einem Bild stehen. Gemeinsam über eine witzige Szene im Theater lachen. Gemeinsam die Lieder beim Konzert mitgrölen. Belastbare Zahlen hat Julius Heinicke zwar nicht, aber auch sein Eindruck ist: Insbesondere die langen Digital-Formate, ganze Theaterstücke oder Konzerte, sind jetzt, wo Besucher langsam tatsächlich wieder ins Museum oder Theater gehen können, ausgereizt. Da wären wir doch zu komplex in unseren Wahrnehmungsmustern, das Digitale wirke irgendwann ermüdend.

Einen Vorteil sieht er aber bei den vielen Streaming-Angeboten: dass Kulturangebote weltweit genutzt werden können und Menschen so Zugang zu Dingen bekommt, die sie sonst vielleicht nie erlebt hätten.  

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 27.05.2020 | 09:55 Uhr