Stand: 20.05.2019 19:43 Uhr

"Eine miserable politische Kultur"

Juli 2017: ein konspiratives Treffen auf der Ferieninsel Ibiza. Keine Fiktion, sondern tatsächlich passiert und festgehalten auf einem Video. Zu sehen sind der FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und sein Begleiter bei einem Treffen mit der angeblichen Nichte eines russischen Oligarchen. Der Deal: Wahlkampfhilfe für die FPÖ gegen Staatsaufträge. Reichlich Stoff für Empörung, reichlich Grund für Konsequenzen, die es bereits gegeben hat: Strache ist zurückgetreten und Neuwahlen in Österreich sind anberaumt. Ein politisches Erdbeben, mit vielen offenen Fragen. Ein Gespräch mit dem österreichischen Schriftsteller und Journalisten Martin Pollack.

Herr Pollack, Heinz-Christian Strache hat das, was ihm da jetzt passiert ist, als eine "b'soffene G'schicht" bezeichnet. Eine besoffene Geschichte, die typisch ist für das, was momentan in Österreich passiert?

Bild vergrößern
Der österreichische Schriftsteller Martin Pollack ist über das Strache-Video entsetzt.

Martin Pollack: Ich fürchte: ja. Dieses ganze Benehmen, das sich in diesem Film zeigt, legt wirklich dar, dass es in Österreich eine unglaublich miserable politische Kultur gibt. Das ist wirklich demaskierend und entsetzlich für die Österreicher, sich das anschauen zu müssen. Wir müssen uns alle dafür schämen, was hier in diesem Video vorgeführt wurde.

Strache selbst nennt es ein "gezieltes politisches Attentat". Offenbar ist das Treffen ganz bewusst inszeniert worden. Über die genauen Zusammenhänge können wir bislang nur mutmaßen. Was denken Sie denn, wer dahintersteckt?

Pollack: Da habe ich keine Ahnung. Das finde ich auch nicht so wahnsinnig wichtig. Es muss mit unglaublich vielen Mitteln aufgezogen worden sein, denn es ist eine hochprofessionelle Geschichte. Da hat man eine Villa in Ibiza angemietet und große Autos davorgestellt, um Strache zu imponieren - was ja offensichtlich auch gelungen ist. Dann haben sie eine angebliche Russin angeheuert mit Begleiter. Und es gab diese Treffen mit dieser angeblichen Russin und Herrn Gudenus, dem Klubobmann der FPÖ. Die gab es ja schon vorher und angeblich auch nachher. Das war also nicht eine einzelne "besoffene Geschichte", sondern das war ein ganz gezieltes, abgekartetes Spiel. Offensichtlich eine Falle, in die diese beiden Idioten getappt sind.

Zwei Jahre ist dieses Treffen auf Ibiza her. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass das Material gerade jetzt veröffentlicht wird - kurz vor der Europawahl?

Pollack: Nein. Da müssten wir wiederum wissen, wer die Leute sind, die das gemacht haben. Das kann ja nicht in eine Einzelperson sein. Es riecht ein bisschen nach Geheimdienst, weil da solche Mittel ins Spiel kommen. Auch solche Methoden. Das war unglaublich geschickt eingefädelt. Aber wir wissen das einfach nicht, warum man das jetzt eingesetzt hat. Man kann mutmaßen: Vielleicht die kommenden EU-Wahlen. Das ist eine Möglichkeit. Sonst habe ich da eigentlich keine Ahnung.

Weitere Informationen
00:17
Das Erste: Anne Will

"Nicht singulär in Österreich zu finden."

Das Erste: Anne Will

Martin Knobbe, Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, recherchierte in der „Ibiza-Affäre“ um Strache Video (00:17 min)

"Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" haben das Material zugespielt bekommen, haben es geprüft und veröffentlicht. Ausgerechnet - die Medien hat die FPÖ ja auch im Visier. Dieser Fall ist so demaskierend für vieles in Österreich. Was verändert sich in Österreich gerade in der Medienlandschaft, auch im Hinblick auf die Pressefreiheit?

Pollack: Wir waren in der Vergangenheit, in den eineinhalb Jahren mit dieser Regierung, mit ganz gezielten Angriffen auf die Pressefreiheit in Österreich konfrontiert. Das waren ganz gezielte Angriffe auf die Unabhängigkeit des ORF, des staatlichen Fernsehens, wo man beispielsweise über die Gebühren versucht hat, dieses besser in die Hand zu bekommen: indem man eben diese öffentlichen Gebühren abschafft und den Staat das finanzieren lässt, was auch bedeutet, dass der Staat dann mehr Einfluss hat. Und da die FPÖ ja in der Regierung war, haben die sich ausgerechnet, da können sie ihre Leute hineinschieben. Das ist ungefähr die Denkweise dieser Menschen. So stellen die sich Medienfreiheit vor. Und Strache sagt es ja ganz offen: Wir wollen eine Medienlandschaft à la Viktor Orban in Ungarn. Wir wissen genau, dort gibt es praktisch keine freien Medien mehr, sondern das ist alles staatlich gelenkt. Genau darauf zielten diese Leute ab.

Glauben Sie, dass der Fall Strache und das Ibiza-Video Folgen haben werden über Österreich hinaus auf die Positionierung rechtspopulistischer Parteien? Marine Le Pen in Frankreich hat Strache ja bereits einen "schwerwiegenden Fehler" attestiert. Aber wie wird sich das auf die Anhänger anderer rechtspopulistischer Parteien in Europa auswirken?

Pollack: Also, ich kann nur hoffen, dass es vielen Menschen die Augen öffnet, was in diesen rechten Parteien vorgeht, welcher Geist dort herrscht und welches Demokratieverständnis. Es gibt ja viele Wähler rechter Parteien, die nicht unbedingt mit allem konform gehen. Die ja doch andere Vorstellungen haben, die sie aus irgendwelchen Gründen aber wählen. Auch in Österreich gibt es sehr viele FPÖ-Wähler, die mit solchen Methoden überhaupt nicht einverstanden sind. Ich hoffe sehr, dass das auch international gewisse Auswirkungen haben wird.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Martin Pollack © picture-alliance / picturedesk.com / Robert Newald Foto: Robert Newald

Das Beben in Österreich

NDR Kultur - Journal -

Der Journalist Martin Pollack hofft, dass das Strache-Video der Öffentlichkeit die Augen öffnet.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.05.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr