Stand: 10.08.2018 16:58 Uhr

Stephanie Pieper zur britischen Antisemitismus-Debatte

Das Verhalten des britischen Labour Parteichefs Jeremy Corbyn löst Verwunderung und Irritation aus. Der Streit um die Frage schwelt seit langem: Gibt es einen Antisemitismus in der Partei? Corbyn bestreitet das. Vor ein paar Tagen hatten jüdische Zeitungen in Großbritannien zeitgleich Antisemitismus in der Labour Partei beklagt, dazu noch identische Überschriften auf ihren Titelseiten gewählt, die lauteten: "Wir stehen zusammen". Was ist dran, wird da gerade etwas aufgebauscht? Stephanie Pieper war langjährige ARD Korrespondentin in London, jetzt ist sie Leiterin des kulturellen Worts bei NDR Kultur.

Frau Pieper, Sie haben die Labour Party und Jeremy Corbyn eine ganze Zeit beobachtet. Kann man Corbyn tatsächlich Antisemitismus vorwerfen?

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Stephanie Pieper ist der Meinung, dass sich Jeremy Corbin nicht ausreichend von antisemitischen Strömungen in der Labour Party distanziert.

Stephanie Pieper: Das tut zumindest die allseits respektierte Labour-Abgeordnete Margaret Hodge, also eine Parteifreundin von ihm, die selbst Jüdin ist, deren Eltern einst vor den Nazis flüchten mussten. Und sie hat Corbyn am Rande einer Parlamentssitzung neulich tatsächlich als Antisemiten und Rassisten beschimpft, garniert mit ein paar Kraftausdrücken, die wir hier mal weglassen. Was man ihm auf jeden Fall vorwerfen kann, ist, dass er sich von antisemitischen Strömungen in der Labour Party und von Parteimitgliedern, die diese Haltung vertreten, nicht ausreichend distanziert. Ich habe selbst Corbyn auf Parteitagen, auf Kundgebungen erlebt und er ist jemand der, wenn er Rassismus verteufelt, dann meist Rassismus gegen Muslime oder gegen Schwarze in Großbritannien meint; da ist er sehr klar. Aber er verteufelt selten den Rassismus, der sich gegen Juden richtet, also den Antisemitismus. Und das geht bei ihm einher mit einer milden Form von Antizionismus. Er bestreitet natürlich nicht das Existenzrecht des Staates Israel, aber er schlägt sich im Zweifelsfall doch auf die Seite der Palästinenser. Das führt bei ihm dazu, dass er zu lange und letztlich immer noch antisemitische Tendenzen toleriert, die es bei einzelnen Labour Mitgliedern - sicherlich nicht in der Masse und der Breite - gibt.

Nach dieser Leitartikel-Geschichte passierte ein Fauxpas: Es sollte eine öffentliche Stellungnahme zur Haltung der Partei geben - nur waren Ort, das Jüdische Museum, und Zeit, Freitag am Schabbat, unpassend. Warum macht Corbyn so etwas? Ist das Zufall, ist das doch Absicht?

Pieper: Man sollte sich zunächst vergegenwärtigen, was da gerade passiert. Da warnen drei große jüdische Zeitungen in Großbritannien gemeinsam davor, dass die Labour Party an die Macht kommt, dass Jeremy Corbyn Premierminister wird - das ist schon eine Zäsur im Verhältnis der jüdischen Community dort zu den britischen Sozialdemokraten. Dass nun dieses geplante Treffen in dem Museum in London nicht zustande gekommen ist, auch das hat Corbyn, wie so vieles, ungeschickt angefangen. Er ist womöglich auch schlecht beraten worden. Es ist jedenfalls ein weiterer Beleg dafür, dass ihm bei diesem Übel des Antisemitismus das Gespür fehlt für die Gefühlslage der Juden in Großbritannien. Warum das alles für die jüdische Community besonders schmerzhaft und schmerzlich ist, liegt auch daran, dass die Labour Party lange Zeit die natürliche politische Heimat für die britischen Juden war, weil sich diese Partei traditionell für Minderheitenrechte, für Geflüchtete, für Verfolgte, auch für die jüdische Community klar eingesetzt hat, stärker jedenfalls als die Konservativen. Um so größer ist vielleicht auch die Enttäuschung und auch die Erschütterung darüber, dass Corbyn sich zurzeit nicht auf die Seite der britischen Juden stellt, jedenfalls nicht ohne Einschränkungen.

Stephanie Pieper, Hörfunkkorrespondentin in London. © Stephanie Pieper

Stephanie Pieper zur britischen Antisemitismus-Debatte

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Gibt es einen Antisemitismus in der britischen Labour Partei? Parteichef Jeremy Corbyn bestreitet das. Die Leiterin des kulturellen Worts bei NDR Kultur Stephanie Pieper mit einer Einschätzung.

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Mein Eindruck ist: Der ganze Streit entzündet sich offenbar sehr an seiner Person. Woran liegt das?

Pieper: Dazu muss man verstehen, dass Jeremy Corbyn ein Politiker ist, dessen politische und ideologische Überzeugungen sich in den späten 60er-, frühen 70er-Jahren geformt und seitdem im Wesentlichen nicht verändert haben. Er ist ein Antikapitalist, er ist mindestens halber Sozialist, er ist immer noch tendenziell pro-russisch - auch das gehört dazu. Er war ewig ein ultralinker Rebell gegen das Establishment der Labour Party, bis zu dem Moment, wo er selber völlig überraschend Chef dieser Partei wurde, getragen von einer Basisbewegung. Und Corbyn hat früh mit den, wie er sie tituliert, Freiheitskämpfern sympathisiert, sich solidarisiert, etwa in Lateinamerika, aber auch in Irland mit der Terrororganisation IRA. Er hat auch im Nahostkonflikt Partei ergriffen für die radikalislamische Hamas: Er hat das israelische Vorgehen in den palästinensischen Gebieten angeprangert. Ich habe den Eindruck, dass Corbyn bis heute nicht über seinen Schatten springen kann, dass er keine klar pro-jüdische, pro-israelische Haltung einnehmen kann, weil er das wohl auch als Verrat an seiner eigenen Vergangenheit letztlich verstehen würde. Er hat auch andere Dinge nicht über Bord geworfen und diese sehr pro-palästinensische Haltung eben auch nicht.

Corbyn verteidigt sich ja und sagt, seine Kritik an Israel sei legitim und nicht zu verwechseln mit Antisemitismus. Es falle ihm schwer, die Empfindlichkeiten britischer Juden zu verstehen. Sind das denn nur Empfindlichkeiten oder sind das ernstzunehmende Sorgen, die in der jüdischen Community formuliert werden?

Pieper: Das sind durchaus ernstzunehmende Sorgen. Als ich noch vor nicht so langer Zeit Korrespondentin in Großbritannien war, habe ich selbst zu Antisemitismus in Großbritannien recherchiert, habe auch mit Vertretern führender jüdischer Organisationen gesprochen - auch damals schwelte schon diese Auseinandersetzung in der Labour Party. Und da bekam ich zu hören, dass antisemitische Übergriffe in Großbritannien - ob nun verbal oder physisch - deutlich zugenommen haben, sicherlich auch in den sozialen Netzwerken. Und dass ausgerechnet der Chef der Labour Party in einer solchen angespannten Situation es nicht vermag, überzeugend gegen Antisemitismus aufzutreten, das erschüttert viele Juden in Großbritannien. Man hat mir damals, zumindest anekdotisch, erzählt, dass in der Community zu hören sei, dass der eine oder andere überlegt - nicht nur wegen Labour oder wegen Corbyn, aber wegen eines wahrgenommenen wachsenden Antisemitismus Großbritannien den Rücken zu kehren.

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Dieses Thema im Programm:

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