Stefan Hensel © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt

Stefan Hensel wird Hamburgs erster Antisemitismus-Beauftragter

Stand: 30.06.2021 18:20 Uhr

Hamburg bekommt am Donnerstag seinen ersten Antisemitismus-Beauftragten. Das Ehrenamt übernimmt Stefan Hensel, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hamburg.

Stefan Hensel © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt
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Herr Hensel, in den meisten anderen Bundesländern gibt es diese Institution des Antisemitismus-Beauftragten schon. Nicht aber in Bremen: Dort setzt man stattdessen auf ein Forum mit unterschiedlichen Akteuren. Den Antisemitismus-Beauftragten als Institution nennt die Jüdische Gemeinde in Bremen "ein lebendig gewordenes Versagen der demokratischen Gesellschaft". Wie klingt das in Ihren Ohren?

Stefan Hensel: Zunächst einmal muss man sagen, dass jedes Bundesland einen eigenen Umgang damit hat und sich eine eigene Ausstattung für dieses Amt überlegt hat. Wenn in Bremen ein anderer Weg gegangen wird, dann finde ich das interessant, weil wir erst ganz am Anfang sind mit diesen Aufgaben, die dann auf Landesebene umgesetzt werden. Ich glaube, nach einigen Jahren können wir evaluieren und sehen, was wir erreicht haben, und vielleicht muss man dann noch umsteuern. Ich finde es interessant, dass wir ein Bundesland haben, das da einen sehr eigenen Weg geht.

Warum halten Sie Ihr Amt des Antisemitismus-Beauftragten für wichtig und essentiell?

Hensel: Wir haben in den letzten Jahren eine höhere Sensibilität für Antisemitismus - ich würde lieber von Judenhass sprechen, weil es das etwas anschaulicher macht. Es geht um das Vorurteil gegen Juden und das Gerücht über Juden. Wir haben eine Zunahme von antisemitischen Straftaten. Vor wenigen Tagen hat der Antisemitismus-Report herausgestellt, dass es im letzten Jahr 1.909 antisemitische Straftaten gab. Es gab jeden Tag vier bis acht Straftaten unterschiedlicher Natur - von Beleidigung über Sachbeschädigung bis hin zu körperlichen Angriffen. Das zeigt, dass hier Handlungsbedarf ist. Ich bin nicht nur der Antisemitismus-Beauftragte, sondern auch Beauftragter für jüdisches Leben - und da gibt es eine Menge aufzuzeigen, wie Jüdinnen und Juden in Hamburg die Stadt mitgestalten und mitgestaltet haben.

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Die Zahl der judenfeindlichen Vorfälle in Deutschland ist nicht nur hoch, sie ist im vergangenen Jahr auch signifikant gestiegen. Was denken Sie, woran das liegt?

Hensel: Ich denke, da gibt es unterschiedliche Faktoren. Zum einen ist es so, dass viele jüdische Menschen Straftaten nicht gemeldet haben, weil sie im weitesten Sinne gedacht haben, dass das nichts bringt. Wir haben jetzt durch eine höhere Sensibilität im Umgang mit antisemitischen Straftaten, aber auch mit Rassismus und anderen Diskriminierungsformen, eine Situation, wo Menschen das doch eher melden. Gleichzeitig gab es bei der Erfassung von Straftaten einen Wechsel. Lange Zeit ist es so gewesen, dass jede antisemitische Straftat immer dem Rechtsextremismus zugeordnet wurde, und jetzt gibt es eine Differenzierung. Diese ganzen Diskussionen und Momentaufnahmen führen dazu, dass Menschen bereit sind zu sagen: Hier ist mir etwas widerfahren, was nicht richtig ist, und ich melde diese Tat.

Antisemitische Stereotype zirkulieren auch zunehmend im Netz - nicht nur in abseitigen Verschwörungsforen, sondern auch auf Plattformen der gesellschaftlichen Mitte. Sie sind im engen Austausch mit den jüdischen Gemeinden, gerade auch mit jungen Menschen. Was hören Sie von denen?

Hensel: Viele Jugendliche haben gerade in den letzten Wochen festgestellt, dass sie doch nicht so in der Gesellschaft angekommen sind, wie sie es eigentlich gedacht haben. Wenn ich in einer Gruppe bin, dann heißt es ja nicht, dass ich mich in meiner ganzen Vielfalt oute. Das hat oftmals gar keine Relevanz in einem Freundeskreis oder im Klassenverband. Wenn es dann aber zu Auseinandersetzungen kommt oder zu Diskussionen, werden zum Beispiel diese Stereotype über Juden offen geäußert. Und das bringt Jüdinnen und Juden dazu, dass sie noch weniger bereit sind, sich selber als Jüdin und Juden anderen gegenüber zu zeigen, weil das dazu führen kann, dass man dann nicht mehr Teil dieser Gruppe ist.

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Oft ist nach judenfeindlichen Ausschreitungen in Deutschland von "importiertem Antisemitismus" die Rede. Machen es sich die Menschen nicht zu leicht mit diesem Verweis auf den Judenhass "der Anderen"?

Hensel: Ich glaube, dass Menschen es sich damit auch leicht machen, insbesondere der politische Rand. Sie versuchen, den Antisemitismus ausschließlich geflüchteten Menschen zuzuschreiben. Da haben Sie vollkommen Recht, das ist Quatsch. Wir wissen aus Umfragen, dass ungefähr ein Viertel der Bevölkerung nahezu ein geschlossenes antisemitisches Weltbild hat und Thesen zustimmt, die sich glücklicherweise nicht in seiner Wahlentscheidung wiederfinden. Nichtsdestotrotz müssen wir anerkennen, dass insbesondere bei den Demonstrationen und den daraus resultierenden Ausschreitungen, die es jetzt rund um den Nahost-Konflikt gibt, vielfach Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund beteiligt waren. Wir haben Festnahmen von Menschen gehabt, die als Geflüchtete zu uns gekommen sind. Ich glaube, dass Pauschalisierungen uns nicht weiterhelfen - aber ich glaube auch, dass das Verschließen vor Realitäten eine Situation schafft, wo wir mit Programm, mit Bildung oder mit Begegnung überhaupt nichts erreichen können.

Es gab ja zuletzt auch in Hamburg einen antisemitischen Aufmarsch der "Muslim Interaktiv". Sie haben sich im Anschluss geäußert und die Schließung des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) gefordert: Es sei eine Bedrohung für die in Hamburg lebenden Juden. Inwiefern?

Hensel: Der Satz geht weiter: für in Hamburg lebende Juden und Muslime. Ich bin gar nicht daran interessiert, über das IZH zu sprechen. Weil das Reden über dieses Zentrum, das vom Iran gesteuert wird und seit Bestehen des Hamburger Verfassungsschutzberichtes immer dort auftaucht, den Blick auf das verstellt, was Muslime und ihre Verbände in Hamburg leisten: in der Integrationsarbeit, aber auch in der Bildungsarbeit und im Kampf gegen Antisemitismus.

Was sehen Sie als Beauftragter für das jüdische Leben in Deutschland als Ihre herausragenden Aufgaben?

Hensel: Nachdem ich in den letzten Monaten mit sehr vielen Institutionen und Einzelpersonen sprechen durfte, kann ich feststellen, dass wir in der Stadt viele Menschen und Initiativen haben, die sich für die Bekämpfung von Antisemitismus, aber auch gegen andere menschenbezogene Feindlichkeit oder Rassismus einsetzen. Ich möchte dem Ganzen ein bisschen mehr Sichtbarkeit geben. Initiativen, die an den Schulen seit Jahren Austausch mit Israel haben; Menschen, die mit Schüler- oder Jugendgruppen Stolperstein-Projekte machen und versuchen an individuellen Biografien von realen Menschen, die Leid erlitten haben oder getötet wurden, Empathie zu erzeugen - das sind Dinge, die mir sehr am Herzen liegen und die wir als Leuchtturmprojekte herausstellen müssen. Wir haben in der Stadt eine ganze Bandbreite von diesen Leuchtturmprojekten, die von den Sportverbänden, von den politischen Organisationen, aber auch von den muslimischen Verbänden mitgestaltet werden. Und wir haben einen gut funktionierenden interreligiösen Dialog in der Stadt. Das ist etwas, worauf wir als Stadt stolz sein können. Wir müssen alles daran setzen, diese Projekte zu fördern und herauszustellen, sodass es viele Nachahmerinnen und Nachahmer findet.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.06.2021 | 18:00 Uhr