Stand: 17.05.2018 17:40 Uhr

Preis an Broder: "Eine richtig gute Entscheidung"

Das Nordseebad Otterndorf an der Niederelbe vergibt alle drei Jahre den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Literatur und Politik. Mit dem Preis werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geehrt, die sich um Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit und Freiheit verdient gemacht haben. In diesem Jahr soll der Preis dem Publizisten Henryk M. Broder verliehen werden - und das ruft Proteste hervor. Mitgetragen hat die Entscheidung der Herausgeber der Zeitung "Die Welt", Stefan Aust, der auch Sprecher der Jury ist.

Herr Aust, es ist ungewöhnlich, dass eine Jury, nachdem sie die Entscheidung gefällt hat, keine Begründung veröffentlicht. Das war in diesem Fall so. Helfen Sie uns bitte weiter: Warum bekommt Henryk M. Broder diesen Preis?

Bild vergrößern
Stefan Aust ist Herausgeber der "Welt" und Jury-Sprecher für den Otterndorfer Voß-Preis.

Stefan Aust: Das ist mir neu, dass wir jemals eine Begründung abgeliefert und veröffentlicht haben, bevor der Preis vergeben worden ist. Es wird natürlich eine Begründung bei der Preisverleihung geben. Ich bin von Anfang an dabei, und wir haben uns immer darüber Gedanken gemacht, wer dafür infrage kommt. In diesem Fall war es noch nicht mal meine Idee, denn ich kenne ihn sehr lange, und wenn man jemanden sehr lange kennt und auch noch in derselben Firma mit ihm arbeitet, dann schlägt man jemanden normalerweise nicht vor. Aber als die Idee kam, war ich davon sehr angetan, weil ich Henryk M. Broder sehr lange kenne, ihn sehr schätze, auch nicht mit jedem seiner Artikel einverstanden bin, aber insgesamt finde ich, dass er ein fast perfekter Empfänger für einen solchen Preis ist. Denn er ist als Publizist mutig und individuell, er kann seine Meinung außerordentlich gut formulieren, kann sie sehr gut begründen, ist ein echter Individualist, ist mutig in dem, was er sagt. Und deswegen finde ich, dass er sehr gut dafür geeignet ist.

Nun gibt es eine Initiative in Otterndorf, die - das hat sie auch in einer Anzeige in der "Niederelbe Zeitung" so formuliert - diese Entscheidung entschieden ablehnt, "da Henryk M. Broder mit seinen öffentlichen Äußerungen nicht nur inhaltlich, sondern vor allem in Sprache und Stil die mit der Auszeichnung zu würdigenden Werte bewusst missachtet". Als Beispiele werden einige verbale Entgleisungen von Broder zitiert. Können Sie das nachvollziehen?

Weitere Informationen

Streit um Preis an Broder spitzt sich zu

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis der Stadt Otterndorf soll für Menschlichkeit stehen. In diesem Jahr soll er an den Publizisten Henryk M. Broder gehen, doch das sorgt für Streit. mehr

Aust: Jeder kann seine Meinung äußern. Man hat nur manchmal den Eindruck, dass manche Leute ihre eigene Position als die allein seligmachende sehen und alles andere ablehnen. Ich weiß nicht, wer das ist, und es ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal. Ich finde, das war eine gute Entscheidung, und ich stehe voll dazu und werde sicherlich auch einiges dazu sagen. Mir ist ein unbequemer Publizist, der gelegentlich Leuten auf die Füße tritt, sehr viel lieber als jemand, der immer die Mehrheitsmeinung gerade vertritt.

Aber wenn Broder Andersdenkende als zum Beispiel "Parasiten" beschimpft, als "Anal-Phabeten", als "Lumpen vom Dienst", "Jung-Stürmer" und "autistische Schmieranten", dann ist es doch schwierig, das mit den Werten von Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit und Freiheit zu vereinbaren, oder?

Aust: Diese aus dem Zusammenhang gerissenen Worte kann ich im Augenblick nicht einordnen in die Texte, in die er sie tatsächlich geschrieben hat - wenn er sie denn so geschrieben hat. Man kann sehr leicht irgendwelche Sachen aus dem Zusammenhang reißen, um zu versuchen, jemanden dadurch zu diskreditieren. Ich bin sehr fest davon überzeugt, dass wir damit eine richtig gute Entscheidung getroffen haben, und wenn Leute dagegen sind, sollen sie dagegen sein - sie können sich ja das nächste Mal in die Jury wählen lassen oder selbst einen Preis vergeben. Ich weiß auch nicht, was diejenigen, die da irgendwelche Anzeigen veröffentlichen, früher gemacht haben oder was sie sonst machen oder wo die etwas veröffentlichen. Ich bin nun ziemlich lange in dem Geschäft, und da kenne ich Leute, mit deren Meinung ich sehr skeptisch umgehe.

Porträt

Stefan Aust: Der Vollblutjournalist

Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur ist einer der wichtigsten deutschen Journalisten. Aust, der 2016 seinen 70 Geburtstag feierte, leitet heute die "WeltN24"-Gruppe. mehr

Würden Sie da auch die Weser-Elbe-Sparkasse einsortieren? Denn die hat bisher den Preis mit 10.000 Euro unterstützt. Das tut sie diesmal nicht, deshalb muss die sehr kleine Stadt für das sehr hohe Preisgeld aufkommen. Würden Sie da auch sagen, dass die irgendwelche bösen Interessen verfolgen?

Aust: Wenn der Direktor, oder wer das nun gerade ist, einer bestimmten Sparkasse mit einer Preisverleihung, wo es eine Jury gibt, nicht einverstanden ist und dafür das Preisgeld nicht ausgeben will, dann muss er das eben lassen. Aber soll man sich von einer ländlichen Sparkasse vorschreiben lassen, wer einen Preis kriegt oder nicht? Soll dann die Jury sagen: Oh, der Chef der Sparkasse will nicht zahlen - jetzt machen wir einen Rückzieher und suchen uns jemand anderen? Da ist doch der Absurdität Höhepunkt erreicht, oder?

Sie sind Herausgeber der "Welt", Herr Broder ist Kolumnist der "Welt". Der Laudator wird Dirk Schümer sein, Redakteur der "Welt": die "Welt" zu Gast in Otterndorf. Das hat ein gewisses Geschmäckle, finden Sie nicht?

Aust: Nö, finde ich eigentlich nicht. Wie gesagt, es war nicht meine Idee, aber ich bin sehr dafür und ich finde, dass Dirk Schümer ein außerordentlich kluger und gut schreibender Mensch ist. Wir werden uns nicht jemanden holen, der gleichzeitig eine Anzeige gegen den Preisträger veröffentlicht, um eine Laudatio zu halten. Sondern es geht darum, einen möglichst interessanten Text zu haben, der vorgetragen wird, und das wird Dirk Schümer ganz sicherlich tun.

Das Interview führte Jürgen Deppe


17.05.2018 17:40 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews wurde an einer Stelle der Eindruck erweckt, Henryk M. Broder habe die Bezeichnung "parasitäres Pack" in Bezug auf Flüchtlinge verwendet. Dies trifft jedoch nicht zu. Herr Broder hat diese Bezeichnung in einem anderen Zusammenhang verwendet. Aus diesem Grund ist der entsprechende Hörfunk-Beitrag nicht mehr verfügbar. Im Text ist die Passage geändert worden.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.05.2018 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

53:36
NDR Info

"Thabo - Die Krokodil-Spur"

20.05.2018 14:05 Uhr
NDR Info
44:24
NDR Fernsehen

Geheimnisvolle Orte - Helgoland

20.05.2018 12:00 Uhr
NDR Fernsehen
57:24
NDR Info