Stand: 12.07.2019 16:43 Uhr

Stauffenbergs Vermächtnis

von Herfried Münkler

Am 20. Juli 1944 versucht der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Diktator Adolf Hitler in der Wolfsschanze mit einer Bombe zu töten. Doch der Anschlag und der geplante Staatsstreich misslingen, Stauffenberg und seine Mitverschwörer werden noch in der Nacht im Hof des Bendlerblocks in Berlin erschossen. Wäre Stauffenberg, der "glühende Patriot und leidenschaftliche deutsche Nationalist" erfolgreich gewesen, so wäre der nachfolgende Staat wohl nicht demokratisch gewesen. Dennoch: Welches Vermächtnis hinterlässt der Widerständler - und was hat uns seine Tat heute noch zu sagen?

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Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler

Nicht wenige europäische Länder berufen sich auf Revolutionen als legitimatorischen Gründungsakt. Die Deutschen können in ihrem politischen Selbstverständnis damit nicht aufwarten: Die Revolution von 1848 scheute vor dem Sturz der Monarchien zurück, und die Revolution von 1918, die mit dem Sturz der Monarchen ernst gemacht hatte und aus der die erste deutsche Demokratie hervorging, war mit der Bürde der Niederlage im Ersten Weltkrieg belastet. Sie vermochte nie den politischen Glanz zu entfalten, der im Selbstverständnis der Deutschen einen politischen Wendepunkt hätte markieren können. In der späteren Erinnerung stand sie obendrein unter dem Eindruck ihres schon früh einsetzenden Zerfalls und des Aufstiegs der Nazi-Bewegung. Also wurde für die Bundesrepublik seit den 1950er Jahren der Widerstand gegen Adolf Hitler und das NS-Regime zum legitimationspolitischen Bezugspunkt, und das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde zum Erinnerungsort dieses Widerstands. Es war die Aktion einer kleinen Verschwörer-Gruppe, angeführt von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die als Ersatz für den fehlenden revolutionären Aufstand des Volkes gegen den Nationalsozialismus herhalten musste.

Es waren keine überzeugten Demokraten, die das Attentat durchgeführt hatten

Ein dunkler Schatten der Vergeblichkeit lag auch auf dieser Gründungserzählung der alten Bundesrepublik, denn der Fehlschlag des Attentats ließ den mit ihm eingeleiteten Staatsstreich nach wenigen Stunden in sich zusammenbrechen. Der DDR erging es in dieser Hinsicht nicht besser, denn auch der kommunistische Widerstand gegen das NS-Regime, auf den sie sich berief, war erfolglos und hatte es nicht einmal zu einer dem Bombenattentat in der Wolfsschanze vergleichbaren Aktion gebracht. Dafür ließ sich in der DDR wenigstens eine ideologische Kontinuitätslinie zwischen den kommunistischen Widerstandszellen und dem politischen Selbstverständnis des neuen Regimes herstellen, was in der Bundesrepublik beim Rückbezug auf die Kerngruppe der Hitler-Attentäter kaum möglich war: Von einigen Ausnahmen abgesehen waren es keine überzeugte Demokraten, die das Attentat geplant und durchgeführt hatten. Das ist immer wieder gegen den legitimationspolitischen Rückbezug der Bundesrepublik auf die Attentäter vom 20. Juli geltend gemacht worden: Es war eine militärisch geprägte Elite, die den Staatsstreich wagte, und das Antriebsmoment zu diesem Wagnis war nicht zuletzt deren ausgeprägtes Elitebewusstsein.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der «Kanzlei des Führers», Martin Bormann (l), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944). Als am 20. Juli 1944 gegen 12.50 Uhr der Sprengsatz in der «Wolfsschanze» detoniert, ging Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom Tod des Diktators aus. Für den Attentäter schien das größte Hindernis für den Sturz der Nazis beseitigt. © dpa Bildfunk Foto:  Heinrich Hoffmann

Stauffenbergs Vermächtnis

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Zum 75. Jahrestag des Hitler-Attentats fragt Herfried Münkler: Welches Vermächtnis hinterlässt der Widerständler Stauffenberg - und was hat uns seine Tat heute noch zu sagen?

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Eine doppelte Abgrenzungserzählung

Und doch hatte der Bezug auf das Attentat vom 20. Juli für das politische Selbstverständnis der frühen Bundesrepublik eine herausragende Funktion. Es handelte sich nämlich um eine doppelte Abgrenzungserzählung, mit der sich die Bonner Republik gegen das untergegangene NS-Regime wie gegen die politischen Legitimitätsnarrative der DDR abgrenzte. Diese doppelte Abgrenzung wurde zum Ersatz dafür, dass der Bundesrepublik keine historischen Kontinuitätslinien zur Verfügung standen beziehungsweise solche Kontinuitätserzählungen, sobald man sie herstellte, einen notorisch antidemokratischen Grundduktus hatten. Dabei hatte die Anerkennung des Attentats als politisch identitätsstiftende Tat in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik einen schweren Stand, denn es gab nach wie vor viele, die in den Attentätern Vaterlandsverräter sahen, die den Soldaten an der Front in den Rücken gefallen seien. Und auch sonst gab es nicht wenige, die Sympathien für bestimmte Elemente des NS-Regimes behalten hatten - vom Bau der Autobahnen bis zum Lob der Volksgemeinschaft. Nicht zuletzt an sie war die Zäsur-Erzählung des Attentats adressiert: Gerade weil er selbst zeitweilig Sympathien für das NS-Regime gehabt hatte, eignete sich Stauffenberg so gut als Markierung des Bruchs.

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DDR nahm für sich in Anspruch, das "bessere Deutschland" zu sein

Es ging aber auch um eine Differenzmarkierung zur DDR: Die nämlich nahm den antifaschistischen Widerstand der politischen Linken für sich in Anspruch und machte der Bundesrepublik zum Vorwurf, mit der faschistischen Tradition nicht wirklich gebrochen zu haben; das könne man schon daran sehen, dass viele ehemalige NSDAP-Mitglieder im Westen Deutschlands wieder führende Positionen innehätten. Sich in die Tradition des antifaschistischen Widerstands stellend, nahm die DDR für sich in Anspruch, das "bessere Deutschland" zu sein, und überspielte so, dass sie weder mit demokratischer Teilhabe noch bürgerlichen Freiheitsrechten etwas zu tun haben wollte. Im Gegenzug verwies die Bundesrepublik auf die Attentäter vom 20. Juli und die mit ihnen vernetzten Widerstandsgruppen: Gegen den proletarischen machte sie den aristokratischen und bürgerlichen Widerstand gegen das NS-Regime geltend. Das Hitler-Attentat war die westdeutsche Antwort auf den ostdeutschen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 14.07.2019 | 19:00 Uhr

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