Stand: 27.09.2019 17:11 Uhr

Stadt. Land. Spaltung

von Paul Nolte

Die jüngsten Wahlergebnisse in Deutschland und Europa haben es gezeigt: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Differenzen existieren vielleicht gar nicht mehr so sehr zwischen Ost und West, sondern vielmehr zwischen den Dörfern und den Metropolen, zwischen kleinen, mittleren und großen Städten und der Provinz. Kurzum: zwischen Stadt und Land. Daraus können politische Spannungen erwachsen - die ihren Ausdruck etwa in den Protesten der Gelbwesten in Frankreich finden - was historisch durchaus nichts Neues ist. Gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, wie es die Politik anstrebt, bleibt schwierig.

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Paul Nolte ist Professor für Zeit-Geschichte an der FU Berlin.

Fanden Sie den Erdkundeunterricht langweilig und können sich auf Landkarten nicht gut orientieren? Schade, denn einige der spannendsten politischen Entwicklungen unserer Tage werden auf solchen Karten verblüffend klar erkennbar. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen bildeten die von der AfD direkt gewonnenen Wahlkreise einen soliden Streifen im Osten beider Bundesländer, unmittelbar an der Grenze zu Polen. Die politische Landkarte der USA war schon vor Präsident Donald Trump weithin rot eingefärbt, für die Republikaner, während das Blau der Demokraten sich vor allem an den dicht besiedelten Küstenstreifen des Atlantiks und Pazifiks findet.

Können Sie mit Statistiken wenig anfangen? Wiederum schade, denn solche Zahlen offenbaren einen der spannendsten sozialen Trends der Gegenwart: das Wachstum der großen Städte, in denen immer mehr Menschen leben und ihre Chancen suchen wollen, nicht nur in Ostasien oder in Lateinamerika, sondern auch wieder in Europa, in Deutschland. Dabei ist es noch nicht so lange her, dass die Enge der Städte abschreckte und junge Familien ihr Zuhause lieber am Stadtrand suchten.

Geschichte der Stadt-Land-Entwicklung

Historisch gesehen ist beides nicht neu: die Landflucht, der Zug in die Städte, die teils krassen Unterschiede zwischen städtischer und ländlicher Lebensweise ebenso wenig wie Differenzen in der politischen Orientierung der Großstädter und der Landbewohner. Viele deutsche Städte wurden im Mittelalter gegründet, aber erst im 19. Jahrhundert, im Zeitalter von Industrieller Revolution und Eisenbahn, wuchsen sie rasant und erhielten ihre noch heute erkennbare Gestalt. Vor etwa hundert Jahren war das Leben in Metropolen wie Hamburg oder Berlin radikal anders als auf dem Land, manchmal nur 30 Kilometer entfernt. Die Städter verachteten die Landleute, und diese fürchteten die Städte als Sümpfe der Sittenlosigkeit.

Historiker Paul Nolte © dpa picture alliance Foto: Horst Galuschka

Stadt. Land. Spaltung

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Neue Verwerfungen in einem alten Konflikt: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Differenzen existieren heute weniger zwischen Ost und West, sondern eher zwischen Stadt und Land.

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Doch bald stagnierte das städtische Wachstum, während die Kleinstädte und das Land aufholten. Die Annehmlichkeiten des "urbanen" Lebens erreichten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die Provinz. Die Bundesrepublik machte die "gleichwertigen Lebensverhältnisse" in allen Teilen des Landes sogar zum politischen Programm. Auch kleine und mittlere Städte bekamen ihr Hallenbad und ihre Fußgängerzone, in der man vor den Schaufenstern flanierte fast wie in der Metropole. In der DDR dagegen wurden die Stadt-Land-Unterschiede, entgegen der sozialistischen Gleichheitsideologie, viel stärker bewahrt - das wirkt übrigens in Ostdeutschland bis heute nach. Zur gleichen Zeit verließen weiße Mittelschichtfamilien in Scharen die US-amerikanischen Innenstädte und ließen sich in endlos ausufernden Vorstädten, den "Suburbs" nieder.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts aber ist vieles wieder ganz anders. Inzwischen wachsen nicht nur die großen deutschen Städte wieder rasant. Wohnungen sind knapp, Mietpreise schießen in die Höhe. Trotzdem wollen junge Familien jetzt in der städtischen Dichte leben, und viele Ladenlokale in den einst stolzen kleinstädtischen Fußgängerzonen stehen leer.

Neue Differenzen treten auf

Das ist die eine Seite. Aber warum sollten allein daraus politische Unterschiede entstehen, über die wir heute so intensiv diskutieren, nicht nur in Deutschland, sondern fast überall in Europa und auch in Nordamerika? Sind Großstädter links, progressiv, weltläufig, Landleute dagegen provinziell, konservativ, anfällig für den Populismus? So einfach ist es natürlich nicht, und vor allem muss man sich hüten, daraus einen Unterschied zwischen Gut und Böse zu konstruieren. Gleichwohl: Städte waren immer schon Orte der Zuwanderung, Orte mit mehr sozialer Vielfalt und weniger sozialer Kontrolle. In Städten werden technische Innovationen erprobt, aber hier leben sich auch künstlerische Kreativität aus ebenso wie sozialer Dissens und Protest, vor allem unter jüngeren Leuten. Mit dieser politischen Geographie sind viele von uns aufgewachsen: Die "roten", sozialdemokratischen Städte gegen das "schwarze", unionsdominierte Land.

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Aber das Zeitalter von rot und schwarz, die Ära der Volksparteien und ihrer Lager ist vorbei. In Zeiten der Globalisierung und des Populismus ist der Stadt-Land-Unterschied politisch neu codiert worden. An die Stelle des Gegensatzes von links und rechts, von progressiv und konservativ treten neue Differenzen: zum Beispiel diejenige zwischen Optimisten und Pessimisten, zwischen Zuversichtlichen und Verängstigten. Viele Menschen sind überzeugt, die neue, kompliziertere, vielfältigere Gesellschaft bewältigen und gestalten zu können, selbst wenn es dafür großer Anstrengungen bedarf - Stichwort: Klimapolitik. Sie fühlen sich auch selber stark genug dafür, mit ihrer Bildung, ihrer großstädtischen Lebenserfahrung und nicht selten auch mit ihren Einkommen. Anderen dagegen machen die Veränderungen Angst: immer mehr Zuwanderung; neue Lebensregeln wie die "Ehe für alle"; die wieder forcierten Ansprüche von Frauen auf volle Gleichstellung. Sie wollen das geordnete Leben verteidigen, das sie aus der Kleinstadt kennen, und sehen in dem Wandel ein Projekt von Eliten, das ihnen aufgezwungen werden soll. Tatsächlich haben diese Ängstlichen oft - aber keineswegs immer - die schlechtere Bildung, die schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt, weniger Geld im Portmonee.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 29.09.2019 | 19:00 Uhr

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