Sonja Anders im Porträt  Foto: Christophe Gateau

Staatstheater Hannover startet mit neuem Online-Programm

Stand: 14.01.2021 17:00 Uhr

"Wir stellen das Online-Programm neu auf!", heißt es auf der Homepage des Staatstheaters Hannover. "Digital, interaktiv und vor allem live". Wie soll das konkret aussehen? Ein Gespräch mit der Intendantin Sonja Anders.

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Frau Anders, Sie erstellen gerade eine digitale Bühne auf der Cumberlandschen Bühne. Muss also die Antwort der Theater und Opernhäuser auf die geschlossenen Häuser der Ausbau sein, das Etablieren eines digitalen Raums?

Sonja Anders: Im Grunde sind wir schon länger dabei, uns mehr in diese Richtung zu orientieren. Jetzt werden wir quasi dazu gezwungen, das noch mehr zu forcieren. Ich glaube, dass das auch richtig so ist. Gleichzeitig merken wir, dass wir das Publikum sehr vermissen und haben deshalb jetzt vermehrt auf "live" gesetzt.

Sie sagten auf NDR Kultur, es mache auch Spaß, darüber nachzudenken, wer sie – also die Theaterleute und das Theater selbst – im Digitalen sind. Sind aus diesem Spaß auch schon konkrete Antworten erwachsen?

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Sonja Anders blickt in die Kamera © picture alliance/Christophe Gateau/dpa Foto: Christophe Gateau

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Anders: Ja, in gewisser Weise schon - auf der anderen Seite suchen wir noch. Ich finde, dass das Theater in erster Linie von der Versammlung lebt oder eine Art Parlament ist. Das hat damit zu tun, dass das Publikum aktiv an dem Kunstprozess teil hat. Das ist ein performativer Kunstprozess, und das Publikum reagiert und wir reagieren. Da haben wir gemerkt, dass uns uns das auch digital interessiert. Deshalb haben wir vermehrt an Zoom-Formate, an Live-Formate gedacht, um auch das Fehlerhafte des Theaters mehr in den Fokus zu nehmen, das Spontane, das Reagieren, und nicht zu sehr dem Film nachzueifern.

Gibt es da eine eigene Ästhetik, die nicht dem Film gleichgestellt wird, sodass wir Zuschauer nicht anfangen, das zu vergleichen?

Anders: Was das Artifizielle unserer Ästhetiken angeht, werden wir uns immer stark von dem Mainstream-Film abgrenzen. Es gibt auch durchaus Filmformate, die artifizieller sind, die bildhafter agieren oder den Menschen sehr nahe kommen. Aber das macht schon das Theater aus: Wir haben in der Regel Bühnenbilder und keine echten Wohnzimmer, keine echten Bäume, sondern stilisierte Bäume. Der andere Punkt ist die Art des Erzählens, die oftmals auch viel artifizieller ist oder viel stilisierter. Wo spricht man im Film in Reimen? All diese Dinge versuchen wir jetzt zu sammeln und zu schauen, was uns eigentlich ausmacht.

Heute Abend ist die Gesprächsreihe "ABC der Demokratie" als Zoom-Veranstaltung erlebbar. Zu Gast ist der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers. Mittlerweile sind Sie bei P wie Parlament. Warum eine Debatte zu diesem Thema?

Anders: Wir haben bereits die ganze Spielzeit ein Thema verfolgt, das wir grob "Die Demokratie und ihre Gefährdungen" genannt haben. Wir wurden ein bisschen von der Realität überholt. Die Entscheidung für Christoph Möllers haben wir auch schon länger gefällt. Trotzdem hat dieses Thema des Parlaments und die Hinterfragung dieses Parlaments eine echte Aktualität. Da muss man nicht unbedingt nach Amerika schauen, um diese Brisanz zu erleben, die durchaus auch eine Gefährdung werden könnte - auch in Bezug auf unseren Staat. Ich finde darüber hinaus, dass Theater auch wie ein Parlament funktioniert. Deshalb habe ich selber so ein Vergnügen an diesem P wie Parlament gehabt.

Bemerken Sie, dass das Theater wieder politischer wird beziehungsweise die Debattenkultur pflegen möchte?

Anders: Absolut. Das hat zum einen politische Gründe, aber auch, weil Kultur noch mal anders debattiert werden muss: Welchen Wert hat Kultur? Welchen Sinn? Wie müssen wir uns gesellschaftlichen, politischen Fragen stellen? Das Theater war ja immer politisch - aber es hat sich auch eine Weile mit rein ästhetischen Fragen beschäftigt. Wenn ich daran denke, dass wir in den 90er-Jahren ganze Spielzeiten über Langeweile nachgedacht haben, dann graust es mir heute.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.01.2021 | 18:00 Uhr