Stand: 22.02.2019 12:00 Uhr

"Nabucco" in Hamburg: Inszenierung per USB-Stick

von Peter Helling

Giuseppe Verdis Oper "Nabucco" ist ein großes Drama der Befreiung von Knechtschaft. An der Hamburgischen Staatsoper wird die Oper gerade inszeniert - und zwar von einem ganz besonderen Regisseur, Kirill Serebrennikov. Der international gefeierte Theatermacher steht seit zwei Jahren in Moskau unter Hausarrest. Die derzeitigen Proben an der Hamburgischen Staatsoper laufen ganz anders als sonst üblich. Am 10. März ist die Premiere, die live auf NDR Kultur übertragen wird.

Die Probebühne der Staatsoper. Die Sänger sitzen auf Klappstühlen, sehen andächtig in Richtung eines aufgeklappten Laptops. Auf dem Bildschirm: der Regisseur, Kirill Serebrennikov - in seiner kleinen Moskauer Wohnung. Eine aufgezeichnete Videobotschaft. "Liebe Freunde, wir machen heute weiter, ein bedeutender Tag, denn wir proben heute eine Schlüsselszene." Er richtet sich dabei direkt an Dimitri Platanias, der die Titelpartie singt - heute soll Nabucco einen Schwächeanfall in aller Öffentlichkeit bekommen. Das Besondere: Der Regisseur kann nur per Video inszenieren, denn seit fast zwei Jahren steht er unter Hausarrest, noch laufen die Verfahren. Serebrennikov wird Subventionsveruntreuung vorgeworfen: Er soll Zuwendungen für Stücke bekommen haben, die nie stattgefunden hätten, heißt es. Der Theatermacher weist die Vorwürfe zurück. Kritiker sprechen davon, dass die kritische Kulturszene in Russland mundtot gemacht werden soll.

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Der Regisseur Kirill Serebrennikov steht seit zwei Jahren unter Hausarrest.

Serebrennikov hat kein Internet - kein Telefon. Einziger Kontakt nach außen sind USB-Sticks, die ein Anwalt fast jeden Tag in seine Wohnung bringt. Mit Videos vom aktuellen Probenstand in Hamburg. Er führt Fern-Regie, sagt Dramaturg Sergio Morabito. "In der Regel haben wir dann meistens am nächsten Tag von ihm eine Rückmeldung".

Keine Zeit für Tristesse

Serebrennikovs Beschreibungen sind plastisch, anschaulich. Nabucco-Sänger Platanias soll sein Hemd aufknöpfen, sich auf einen Stuhl fallen lassen. Der Regisseur spricht mit den Sängern und Sängerinnen, als hätten sie gerade etwas ausprobiert. Höflich ist er, humorvoll. Und gleich nach seiner Kritik geht es zurück in die Szene. Ein wichtiges Bindeglied zwischen Regie und Szene ist Ko-Regisseur Evgeny Kulagin. Er und sein Team sind der verlängerte Arm der Regie vor Ort. Sofort spürt man die konstruktive Arbeitsatmosphäre. Kulagin sagt lächelnd: "Es gibt keine Zeit für Tristesse, wir müssen uns im Gegenteil zusammentun, zusammenarbeiten und stark sein." Ihre Position, ihre Gedanken - die drückten sie alle hier über ihre Arbeit aus. Darum gehe es.

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Der griechische Bariot Dimitri Platanias singt in Serebrennikovs "Nabucco" die Titelrolle.
Bloß kein Opfer - sondern Künstler

Den Regie-Auftrag hat Serebrennikov schon im Herbst 2016 bekommen. Staatsopern-Intendant Georges Delnon verspricht sich einen politischen Abend - eben kein Sandalen-Theater im Arena-von-Verona-Stil. Sondern einen zeitgemäßen Zugriff. "Das klingt fast ein bisschen wie schwarzer Humor, aber gerade dadurch, dass er so festgesetzt ist da in Moskau, hat er natürlich wirklich Zeit, sich Gedanken zu machen über die Situation, wie die Dinge zusammenhängen." Serebrennikov habe im Moment wirklich den Überblick darüber, was zwischen Ost und West passiert. Der Regisseur selber wolle nicht als Opfer gesehen werden - das geschehe im Westen schnell, weiß Dramaturg Morabito.

Obwohl es wirklich so aussieht, als solle Serebrennikov mundtot gemacht werden. Es bedeute schon viel, wenn einer wie er unter Hausarrest gestellt werde, mit zwei Stunden Ausgang täglich. "Serebrennikov ist ja ein Regisseur, der in Russland von so hoher Bedeutung ist, der eine ganze Generation von Theatermachern geprägt hat, das Theater revolutioniert hat, das ist natürlich ein Warnschuss an sicher alle Kulturschaffenden", sagt Morabito.

Plenarsaal der Vereinten Nationen statt Babylon

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Der Dramaturg der Inszenierung: Sergio Morabito.

Der bekennende Buddhist Serebrennikov arbeite sich aber nicht an Feindbildern ab. Ihn interessierten menschliche Beziehungen und Abgründe - er sei dem universalen Gedanken der Kunst verpflichtet. Sein "Nabucco" spielt nicht im biblischen Babylon, sondern im nüchternen Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York. Die Geschichte der Juden, die an den einen Gott glauben - und die unter Nabuccos Knechtschaft leiden -, die verändert er komplett. "Die Idee des einen Gottes, könnte man sagen, hat Kirill übersetzt in die der einen Welt. Wir müssen uns von den Götzen der Nationalstaaten lösen, das ist seine Gleichung", sagt Sergio Morabito. Der assyrische Nabucco - bei Serebrennikov ist er ein ziemlich zeitgemäßer Herrschertyp - nach dem Motto: "Assyria first!" Morabito lacht. Was das Schicksal des Regisseurs angeht, ist er vorsichtig optimistisch. Eine Richterin habe vor zehn Tagen das bisherige belastende Material als nicht beweiskräftig eingestuft. "Der Anwalt von Kirill hat gesagt: Es ist ein Festtag." Noch ist alles offen. Tag für Tag werden sie sich wieder vor das Laptop setzen. Und werden einen sehr humorvollen und vor Kreativität überbordenden Regisseur erleben. Frei ist er - so oder so.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 21.02.2019 | 19:00 Uhr

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