Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins © picture alliance /dpa Foto: Paul Leclaire

Sport und Kultur: Konzept zur Rückkehr von Zuschauern vorgestellt

Stand: 22.02.2021 13:16 Uhr

Das "Bündnis Kultur, Wissenschaft und Sport" hat einen "integrierten Ansatz für Kultur und Sport" vorgestellt. Ein Gespräch mit dem geschäftsführenden Direktor des Bühnenvereins, Marc Grandmontagne.

Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins © picture alliance /dpa Foto: Paul Leclaire
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Herr Grandmontagne, ist das heute vorgelegte Konzept der von Besuchern, Beschäftigten und Betreibern so sehnlichst erwartete Anfang vom Ende des Kultur-Lockdowns?

Marc Grandmontagne: Zumindest hoffen wir das. Wir wollen damit zum einen noch einmal unterstreichen, auf welchen objektiven Erkenntnissen der Rückgang in die Normalisierung erfolgen könnte. Zum anderen ist es auch politisch ein Gesprächsangebot, weil wir damit hoffen, die sehr eindimensional geführte Diskussion um die Bekämpfung der Pandemie etwas zu erhellen und auch andere Wege aufzuzeigen.

In der Pressekonferenz hieß es, man sollte nicht um den Inzidenzwert kreisen wie um ein goldenes Kalb. Er gilt doch für die gesamte Gesellschaft - warum nicht auch für die Veranstaltungsbranche?

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Grandmontagne: Das ist richtig. Es hat sich in den letzten Monaten bestätigt, dass es richtig ist, auf diesen Wert zu schauen, aber er allein ist nicht selig machend. Die Theater und Orchester haben in den letzten Monaten erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Veranstaltungsstätten zu sicheren Orten zu machen. Wir haben das schon im letzten Sommer erfahren: Es gibt Abstand, Desinfektion, Masken, Sitzpläne, Wegeführungen, Kontaktnachverfolgung und so weiter. In den letzten zwölf Monaten sind auch die Erkenntnisse darüber gewachsen, wie dieses Virus sich verbreitet, und es haben an einigen Häusern auch Studien stattgefunden, aus denen wir etwas über die Verbreitungswege der Aerosole wissen. Die von den Häusern gemachten Veranstaltungskonzepte und auch das, was in unserem Leitfaden steht, basiert auf diesen Erkenntnissen. Hier geht es also nicht um irgendeine Form von Irrationalisierung, sondern darum, dass man objektiv etwas gegen die Verbreitung des Virus tun kann. Das würde uns in die Lage versetzen, die Veranstaltungsstätten schrittweise wieder aufzumachen. Denn gleichzeitig wachsen die Kollateralschäden in der Gesellschaft, je länger der Lockdown geht.

Dieses "modulare Konzept" klingt nach einem Baukastenprinzip. Um welche Bausteine handelt es sich dabei?

Grandmontagne: Es gibt drei Stufen: Es gibt Basiskonzepte, fachärztliche Hygienekonzepte und ein Maximalmodell mit Teststrategie. Das basiert auf den Erkenntnissen der letzten zwölf Monate. Das Tolle an dem Konzept ist, dass nicht wir das geschrieben haben, auch nicht der Sport, sondern 20 namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus diesem Bereich. Und die bestätigen im Prinzip das, was wir selber schon versucht haben, in die Politik zu geben. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir an dieser Stelle erkennen, dass der Lockdown, so nützlich er bisher war, jetzt an ein natürliches Ende gekommen ist. Man merkt, dass die soziale Spannung in der Gesellschaft zunimmt, und nach allem, was wir wissen, wird uns die Pandemie auch noch ein Stück begleiten. Die Impfungen dauern, es gibt immer mehr Mutationen, mit denen auch in Zukunft zu rechnen ist. Wir haben also ein Zukunftsszenario, dass es nicht möglich macht, dass wir uns weiter in so einem eindimensionalen Schema befinden, wo alle zu Hause bleiben und auf die Inzidenzzahl gucken. Denn irgendwann sinkt die Bereitschaft, die Menschen kompensieren das in einem nicht sichtbaren Bereich, die Infektionen steigen, und man weiß gar nicht, woher das kommt.

Wir können aufgrund dieser Erkenntnisse Veranstaltungsstätten zu sicheren Orten machen und bieten damit eine Form der sozialen Teilhabe an, die kontrolliert stattfindet. Das ist auch ein Beitrag zur Pandemiebekämpfung, allerdings ohne das Kind gleich wieder mit dem Bade auszuschütten.

In dem Basiskonzept ist oft die Rede davon, dass 25 bis 40 Prozent der Gesamtkapazität ausgelastet werden kann. Das ist für viele Kultureinrichtungen zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Hilft das dann wirklich?

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Grandmontagne: Da haben Sie Recht. Das ist aber nur das Basiskonzept - man kann durch Hinzunahme von modularen Bausteinen die Auslastung deutlich steigern. Zum anderen muss man sagen, dass für die Veranstaltungsstätten im Konzert- und Theaterbereich diese Differenzierungen zum Teil schon in den letzten Monaten durch Absprache mit den Gesundheitsämtern gewährleistet worden sind. Verschiedene Bundesländer haben jetzt die Raumluft-technischen Anlagen in den Häusern zertifiziert oder sie sind dabei, sie zu zertifizieren. Wir können also für die einzelnen Stätten passgenau herunterrechnen, bei welcher Frischluftzugabe wie viele Menschen, wie lange dort sein können, um welche Infektionswahrscheinlichkeit zu haben. Diese Eckpunkte sind wichtig, um wieder ins Spiel zu kommen, denn es hilft gar nicht, wenn diese Dinge irgendwann in der Unsichtbarkeit verschwinden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll in einer CDU-Gremiumssitzung gefordert haben, in vier Stufen den Lockdown ein wenig zu lockern. Darin soll ausdrücklich auch von Kultureinrichtungen die Rede gewesen sein. Könnten Sie Ihr Konzept nicht einfach gleich ans Kanzleramt weiterleiten?

Grandmontagne: Ich glaube, das passiert jetzt auch. Alle 40 Einrichtungen und Verbände, die daran beteiligt sind, haben dieses Konzept an die Öffentlichkeit gespielt und das wird auch ganz gezielt in die Politik gespielt. Ich bin mir also sicher, dass das da ankommt und auch gelesen wird. Wir verstehen natürlich auch die Sorgen und Nöte der Politik, dass sie jetzt nicht einen Schritt zu viel machen wollen. Aber wenn man guckt, welchen Weg wir bisher als Gesellschaft in dieser Pandemie zurückgelegt haben, sowohl unter Hinzugabe der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, als auch im sozialen Umgang miteinander, können wir jetzt mutiger sein und ein bisschen weiter differenzieren. Wenn man Regeln einhält und diese Regeln auch durchsetzt, dann können wir verantworten, dass wir ab einem bestimmten Punkt langsam wieder in eine Öffnung reingehen. Das wäre ein ganz wichtiges Signal. Die Kultur und den Sport kann man ja nicht ewig ausschalten, denn die Gesellschaft nimmt auch einen Schaden dadurch.

Wann, schätzen Sie, geht es wieder los?

Grandmontagne: Darauf kann ich keine verbindliche Antwort geben. Ich weiß es nicht. Ich wünsche es mir so schnell wie möglich. Ich hoffe, dass wir vielleicht nach Ostern mit ersten Schritten anfangen und vielleicht im Sommer, im Zuge der weiteren Impfungen, schrittweise weiter nach vorne gehen können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

 

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NDR Kultur | Journal | 22.02.2021 | 18:00 Uhr