Stand: 12.03.2018 18:32 Uhr

"Es muss ein Kulturwandel stattfinden"

In Deutschland wird nicht mehr über Gleichberechtigung und Emanzipation nur diskutiert, geredet oder gejammert. Frauen wollen Taten, Ergebnisse und Veränderungen sehen. Und sie arbeiten daran in unterschiedlichsten Bereichen. Unter dem Titel "Burning Issues" hat nun eine erste bundesweite Frauenkonferenz am Theater Bonn stattgefunden. Mit dabei war die designierte Intendantin am Schauspiel Hannover, Sonja Anders.

Frau Anders, von dem Theatermacher Thomas Bernhard ist der Satz überliefert - der stand auch auf Ihrer Einladung: "Mit Frauen Theater zu machen ist eine Katastrophe." Das können wahrscheinlich umgekehrt viele Frauen auch von Männern sagen. Bleiben wir mal dabei: Was machen Frauen anders als Männer?

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Sonja Anders stammt gebürtig aus Hamburg und war lange Dramaturgin am Thalia Theater.

Sonja Anders: Die Katastrophe ist ja, dass mit Frauen eben nicht Theater gemacht wird, dass diese Zahlen so erschütternd sind, wie viele Frauen auf Bühnen als Regisseurinnen vertreten sind.

Die Zahlen könnte ich gleich nennen: Rund 20 Prozent Intendantinnen wurden zuletzt gezählt; schlanke drei Prozent mehr als vor 20 Jahren. 70 Prozent der Inszenierungen an deutschen Theatern sind von Männern. Was muss da getan werden, um hier ein bisschen mehr Tempo reinzukriegen?

Anders: Zum einen ist das eine sehr tiefliegende Frage, weil das schon gesellschaftspolitisch begründet ist. In der Politik tut sich ja gerade auch sehr viel, das ist sehr positiv, und ich glaube, das wird dann auch wieder etwas verändern, das wird auch ein Frauenbild verschieben. Es müsste ein Kulturwandel stattfinden. Ganz konkret fürs Theater gesprochen, ist das natürlich alles machbar: Es gibt die Regisseurinnen, es gibt genug tolle Schauspielerinnen. Und da muss man gucken, was für Werkzeuge man anwenden kann, um die Intendanten dahin zu bringen, dass sie mehr Frauen engagieren und gleichzeitig auch mehr Frauen in die Intendantinnenposten kriegen. Muss man da die Rechtsträger anfragen? Das waren die Themen, über die wir gestern gesprochen haben.

Sie werden zur Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover antreten. Zeitgleich bekommt die Oper auch eine Intendantin, Laura Berman. Hannover ist da vorbildlich, kann man sagen. In Hamburg ist bereits Karin Beier am Schauspielhaus und Amelie Deuflhard auf Kampnagel. Ist da schon etwas in Bewegung?

Anders: Es ist bestimmt etwas in Bewegung. Ich finde, dass die niedersächsische Kulturpolitik da eh weit ist. Es gibt ja diese wunderbare Intendanz in Braunschweig von Dagmar Schlingmann. Und es gibt auch einen großen Willen, Frauen ranzulassen. Das ist nicht überall so. Ich finde schon, dass es ein Zeichen ist, dass es in Hannover so ist, und ich glaube, dass das schon zur Folge hat, dass mehr Frauen in künstlerischen Positionen zu sehen sein werden.

Ein Lösungsansatz, der immer wieder diskutiert wird, ist die Quote. Wie stehen Sie dazu?

Anders: Ich finde die Forderung nach einer Quote einen produktiven Vorgang. Das ist so eine hybride, steile These. Ich glaube, dass das hilft, das auf dieser Basis mal zu diskutieren, und ich bin sehr dafür, dass man allen öffentlich geförderten Theatern abringt, sich doch mal dazu zu verhalten, das heißt, auch zur Selbstauskunft aufruft und im Grunde auch eine Selbstverpflichtung einfordert. Das wäre schon mal ein Schritt dahingehend, dass überhaupt ein Bewusstsein dafür entsteht, was wir eigentlich fabrizieren oder wer wir sind.

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Was sind denn die "Burning Issues", die großen Probleme der Frauen am Theater?

Anders: Im Grunde kann man das in drei Kategorien einteilen. Das wäre zum einen das Thema der Teilhabe: Wie sind die Frauen vertreten, und zwar auch in Positionen, die gestalten können? Zum anderen ist es die gleiche Bezahlung: Es gibt ein Gender Pay Gap in Deutschland in vielen Bereichen. Das Dritte ist die Frage der Transparenz: Das hat dann auch mit den Jurys und Gremien, mit den Rechtsträgern zu tun. Und schlussendlich die Frage der Bildung: Gibt es Gender Studies an Hochschulen, gibt es Hilfe, Mentorinnen an Theatern?

Zur Konferenz in Bonn waren nur Frauen geladen - keine Männer. Obwohl die Debatte ja eigentlich nicht ohne Männer geführt werden kann, wenn man tatsächlich etwas verändern will.

Anders: Ich glaube, dass wir die Männer unbedingt ins Boot holen müssen. Es ist auch nicht so, dass sich alle Männer mit Händen und Füßen wehren. Es ist diesmal in Bonn so gewesen, dass wir gesagt haben: Lasst uns erst einmal untereinander austauschen, in einer gewissen Geschütztheit, sodass wir uns erst einmal sammeln, uns gegenseitig eine Solidarität versichern und auf kreative Gedanken kommen können.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.03.2018 | 19:00 Uhr

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