Stand: 21.07.2020 11:20 Uhr  - NDR Kultur

Der Frauenmörder von Fehmarn

von Thorsten Philipps

Dass die Ostseeinsel Fehmarn der Ort für einen Krimi mit einem Massenmörder sein könnte, ist kaum zu glauben. Aber hier hat in den 1960er-Jahren der als Arwed Imiela bekannte Frauenschlächter sein Unwesen getrieben. Nadine Witt schrieb seine Geschichte auf und dichtete nur wenig hinzu. Die 45-jährige Lübeckerin lebt seit vielen Jahren auf Fehmarn. Ihr Buch "Der Blaubart von Fehmarn" wurde bereits viele Tausend Mal verkauft und erscheint gerade in der sechsten Auflage.

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Am 12. März 1973 wurden in Arwed Imielas "Ludergrube" die Leichenteile von zwei Frauen gefunden.

Auf Fehmarn blühen die blauen Kornblumen neben dem goldgelben Weizen - Buchautorin Nadine Witt beschreibt die Bilderbuchlandschaft vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den 1960ern als irreal: "Man sieht die Ostsee bis hin zur Küste Dänemarks, sattgrüne Felder und die ganz friedlich grasenden Pferde auf den Feldern. Man kann es sich einfach nicht vorstellen. Man hört es aber oft, dass sich der nette unscheinbare Nachbar plötzlich als Kinderschänder entpuppt." Nadine Witt hat schnörkellos über den grausamen Fund geschrieben:

"Als 1969 die Polizei vor der Haustür von Hans Ulrich Grunst erschien und ihm von der Festnahme erzählte - der Festnahme von Arwed Imiela, der hier ein Ferienhaus in Marienleuchte und ein Jagdgrundstück im Osten Fehmarns in Gahlendorf hatte, da fiel Hans Ulrich Grunst die Geschichte mit der vermeintlichen Fuchsgrube ein. Er führte die Beamten zu der Stelle und stieß beim Ausgraben auf etwas Furchtbares."

Ein grausamer Leichenfund

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Hans Ulrich Grunst zeigt Autorin Nadine Witt Fotos vom Leichenfund. Er kannte Arwed Imiela persönlich.

"Da kam uns ein fürchterlicher Leichengestank entgegen! Erst hatten wir vermutet, dass er dort ein Stück Wild vergraben hatte. Einer zog sich dann Gummihandschuhe an und griff hinein. Es kam eine Gesäßhälfte zum Vorschein - die war schon grün und blau angelaufen. Das war fürchterlich", berichtet Hans Ulrich Grunst, der die Grube sogar einst für Imiela aushob. Der Mörder behauptete damals, er benötige sie als "Ludergrube" für einen Fuchs.

Bei dem schaurigen Fund der Leichen handelte es sich nicht um die einzigen Opfer. Nadine Witt hatte leichtes Spiel, vor sieben Jahren einen gelungenen Polizeikrimi vorzulegen. Die Autorin selbst blickt zwiegespalten auf den Serienmörder von Fehmarn: "Ich schlüpfe ja in verschiedene Rollen, in die Täter, in die Opfer und fühle mit denen mit. Ich bin dabei sehr empathisch und kann das ein Stück weit auch nachempfinden. Ich möchte es aber auch nicht rechtfertigen, dass er das alles getan hat. Was er jedoch in seiner Kindheit und Jugend erleben musste, ist schon sehr traumatisch. Ich wünsche keinem Menschen, so etwas erleben zu müssen: Der Krieg, die Inhaftierung, das Internierungslager, gewalttätige Eltern zu haben, sich nicht bilden zu dürfen, obwohl man eigentlich die Intelligenz besitzt - er hat schon vieles mitgemacht."

In aller Seelenruhe konnte Imiela die Frauen ermorden

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"Zwischen Bauschutt, verrosteten Dosen, Gestrüpp und ausgedienten Nerzkäfigen wurden die Leichen gefunden", notiert Grunst am Rand des Fotos.

In Marienleuchte bei Puttgarden im Norden der Insel liegt das Ferienhaus des Mörders zehn Meter über der Ostsee direkt an der Steilküste. Frachter kreuzen die See - im Winter ist hier keine Menschenseele. Nadine Witt beschreibt Imielas Taten in der Abgeschiedenheit: "Er hat hier mit zwei Frauen gelebt. In der angrenzenden Garage hat man auch Blutflecken gefunden. Man geht davon aus - DNA gab es ja damals noch nicht -, dass er die Frauen hier auch zerlegt hat. Hans Ulrich Grunst war sogar dabei, als sich Imiela hier noch an Heiligabend diese Gefriertruhe hat liefern lassen. Er hat die Leichen dann zerlegt, eingetütet und eingefroren. Wer weiß, wo er sie danach hingebracht hat? Es sind nicht die Leichen, die man in der Grube in Gahlendorf gefunden hat. Das waren andere."
Ein paar Kilometer weiter, in Presen auf Fehmarn, liegt der Ferienhof von Annegret Weilandt, mit Reitanlage und vielen Wohnungen mit Terrassen. Hier hatte Arwed Imiela ein weiteres Ferienzimmer gemietet.

Wir wird man zum Massenmörder?

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Imielas Anwälte plädierten auf Freispruch. Am 24. Mai 1973 wird der Frauenmörder von Fehmarn zu viermal lebenslanger Haft verurteilt.

Viele Frauen waren fasziniert von dem Heiratsschwindler - wie aus ihm ein Massenmörder wurde, will Nadine Witt in einigen Monaten in einem zweiten Buch erzählen. Hierzu hat sie auch Recherchen über die Kindheit des Mörders angestellt. Viele Kinder und Jugendliche, denen traumatische Erlebnisse widerfahren, würden nach einem Vorbild oder irgendeinem Grashalm suchen, an dem sie sich festhalten können, so die 45-jährige Autorin. Auch Imiela habe ein solches Vorbild gehabt. Seines habe im Ersten Weltkrieg gelebt. Auf 300 Seiten nimmt uns die Autorin Nadine Witt mit in eine Zeit auf Fehmarn, als Frauen nicht sicher waren vor einem Massenmörder, der jahrelang im Geheimen sein Unwesen trieb und Frauen verschwinden ließ.

Infos zum Buch

Nadine Witt: Der Blaubart von Fehmarn. Die Lebensgeschichte des Frauenmörders Arwed Imiela. Ein Krimnalroman nach einer wahren Begebenheit

Medien Afentur Czellui
296 Seiten
Taschenbuch: 12,90 €
E-Book: 9,99 €

Im Lübecker Indizien-Prozess gegen den des vierfachen Frauenmordes angeklagten Astrologen Arwed Imiela fand am 12.03.1973 ein Lokaltermin an der Ludergrube auf der Insel Fehmarn statt, in der Leichenteile von zwei Frauen gefunden worden waren, zwei weitere vermisste und mit Imiela bekannte Frauen sind unauffindbar. Am 24.05.1973 wurde Arwed Imiela zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Am 03.06.1982 verstarb er in seiner Zelle an Herzversagen. © dpa - Report Foto: Wulf Pfeiffer

Sommerserie "Norddeutsche Romanschauplätze": "Der Blaubart von Fehmarn"

NDR Kultur - Matinee -

Arwed Imiela ermordete in den 1960er-Jahren vier Frauen. Ein Besuch mit der Autorin von "Der Blaubart von Fehmarn", Nadine Witt, am Romanschauplatz und Ort des Geschehens.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 21.07.2020 | 11:20 Uhr

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