Christian von Brockhausen © Simona Dürnberg Foto: Simona Dürnberg

"Soldaten": Regisseur Von Brockhausen über seine ARD-Doku

Stand: 07.07.2021 18:47 Uhr

Die Filmemacher Willem Konrad und Christian von Brockhausen haben drei junge Männer, die in der Panzergrenadierkompanie in Hagenow zu Soldaten ausgebildet werden, mit der Kamera begleitet.

Porträt von Christian von Brockhausen. © NDR/Willem Konrad Foto: Willem Konrad
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"Soldaten" ist der schlichte Titel des Dokumentarfilms, der in der ARD Mediathek zu sehen ist.

Herr von Brockhausen, Prinzip Ihres Films ist, komplett auf Kommentare zu verzichten und die Protagonisten für sich selbst sprechen zu lassen. Wie begründen die, dass sie sich zur Berufsarmee melden?

Christian von Brockhausen: Das haben wir erst über eine gewisse Strecke verstanden. Wir haben die drei damals am ersten Tag in Hagenow angesprochen und kennenlernen dürfen, und Stück für Stück wurden dann die Motive klar. Ohne zu sehr für die drei sprechen zu wollen, ist klar, dass sie alle ein Stück weit einen Kompass im Leben suchten. Sie hatten alle eine relativ herausfordernde Jugend und unterschiedliche Gründe. Der eine wollte ein Stück weit dem Land etwas zurückgeben. Jerell hat ein ganz starkes Bedürfnis danach gehabt, wie er selber sagt, seine Probleme hinter sich zu lassen, die Bundeswehr solle einige Sachen festigen, wie er sagt. Er hatte früher Ärger mit der Polizei und hat sich dann Stück für Stück zum Soldaten entwickelt, der Verantwortung in Afghanistan übernehmen will. Jeremy, jemand, der auch aus einem herausfordernden Background in Lübeck kommt, hat einfach einen Ausbildungsplatz gesucht, also einen Platz, wo er sich zu Hause fühlt.

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Aber kann die Bundeswehr das leisten? Das hört sich fast wie nach einer Sozialstation an - und das ist die Bundeswehr logischerweise nicht.

Von Brockhausen: Das ist sie nicht. Trotzdem ist die Bundeswehr ein Spiegel der Gesellschaft. Ich finde den Ansatz sehr gut, dass die Bundeswehr sich mittlerweile sehr viel Zeit nimmt, für Einzelgespräche, für einzelne Förderung. Ja, es gibt auch Menschen, die zur Bundeswehr gehen, die dort eine Entwicklung vor sich haben, die möglicherweise noch nicht alles mitbringen, um der perfekte Soldat oder die perfekte Soldatin zu sein, sondern die müssten das lernen und müssen sich sozial weiterentwickeln. Die Bundeswehr fängt da - genauso wie viele Lehrer und Lehrerinnen - eine Menge auf.

Die Kompanie in Hagenow ist darauf ausgelegt, dass es in den Auslandseinsatz geht - höchst gefährlich. Sind sich die jungen Menschen darüber bewusst?

Von Brockhausen: Ich glaube, sie wissen das theoretisch, was sie da unterschreiben, wo sie hingehen, was da Teile der Ausbildung sind, die ganz klar auf Afghanistan und auf Mali zielen. Aber natürlich weiß keiner in der ersten Woche, was da auf ihn zukommt. Unser Protagonist Jerell aus Berlin hat Stück für Stück gemerkt, auch im Dialog mit seiner Mutter, dass er vielleicht wirklich bald nach Afghanistan fliegen wird. Da hat man schon gemerkt, dass man Sachen beibringen und trainieren kann - aber man kann nicht alles ausbilden. Ein Stück weit bleibt es immer ein Risiko - und eine persönliche Entscheidung, das Risiko auf sich zu nehmen.

Die drei Protagonisten kommen aus Hintergründen, die eher schwierig waren. Stehen die drei pars pro toto für die Menschen, die heute zur Bundeswehr gehen?

Von Brockhausen: Ich kann verstehen, dass man dieses Bild bekommt. Ich möchte aber ganz vehement die drei in Schutz nehmen. Das sind für mich keine "Sozialfälle", sondern das sind drei junge Menschen, die Probleme hatten - nicht allzu gravierende, aber sie hatten Probleme. Das haben aber viele Menschen. Ich finde, dass sie sich in dieser Zeit dort wahnsinnig toll entwickelt haben, sie haben sehr viel Verantwortung gelernt und haben großen Mut bewiesen, ihr Leben so zu zeigen, weil sie auch für viele andere junge Menschen stehen, die vielleicht nie Soldat*innen werden, die sich aber in den ersten Jahren finden müssen. Die Bundeswehr nimmt viele Menschen auf, und im besten Fall ist es ein Querschnitt. Richtig ist, dass auch Menschen dabei sind, die vielleicht woanders keine Perspektive gefunden haben - das gibt es aber in einigen Berufen. Wir wollten nicht das Gefühl vermitteln, dass die Bundeswehr so eine Art Sozialträger ist. Sie übernimmt aber auch Verantwortung für Menschen, deren Background nicht so glattgebügelt ist.

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Soldaten der Bundeswehr halten einen Helm (Nahaufnahme). © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer

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Man kommt diesen Menschen sehr nah. Was war das für eine Arbeit? Wie oft sind Sie in diesen zwei Jahren dieser Kompanie auf den Pelz gerückt?

Von Brockhausen: Unser Beruf ist auch ein bisschen, die Nervensäge zu spielen. Einen Dreh zu organisieren, heißt meistens: unendlich langer WhatsApp-Verlauf, auf Bundeswehr-Terrain Anfragen stellen, Erlaubnisse einholen. Aber viel wichtiger ist es, mit den Jungs auch privat zusammenkommen um dann ein Stück weit ihren Alltag zu porträtieren. Das dauert sehr lange, dafür muss man Vertrauen aufbauen. Deswegen gibt es diese Zeit von zwei Jahren häufig im Dokumentarfilm bei Langzeitbeobachtungen, damit man den Menschen nah ist, damit sie einem vertrauen und damit man in der Lage ist, vielleicht mal intime Situationen mit der Kamera einzufangen.

Die Bundeswehr lässt sich eigentlich nicht so gerne in die Karten schauen. Wie war das Verhältnis?

Von Brockhausen: Von Anfang an war das ein Zusammenarbeiten auf Augenhöhe. Es gab keine Zensur. Wir hatten Presseoffiziere dabei, zwei Männer von der Bundeswehr, die bei den Interviews dabei waren, aber sie haben sich nicht eingemischt. Wenn die Soldaten aber um Rat gefragt hätten, hätten sie etwas sagen dürfen. Das war ein Arbeiten unter Beobachtung, allerdings mit der Gelegenheit, den Film nicht mehr zur Zensur zu geben. Was wir gedreht haben, durfte benutzt werden - das war ganz wichtig.

Die Bundeswehr hat sich aus meiner Sicht auch verändert. Ich war im Jahr 2000 selber wehrpflichtig - da war das deutlich strenger. Ich habe den Eindruck, dass die Bundeswehr versucht sich zu öffnen. Das ist ganz wichtig, gerade heute. Die Bundeswehr hat einige problematische Felder in der jüngsten Zeit gehabt. Die Bundeswehr muss sich erklären, sie muss in der Öffentlichkeit stattfinden, sie muss ein Teil der Gesellschaft werden, und dazu hilft vielleicht auch so ein Film.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 07.07.2021 | 18:00 Uhr