Stand: 05.02.2020 16:56 Uhr  - NDR Kultur

"Sight Seeing" in der Kunsthalle Emden

von Gerhard Snitjer

Auf den meisten Reisen gibt es so etwas wie ein "Pflichtprogramm": Dinge, die man einfach gesehen haben muss. Es gibt keinen London-Besuch ohne Big Ben, keine Reise nach Barcelona ohne Sagrada Família, kein Berlin-Trip ohne Brandenburger Tor. Die Sehenswürdigkeiten aufsuchen und am besten auch noch ein Bild davon mit nach Hause nehmen - das ist keine Erfindung unserer Zeit. In der Kunstgeschichte ist der Umgang mit Sehenswürdigkeiten ein äußerst interessantes Kapitel. Und genau dieses ist Thema einer Ausstellung, die am Sonnabend in der Kunsthalle Emden eröffnet wird: "Sight Seeing - Die Welt als Attraktion".

Bilder aus der Ausstellung "Sight Seeing"

Das Markenzeichen der Emder Kunsthalle ist die Kunst der Moderne. Aber diesen Rahmen konnte und wollte Kunsthallenleiter Stefan Borchardt als Kurator bei dieser Ausstellung nicht einhalten. "Es ist eine kunst- und kulturhistorische Ausstellung, die ein Phänomen von seinen greifbaren Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart beleuchtet. Da ist es natürlich schwer, erst mit dem 20. Jahrhundert zu beginnen", erklärt Borchardt.

Sightseeing schon im Mittelalter

Die Geschichte des Sightseeing, des gezielten Aufsuchens und Abbildens von Sehenswürdigkeiten in der Fremde, reicht weit zurück. Schon Jahrmarktbesucher im späten Mittelalter hätten einen ehrfurchtsvollen Blick in ferne Gefilde wagen können, erklärt Kunsthallensprecherin Ilka Erdwiens. Ausstellungsbesucher in Emden können dieses Erlebnis jetzt nachempfinden. "Damals konnte man in einen Guckkasten schauen, in dem ein hinterleuchteter Stich, also ein Bild, zu sehen war von einer Sehenswürdigkeit, einem Bauwerk, einem Wasserfall."

600 Städteansichten: die Schedelsche Weltchronik

Im 15. Jahrhundert seien Abbildungen von Sehenswürdigkeiten durch den aufkommenden Buchdruck weit verbreitet und populär geworden, sagt der Kunsthistoriker Borchardt. "Da haben wir eine illustrierte Darstellung der Weltgeschichte, nämlich die sogenannte Schedelsche Weltchronik, in der über 600 Holzschnitte mit Städteansichten drin sind."

Künstlerischer Blick auf bekannte Sehenswürdigkeiten

Viele "alte Bekannte" sind in dieser Ausstellung zu finden, monumentale Bauwerke und ikonische Naturschönheiten: der Eiffelturm, das Matterhorn, der Reichstag, der Vesuv, die Akropolis, Schloss Neuschwanstein, der Markusplatz. Da sich die Zusammenstellung der fast 200 Werke auf Europa beschränkt, ist die Chance sehr groß, dass viele Besucher die Sehenswürdigkeiten aus eigener Anschauung kennen. Aber darum geht es nicht: In der Ausstellung sind kaum dokumentarische Darstellungen zu sehen, sondern vielmehr künstlerische Blicke auf diese Objekte. "Die Art und Weise, wie Künstlerinnen und Künstler mit diesem Material umgehen, mit diesen bekannten Bildern, das ist immer wieder verblüffend, überraschend, humorvoll, witzig, aber dann eben auch philosophisch, tiefsinnig und Erkenntnis befördernd", findet Borchardt.

William Turner malt Venedig und Rom

In früheren Jahrhunderten war handwerkliches Geschick nötig, um eine Sehenswürdigkeit überhaupt abzubilden. Mit dem Aufkommen der Fotografie änderte sich das: Von Malern wurde nicht mehr erwartet, bloße Abbilder zu schaffen, sondern sie konnten weit darüber hinaus eine künstlerische Bildsprache entwickeln. "Ein berühmtes Beispiel ist Turner, mit seinen atmosphärischen Darstellungen von Venedig, Rom, aber eben auch den Rheinlandschaften", führt Borchardt aus. "Das setzt sich dann mit den formalen Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert fort."

Eiffelturm beliebtes Motiv

Ein Beispiel liefert die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit der Welt: der Eiffelturm, gebaut zur Weltausstellung 1889. "Der Eiffelturm wurde zum Abbild der Moderne schlechthin, der Avantgarde, des Fortschritts. Und sofort haben sich fortschrittliche Künstler dieses Motivs bemächtigt, und daran ihre eigenen künstlerischen Positionen erprobt. Das berühmteste Beispiel in diesem Zusammenhang ist Robert Delaunay, von dem viele Eiffelturm-Bilder stammen."

Kunstgeschichte anhand von Sehenswürdigkeiten

Mehrere dieser Delaunay-Bilder werden in Emden gezeigt. Sie illustrieren, wie der Maler an dem bekannten Motiv eine leuchtende Farbigkeit, kühne Abstraktion und rhythmische Bildstrukturen entwickelt. Die ganze Ausstellung zeigt Werke von Tischbein bis Ai Weiwei, von Courbet bis Warhol. Sie geht von populären Sehenswürdigkeiten aus, ist aber eigentlich ein lehrreicher Gang durch die Kunst- und Kulturgeschichte, durch Malstile, Darstellungsformen, Verfremdungstechniken, Skulpturen und Objekte.

"Sight Seeing" in der Kunsthalle Emden

Wie geht die Kunst mit dem Thema Sightseeing um? Die Kunsthalle Emden zeigt ab dem 8. Februar Gemälde, Fotos und Objekte, die bekannte Sehenswürdigkeiten darstellen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle Emden
Hinter dem Rahmen 13
26721  Emden
Telefon:
(04921) 97 50 50
E-Mail:
kunsthalle@kunsthalle-emden.de
Preis:
9 Euro (ermäßigt 7 Euro)
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 10 bis 17 Uhr
Jeder erste Dienstag im Monat: 10 bis 21 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage: 11 bis 17 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 08.02.2020 | 15:20 Uhr

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