Bücherstapel liegt im Laub © Fotolia.com Foto: Lilyana Vynogradova

Shortlist: "Zwei Nominierungen haben mich überrascht"

Stand: 21.09.2021 17:16 Uhr

Es fühlt sich immer ein bisschen an wie der erste Blick in eine bunte Tüte: Seit Dienstag wissen wir, welche sechs Bücher auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stehen. Wie bunt diese Mischung tatsächlich ist, darüber spricht Maren Ahring aus der Literatur-Redaktion.

Maren Ahring © NDR Foto: Christian Spielmann
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Wie war der erste Blick in diese bunte Tüte für dich? Gab es irgendwelche Überraschungen?

Maren Ahring: Zwei Nominierungen haben mich tatsächlich überrascht - im positiven wie im negativen Sinne. Gefreut hat mich zum Beispiel, dass die Jury den Roman von Thomas Kunst auf diese Shortlist gesetzt hat. Thomas Kunst wurde 1965 in Stralsund geboren, schreibt seit den 1980er-Jahren und veröffentlicht seit einigen Jahren bei Suhrkamp. Aber der große Durchbruch gelang ihm bislang nicht. "Zandschower Klinken" spielt in einem fiktiven nordostdeutschen Dorf, das die Bewohner selbst "Sansibar" nennen und wo der Feuerlöschteich zum Ozean wird. Das ist alles leicht verschroben, aber sehr liebenswert.

Gewundert habe ich mich auf der anderen Seite über die Nominierung von Christian Krachts Buch "Eurotrash", das schon seit dem Frühjahr sehr viel Beachtung bekommen hat. Das ist die Fortsetzung von seinem Erfolgsroman "Faserland": 25 Jahre später noch einmal die autofiktionale Erinnerung eines Autors - namens Christian Kracht - an eine schwierige Familiengeschichte. Aber diese Kritik an der Auswahl von uns Büchermenschen gehört ja immer ein bisschen zur Folklore rund um solche Nominierungen und Preisverleihungen.

Dich hat das gewundert, weil dir der Roman "Eurotrash" nicht so gut gefallen hat?

Ahring: Mir persönlich hat er nicht so gut gefallen. Aber ich finde, so ein Buch, was schon seit Monaten auf der Bestsellerliste steht, was viel besprochen wurde, braucht es fast gar nicht mehr auf so eine Liste zu schaffen.

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Cover der Bücher, die auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2021 stehen © picture alliance/dpa/vntr.media

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Lässt sich an dieser Shortlist auch etwas über die Gegenwartsliteratur ablesen? Gibt es einen Trend, zum Beispiel in puncto Themen?

Ahring: Es gibt ja seit einigen Jahren einen anhaltenden Trend, dass sich Autorinnen und Autoren mit dem Thema Familie auseinandersetzen. Auch auf dieser Shortlist kann man drei von sechs Titeln zu diesem Genre dazuzählen, wenn das auch ganz unterschiedlich erzählte Bücher sind. Ich möchte ein Zitat vorlesen:

"Wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, und erst spät erfährt man, wer er im Grunde ist, dann kann man das vielleicht schwer ertragen." Aus dem Roman "Vati" von Monika Helfer.

Dieses Zitat stammt von Monika Helfer aus ihrem Roman "Vati", kann aber auch stellvertretend für die nominierten Bücher von Norbert Gstrein und Christian Kracht stehen. "Vati" ist der zweite Teil eines größeren autobiografischen Projekts von Monika Helfer. Letztes Jahr hat sie ein Buch über die Familie ihrer Mutter geschrieben, und nächstes Jahr erscheint ein Buch über den Bruder. Das ist eine Recherche, eine Umkreisung der Lebensgeschichte ihres Vaters, eines Kriegsversehrten, der Bücher liebte, aber nicht viel sprach.

Und zum Thema Diversität standen auf der Longlist vor vier Wochen noch relativ viele Titel. In die engere Auswahl hat es aber nur Mithu Sanyal geschafft, die Düsseldorferin mit polnischen und indischen Wurzeln, der man immer wieder nachsagt, dass sie mit ihrem Roman "Identitti" einen Nerv der Zeit trifft. Sie hat also einen Diskursroman über Identitätspolitik geschrieben, und vor allem den Umgang damit - also hochaktuell und sehr unterhaltsam.

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NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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Bei der Longlist hast du noch von einer "überraschenden Vielfalt" geschwärmt. Und wenn man diese Shortlist so liest, dann fällt auf, dass einem nichts auffällt. Es gibt nicht so einen richtigen Aufreger: Die Liste ist paritätisch besetzt, es gibt ältere und jüngere Autorinnen und Autoren, Migrationshintergrund ist auch dabei. Irgendwie wirkt diese Shortlist dadurch auch konstruiert. Ist sie vielleicht etwas gar brav geraten?

Ahring: Man könnte diesen Verdacht tatsächlich bekommen, dass diese Jury sich nichts vorwerfen lassen will. So eine Suche nach Ausgewogenheit - und ich glaube, darum geht es dieser Jury - kann sehr schnell sehr bemüht wirken. Aber prinzipiell finde ich es gut, wenn so etwas auch in den Blick genommen wird. Und solange die Rahmendaten wie Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund nicht mehr ins Gewicht fallen wie die Qualität der Bücher, dann kann ich gut damit leben.

Damit die Auswahl auf dieser Shortlist nicht zu brav ist, hat man sich vielleicht auch noch für Thomas Kunst entschieden. Das Buch ist wirklich experimentell und verspielt. Thomas Kunst komponiert seine Texte eher wie Musikstücke und hält wenig vom literarischen Erzählen. Er soll einmal gesagt haben: "Wenn ich das Wort 'Plot' schon höre, könnte ich speien."

Höre ich da heraus, dass er deine Lieblingssüßigkeit wäre in dieser bunten Tüte?

Ahring: Ja, ich glaube aber nicht, dass er wirklich den Preis gewinnt. Wenn es ein Autor mit seinem Buch, was noch unbekannt ist, schafft, den Durchbruch zu erlangen, dann freut mich das immer, weil manche Bücher sonst nicht so einen großen Fokus bekommen.

In vier Wochen werden wir wissen, wer den Deutschen Buchpreis dieses Jahr bekommen wird, und damit auch das Preisgeld von 25.000 Euro. Die Ehrung findet am 18. Oktober statt, am Vorabend der Frankfurter Buchmesse. Das klingt erst einmal nach einem vertrauten Rahmen. Auf was dürfen wir uns da Pandemie-bedingt einstellen?

Ahring: Es gibt tatsächlich Hoffnung. Es ist eine Veranstaltung im kleineren Rahmen im Kaisersaal des Frankfurter Römer geplant, natürlich mit beschränktem Platzangebot wegen der Corona-Regeln. Außerdem wird die Veranstaltung auch noch gestreamt. Aber die gute Nachricht ist doch: Es gibt sie wieder, die Preisverleihung in Präsenz, wo Spannung in der Luft liegt, sich Menschen vielleicht spontan umarmen oder Freudentränen fließen. Das hatten wir ja schon länger nicht mehr. Und wenn das wirklich alles so kommt, was ich sehr hoffe, dann kann das ein toller Auftakt für die Buchmesse werden, die dann am nächsten Tag eröffnet wird.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 21.09.2021 | 18:00 Uhr