Stand: 27.12.2018 09:47 Uhr

"Shoplifters" - ein Film, der die Familie feiert

Der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda hat schon viele Preise gewonnen. Im vergangenen Mai jedoch wurde seine Laufbahn gekrönt: mit dem Gewinn der Goldenen Palme von Cannes für seinen Film "Shoplifters" - der nun in die Kinos kommt.

Dieser Film ist so unaufgeregt wie die Musik, die ihn trägt. Dabei stellt er große Fragen: Was macht eine Familie aus? Ist Verwandtschaft eine Frage der Abstammung oder des Gefühls, der seelischen Verbundenheit? Und gibt es Bindungen, die viel stärker als Blutsbande sind? Im Zentrum von "Shoplifters", dem neuen Meisterwerk des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda steht eine Familie, die ihren Lebensunterhalt durch Ladendiebstähle bestreitet. Zwischen Diebeszügen und dem genüsslichen Verspeisen der erbeuteten Lebensmittel läuft der Truppe ein vierjähriges Mädchen zu: Yuri. Und wie es sich gehört, wird das blasse kleine Wesen erst einmal verköstigt.

Yuri ist unterernährt und voller blauer Flecken. Dass das kleine Mädchen misshandelt wurde, wird von den Familienmitgliedern wie nebenbei registriert. Ebenso beiläufig wird Yuri in den Alltag integriert, der sich in dem einen Zimmer eines kleinen altjapanischen Häuschens abspielt. Hier leben Mutter, Vater und Großmutter mit dem zwölfjährigen Sohn und der halbwüchsigen Tochter zusammen - und nun auch mit Yuri.

Ausführlich zeigt Kore-edas Film die Diebeszüge der Familie, die ausgeklügelten Techniken des Klauens: das Warten auf den richtigen Moment, das Ablenkens der Supermarktangestellten, das Einstecken, Verstecken. Man könnte sagen, dass hier in aller Ruhe ein Berufsstand vorgeführt wird. Die Familie stiehlt nur, was sie braucht. Abends, beim Essen kommen alle wieder zusammen. Alles scheint idyllisch, friedlich zu sein. Doch dann dringen plötzlich Fernsehnachrichten über das neue Familienmitglied ins Wohnzimmer.

In Kore-Edas Film ist Liebe am Werk

Selbstverständliche Empathie, Warmherzigket, Zärtlickeit, Herzensgüte - das sind die Werte, für die die Familie der Ladendiebe steht. Jeder kümmert sich auf seine Weise um den Neuzugang. Yuri wird als Enkelin, als neues Geschwisterchen behandelt. Und die Familienmutter wird noch einmal Mutter. Etwa, wenn sie Yuri erklärt, wie sie mit Misshandlungen umgehen soll.

Irgendwann deutet sich in Kore-edas Film an, dass die Filmfamilie vielleicht gar nicht durch Verwandtschaft verbunden ist. Aber wen schert das eigentlich? Schließlich ist hier Liebe am Werk. Und die eine, unbeschwerte Reise ans Meer, ist wirklich ein Familienausflug. Mit allem, was dazu gehört: Eis essen, am Strand herumtollen, sich in der vertrauten Präsenz der anderen wiegen.

Der ideale Weihnachtsfilm

Irgendwann wird sich die kleine Diebesgemeinschaft und Sehnsuchtsfamilie nicht mehr von der Außenwelt abschotten können. Und das bedeutet: Paragrafen, Schuldzuweisungen, die Konfrontation mit den Normen der Gesellschaft. Oder auch das Unverständnis des verhörenden Polizisten gegenüber einem Outlaw, der seine eigenen Werte lebt.

"Shoplifters" ist letzlich der ideale Weihnachtsfilm. Und dabei völlig unweihnachtlich. Hier geht es um Nächstenliebe und Herzenswärme. Noch nie hat ein Film das Konzept der Familie so klug reflektiert, aus den Angeln gehoben - und auf eine ganz eigene, unerwartete Weise gefeiert.

Weitere Informationen
Ein Junglöwe betrachtet einen Vogel auf der Erde  - Szene aus Jon Favreaus Animationsfilm "König der Löwen" © DISNEY 2019

Das waren 2019 die erfolgreichsten Filme im Kino

2019 gab es viele Kassenmagneten im Kino. Spitzenreiter waren - ohne "Star Wars" - "König der Löwen", "Eiskönigin 2", "Joker", "Das perfekte Geheimnis" und "Avengers: Endgame". mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.12.2018 | 07:20 Uhr