"Shockheaded Peter": Premiere am Thalia Theater als Livestream

Stand: 14.03.2021 08:10 Uhr

Nach monatelanger Premieren-Pause hat das Hamburger Thalia Theater am Sonnabend das Stück "Shockheaded Peter" gezeigt - Corona-konform als Livestream im Internet.

von Peter Helling

Gezeigt wurde damit eines der berühmtesten Kinderbücher überhaupt: der "Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann - allerdings als Junk-Oper, also Müll-Oper der britischen Band Tiger Lillies, Julian Crouch und Phelim McDermott.

Da steht sie also, die Rasselbande des Thalia Theaters, und sieht verboten aus. Dreckige Zähne, zerzauste Zottel-Frisuren, kaputte Brille, blasse Beinchen und hässliche, sehr hässliche Klamotten. Eine Bande böser Kinder, verwahrlost, gemein grinsend, mörderisch die Zähne fletschend. Ein bisschen ist es wie der wahrgewordene Homeschooling-Alptraum: Die eigenen Kinder, eingesperrt, genervt, greifen zum Äußersten.

"Shockheaded Peter": "Struwwelpeter" auf der Thalia-Bühne

"Shockheaded Peter", also "Struwwelpeter", ist das Musical gewordene Kinderbuch aus dem 19. Jahrhundert. Jeder und jede erinnert sich sofort: Vorne auf dem Titel diese komische Figur mit der üppigen Frisur und den lang gewachsenen Nägeln. Waren wir nicht in Zeiten geschlossener Friseurläden alle ein bisschen Struwwelpeter? Wir sind in einer Art Erziehungsheim für sehr schwere Fälle. Das fünfköpfige Ensemble sitzt auf schwarzen Etagenbetten, zwischen sich: Corona-konforme Glasscheiben. Hinten an den schwarzen Wänden weiß gekritzelte Kinderzeichnungen, zotige Sprüche.

Und dann legen sie los. Victoria Trauttmansdorff als zündelnde Harriet, die sich am Ende selbst verbrennt. Urkomisch, wie eine groteske Gelenkpuppe: Merlin Sandmeyer als böser Friedrich und als Zappelphilipp, Julian Greis ist der "Leader of the Pack". Struwwelpeter ist der, um den sich hier alles dreht. Die Grausamkeiten kennen keine Grenzen. Cornelia Schirmer als fast teuflisch böses Mädchen und Cathérine Seifert als Konrad: Ja, das war der, der seine Daumen immer lutschte. Bis ihm - schnippschnapp - die Daumen abgeschnitten wurden. Das Buch weckt alte schaurige Erinnerungen: Tu' nicht das, tu' nicht jenes, sonst verbrennst du, wirst du erstochen, verblutest du oder fällst eine Klippe hinunter. Diese Kinder sind im Grunde alle tot. Heile deutsche Kinderwelt, ein Grauen.

Tiger Lillies drehen den Spieß einfach um

Szene aus "Shockheaded Peter" am Thalia Theater © Thalia Theater Foto: Fabian Hammerl
"Shockheaded Peter", also "Struwwelpeter", ist das Musical-gewordene Kinderbuch aus dem 19. Jahrhundert.

In den späten 90er Jahren hat die britische Kultband Tiger Lillies den Spieß einfach umgedreht. Diese gepiesackten und gequälten unartigen Kinder, sie sind eigentlich Anarchos, sie wehren sich gegen verspießerte Eltern, gegen die Regeln. Man merkt dem Ensemble den Spaß an der Arbeit an, es läuft wie geschmiert. Toller Gesang, gutes Timing, gut platzierte Pointen. Der Abend in der Regie von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann macht einfach Spaß. Das Theaterorchester Hamburg spielt mitreißend. Einen tieferen Sinn suchen? Lässt man besser. Manchmal nervt es auch, wie das Stück den eigenen Beipackzettel zum besseren Verständnis auspackt.

Mit dem Online-Stream heraus aus dem Corona-Alltag

Der Livestream funktioniert erstaunlich gut, die Zooms auf Gesichter, auf Gesten, die Schnitte sind dynamisch und passen zeitlich perfekt zur Musik. Klar, es ist und bleibt ein Ersatz, aber ein guter. Im zweiten Lockdown wirkt dieser Theaterabend wie der Versuch, den eigenen Corona-geplagten Alpträumen zu entfliehen, hinaus, um ganz am Ende, mit dem fliegenden Robert, durch die Regenwolken, den Regenschirm in der Hand, davonzufliegen.

Die nächste Vorstellung der Junk-Oper "Shockheaded Peter" als Online-Stream aus dem Thalia Theater ist am 24. März um 20 Uhr. Tickets kosten neun Euro.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.03.2021 | 19:05 Uhr