Stand: 27.02.2019 16:40 Uhr

Coup der Hamburger Kammerspiele mit Latchinian

von Daniel Kaiser

Sewan Latchinian wird der künstlerische Leiter der Hamburger Kammerspiele. Der frühere Rostocker Theaterintendant übernimmt die Aufgabe an der Traditionsbühne zum 1. August. Latchinian ist ein Mann mit einer aufregenden und umstrittenen Theaterbiografie.

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Die Hamburger Kammerspiele heißen Sewan Latchinian willkommen. Ab Sommer 2019 wird er die künstlerische Leitung des Theaters übernehmen.

Sewan Latchinian strahlt über den neuen Job in Hamburg an dem kleinen Privattheater. "Das ist eine Legende, und diese Legende lebt und kann sich sicherlich immer neu erfinden", sagt der 58-Jährige. "Es trifft sich, dass ich auch neugierig darauf bin, was im Theater noch alles möglich ist - nach vielen unterschiedlichen Erfahrungen."

Name Latchinian hat in Kulturpolitik einen besonderen Klang

Genau wegen dieser "unterschiedlichen Erfahrungen" ist die Personalie ein Coup: Denn Latchinians Name hat in der Kulturpolitik einen besonderen Klang. Als Theaterchef in Rostock wurde er vor vier Jahren fristlos entlassen, weil er sich mit der Politik überworfen und die Einsparungen und Schließungspläne mit den Zerstörungen der Terrorgruppe "IS" verglichen hatte. Den jahrelangen Rechtsstreit hat er inzwischen gewonnen. Jetzt soll es in Hamburg neu weitergehen. "Insofern freue ich mich, dass wir schon seit Monaten anfangen, diese traurige Phase meines Theatermacherlebens zu überschreiben - mit Lust und Laune, mit Kultur und nicht mit Barbarei", sagt der in Leipzig geborene Theatermann.

Bundesweite Beachtung

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Intendant Axel Schneider freut sich über den neuen Mitarbeiter, dessen Qualifikationen "bundesweit Beachtung gefunden haben".

Es habe einfach "klick" gemacht, sagt Theaterintendant Axel Schneider, der eigentlich niemanden als künstlerischen Leiter für die Kammerspiele gesucht und dann doch Latchinian gefunden hatte. Der Ruf Latchinians, unbequem zu sein, hat Schneider nicht abgeschreckt. "Es ging in Rostock um die Schließung mehrerer Sparten. Das hat er verhindert. Das war auch eine Leistung für die Kulturstadt Rostock", sagt Schneider. Außerdem habe Latchinian erreicht, dass das eher unbekannte Theater in Senftenberg zum "Theater des Jahres" gewählt wurde. "Das sind Qualifikationen, die bundesweit Beachtung gefunden haben", freut sich der Intendant über seinen neuen Mitarbeiter.

Latchinian verteidigt IS-Vergleich

Eine zum Teil "schreckliche Zeit mit unsäglichen Zumutungen", so nennt Latchinian seine letzten Wochen in Rostock. Die Kulturpolitik in Mecklenburg-Vorpommern und Rostock sei so verkorkst und unübersichtlich gewesen, dass man deutliche Worte gebraucht habe, um die Gefahren zu benennen. So kam der "IS" ins Spiel. "Dieser Vergleich war eher eine Allegorie als eine Gleichsetzung und am Ende hilfreich. Er hat die Diskussion auf den Punkt gebracht und letztendlich genützt."  

Kleine Bühne mit großer Strahlkraft

Sewan Latchinian © imago/Aswendt Foto: imago/Aswendt

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Sewan Latchinian wird ab dem 1. August 2019 künstlerischer Leiter an den Hamburger Kammerspielen.

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Die Kammerspiele, die kleine Bühne im Hamburger Grindelviertel, ist Latchinian schon lange ein Begriff. "Auch im Osten wussten wir, dass Ida Ehre nach dem Krieg 'Draußen vor der Tür' von Wolfgang Borchert aufgeführt hatte." Er hat selbst hier Peter Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes "Gesäubert" mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar erlebt. "Man weiß, dass es das drittwichtigste Theater in Hamburg nach dem Thalia Theater und dem Schauspielhaus ist", erläutert Latchinian, wobei andere Theatermacher über diese Top drei bestimmt noch einmal diskutieren wollen würden.

Schauspieler, Regisseur und Chef

Latchinian will nicht nur im Büro nur Saisonprogramme entwerfen, sondern auch auf der Bühne stehen. Als Schauspieler hat er am 17. März im Stück "Die Nervensäge" Premiere, bevor er Ende April die schwarze Komödie "Nein zum Geld" inszeniert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.02.2019 | 19:00 Uhr

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