Plakatwand der Künstlerin Sophie Gabrielle im U-Bahnhof Markthalle/Landtag © NDR

"Scope" zeigt Kunst in der hannoverschen U-Bahn

Stand: 16.12.2020 16:17 Uhr

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation haben die Macher der Biennale für Fotografie und Medienkunst "Scope" in Hannover ihre Ausstellungen ins Internet und in den öffentlichen Raum verlegt.

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von Agnes Bührig

U-Bahn-Station Markthalle in der Innenstadt von Hannover: Zwischen ein- und ausfahrenden Bahnen tauchen vor den Wartenden Schwarz-Weiß-Fotos auf - riesig aufgezogene, körnig wirkende Ausschnitte eines Zungenkusses, von nackten Körpern in der Umarmung, von Berührungen. "Welcomed Touch" heißt die Arbeit der australischen Künstlerin Sophie Gabrielle, die "Scope" bereits im Internet präsentiert, sagt der Kurator Ricus Aschemann: "Sophie Gabrielle ist Mitte 20. Sie beschäftigt sich in ihrer aktuellen Arbeit mit Social Distancing, aber greift generell sehr stark auf Found-Footage-Fotografien zurück. Sie fotografiert also nicht selber, sondern sucht aus Archivmaterial Arbeiten zusammen und verfremdet sie in Teilen. Das ist auch bei "Scope" ein großes Thema: Archivarbeiten digital und analog miteinander zu verschmelzen und daraus eine neue Arbeit zu kreieren."

Fotomaterial aus der Aids-Aufklärung

Plakatwand der Künstlerin Sophie Gabrielle im U-Bahnhof Markthalle/Landtag © NDR
Plakatwand der Künstlerin Sophie Gabrielle an der U-Bahnhaltestelle Markthalle/Landtag.

Es ist Fotomaterial der Aids-Aufklärungs-Kampagnen, einst Werbung für Safer Sex aus den 80er- und 90er-Jahren, das Sophie Gabrielle für ihre Arbeit nutzt. Ansichten einer Zeit, in der uns schon einmal ein Virus die Vorsicht vor Nähe oktroyierte. Doch die Ausschnitte, die die Australierin ausgewählt, vergrößert und farblich in Graustufen einander angepasst hat, sind von der einstigen Werbebotschaft fürs Abstandhalten befreit. Das ruft ganz unterschiedliche Assoziationen hervor.

Begegnung von Kunst und Menschen im öffentlichen Raum

Auch in Zeiten geschlossener Galerien Kunst zu zeigen, das war das Ziel der Biennale für Fotografie und Medienkunst "Scope". Und so wurde die Schau von Anfang an als Ausstellung im Internet und im öffentlichen Raum konzipiert. Seit dem Sommer wird eine nach der anderen der acht künstlerischen Positionen im Internet hochgeladen. Auf der Hälfte des Ausstellungszeitraums kommt der U-Bahnhof als Ausstellungsplatz dazu. Es ist ein Ort, der nicht nur offen ist, sondern an dem auch ganz unterschiedliche Menschen angesprochen werden, sagt Ricus Aschemann: "Ich glaube, dass man da die Menschen unmittelbar erreicht. Wir geben auch Informationen an die Hand, es gibt einen kleinen QR-Code, und es besteht die Möglichkeit, sich weitere Informationen zu holen. Besser kann es eigentlich nicht funktionieren. Es ist kostenlos, es ist im öffentlichen Raum, und es verändert den öffentlichen Raum durch diese unmittelbaren Reaktionen. So treffen zwei Welten aufeinander."

Die profane Alltagswelt der Beförderung trifft auf die poetische Visualisierung des Berührens. Das ist eine Bereicherung. Und es macht nachdenklich, nicht zuletzt, weil der Bogen zu einer Epoche geschlagen wird, in der auch ein Virus verunsicherte, das Aids-Virus.

Weitere Informationen
Screenshot von der Website scope-hannover.com © scope-hannover.com

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.12.2020 | 19:00 Uhr