Stand: 22.07.2020 18:34 Uhr  - NDR Kultur

Science Slams: Kampf dem Fachchinesisch

Wissenschaft ist mittlerweile in allen Disziplinen dermaßen spezialisiert, dass "Normalbürger" sie nicht mehr verstehen. Dabei soll Wissenschaft doch der Allgemeinheit dienen und den Fortschritt fördern. In sogenannten Science Slams versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Publikum für Wissen zu begeistern. Organisiert werden diese öffentlichen Präsentationen von Julia Offe, promovierte Biologin und Kommunikationstrainerin für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Der Doktorand Johannes H. von Borstel bei den Norddeutschen Meisterschaften im Science Slam 2014. © dpa Foto: Bodo Marks

Science Slams: Kampf dem Fachchinesisch

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Wissenschaftliche Sprache ist oft hoch kompliziert. In sogenannten Science Slams werden Forschungsprojekte durchaus unterhaltsam präsentiert. Ein Gespräch mit der Organisatorin Julia Offe.

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Frau Offe, Sie präsentieren Wissenschaft in Sciene Slams. Was ist das?

Julia Offe: In einem Science Slam kommen junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf die Bühne und präsentieren innerhalb von zehn Minuten ihre eigenen Forschungsprojekte. Anschließend werden sie vom Publikum dafür bewertet - nach dem Vorbild des Poetry Slam, wo junge Leute auf die Bühne kommen und ihre eigenen Texte vorlesen. Natürlich soll es auch unterhaltsam sein, weil man diesen Slam und die Herzen des Publikums gewinnen möchte.

Aber es ist nicht vorrangigste Aufgabe von Wissenschaft, unterhaltsam zu sein, oder?

Offe: Nein, aber es ist auch Aufgabe von Wissenschaft, auf Leute zuzugehen, an Orte zu gehen, wo schon Publikum ist, das sich nicht aktiv für wissenschaftliche Themen interessierent. Zum Beispiel in den Clubs oder auf Bühnen, wo ein vielfältigeres Publikum ist als das, was den Weg in die Hochschulen findet.

Ist Wissenschaft nicht längst zu komplex, um so trivialisiert zu werden?

Offe: Ich mache das seit über zehn Jahren und bin der Meinung, dass kein Thema zu komplex ist, um es auf die Bühne zu bringen. Natürlich muss man einen Ausschnitt finden und sich auf eine Sache konzentrieren. Man muss auch vereinfachen, aber nur so sehr, dass man das als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin noch gut vertreten kann.

Oft ist Wissenschaftssprache für Normalsterbliche nicht nachzuvollziehen. Schottet sich Wissenschaft damit auch ein bisschen ab?

Offe: Im Einzelnen mag das so sein. Natürlich ist es nötig, eine komplexe Sprache zu haben, damit man sich unter Wissenschaftlern unterhalten kann und möglichst präzise beschreiben kann, worüber man gerade spricht. Aber es schadet nicht, auch eine andere Sprache zu finden, damit möglichst viele Leute merken, dass Wissenschaft eine tolle Sache ist, dass es Menschen wie du und ich sind, die den Weg in die Wissenschaft finden - aus einem großen Antrieb und der Sehnsucht nach Erkenntnis.

Sie trainieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin, sich zu vermitteln. Wie funktioniert die Transformation dieser hochkomplexen Materie in Worte und Zusammenhänge, die wir dann verstehen?

Offe: Das Wichtigste ist Übung. Wenn man viel mit fachfremden Leuten spricht, bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür, wie man das allgemein verständlich darstellen kann. Man findet auch Analogien, die man verwenden kann, um Sachen deutlicher zu machen. Das Wichtigste ist, sich Zeit zu nehmen, eine halbe Stunde lang zuzuhören und sich auch zu bemühen, das zu verstehen. Denn mit der Herangehensweise, das sei viel zu komplex, das verstehe man eh nicht, kommen wir nicht weiter.

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Offe: Das ist Wahnsinn, was Herr Drosten über die letzten Monate geleistet hat. Er ist auf der einen Seite wirklich eine Koryphäe im Vergleich zu vielen anderen Virologen, die sich in den letzten Monaten ins Rampenlicht gedrängt haben. Ich finde es auch gut, die Wissenschaft immer wieder als Prozess zu thematisieren, zu sagen: Nein, wir haben nicht die einfachen Antworten - aber trotzdem sind unsere Antworten im Laufe der Zeit die verlässlicheren. Das macht er hervorragend.

In der Corona-Pandemie erleben wir einen richtigen Wissenschafts-Hype. Wir bedienen uns mittlerweile eines Vokabulars, dass wir vor einem Vierteljahr noch überhaupt nicht kannten. Plötzlich wissen wir alle, was der R-Wert ist et cetera. Hilft das überhaupt? Oder sind Sie als Wissenschaftskommunikatorin dafür, die Wissenschaft lieber den Wissenschaftlern zu überlassen?

Offe: Das ist doch eigentlich gut, wenn die Leute das wissen - gerade wenn es um den R-Wert geht oder grundsätzlich um die Kompetenz im Umgang mit Zahlen. Ich kann es nur begrüßen, wenn Leute sich damit beschäftigen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.07.2020 | 19:00 Uhr

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