Jonas Schmidt-Chanasit © Public Address/PB

"Müssen alles dafür tun, dass Präsenzunterricht stattfinden kann"

Stand: 06.09.2021 17:09 Uhr

Aktuelle Infektionszahlen zeigen, dass die 10- bis 14-Jährigen einen Spitzenplatz bei den Corona-Infizierten belegen. Ist Präsenzunterricht in der Schule da verantwortbar? Ein Gespräch mit dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit.

Jonas Schmidt-Chanasit © Public Address/PB
Beitrag anhören 8 Min

Herr Schmidt-Chanasit, der Schulunterricht läuft in Norddeutschland wieder. Oberstes Ziel ist der Präsenzunterricht. Ist der in dieser Zeit verantwortbar?

Jonas Schmidt-Chanasit: Da müssen wir uns die Situation ganz genau anschauen und vor allen Dingen, welche Maßnahmen schon an den Schulen ergriffen wurden. Dass Präsenzunterricht ganz wichtig ist, das hat auch die Weltgesundheitsorganisation UNESCO ganz stark betont. Wir müssen alles dafür tun, dass der Präsenzunterricht stattfinden kann, auch wenn ein erhöhtes Infektionsgeschehen, ein erhöhter Infektionsdruck in der Umgebung herrscht. Wir müssen alles dafür tun, dass die Schülerinnen und Schüler, so weit wie es mit vertretbaren, kindergerechten Maßnahmen geht, geschützt werden. Da gibt es gute Ideen: Zum einen kann man, wenn Fälle in der Schule auftreten, gezielt testen, um eine weitere Teilnahme der Schüler, die vielleicht Kontakt zu diesem Fall hatten, zu gewährleisten, und sie nicht automatisch 14 Tage in Quarantäne zu schicken. Das wäre etwas, was man auf jeden Fall vermeiden sollte. Wir können also mit den gezielten Testungen sehr viel erreichen.

Eine andere Schutzmaßnahme, die wir im Laufe der letzten Monate diskutiert haben, ist das Lüften. Da muss man sich überlegen, wie das in der kalten Jahreszeit durchgeführt werden soll. Haben wir da bestimmte technische Hilfsmittel, die das weiterhin ermöglichen? Die Frage der Luftfilter, für die es ein Für und Wider gibt, geht auch weiter. Klar ist, dass das Lüften ein ganz wichtiger Faktor ist, um die Infektionsgefahr in den Klassenräumen zu senken.

Weitere Informationen
Eine Mund-Nasen-Maske hängt an einem Tisch im Klassenzimmer. © picture alliance/Eibner-Pressefoto/Weber/Eibner-Pressefoto Foto: Weber/Eibner-Pressefoto

Steigende Zahl von Corona-Fällen bei Schülern in Hamburg

Der Inzidenzwert bei den 6- bis 17-Jährigen ist inzwischen mehr als doppelt so hoch, wie in der Gesamtbevölkerung. mehr

Welcher Meinung sind Sie? Sind diese Frischluftfilter das Heilmittel, von dem sich viele versprechen, dass dann Präsenzunterricht uneingeschränkt fortgesetzt werden kann?

Schmidt-Chanasit: So einfach ist es leider - wie mit vielen Sachen - nicht. Das ist ein sehr komplexes Thema. Wir müssen uns ganz genau überlegen, wo diese Filter aufgestellt werden. Wenn sie falsch aufgestellt werden, kann dadurch sogar im Extremfall eine höhere Gefährdung für bestimmte Bereiche entstehen. Insofern muss man sich da von Experten beraten lassen. Einfach kaufen und irgendwo hinstellen ist hier nicht das Mittel der Wahl. Es gibt eine sehr gute Studie aus Bonn, wo man sich die Klassenzimmer genau angeschaut hat und überlegt hat, wo ein Luftfilter wirklich notwendig ist. Wo kann man keine Durchlüftung ermöglichen? Und das war ein sehr geringer Prozentsatz. Also auch hier gilt, dass wir uns die Situation genau anschauen müssen. Es gibt hier sicherlich keine einfache Marschrichtung, dass man sagt: "Wenn alle Luftfilter bekommen, dann ist es gut." Nein, es ist leider im Detail oftmals etwas komplizierter.

Bundesgesundheitsminister Spahn hat vor den Beratungen mehr Einheitlichkeit gefordert. Ist aber diese Einheitlichkeit nicht ein Widerspruch zu dem, was Sie gerade gesagt haben, dass man sehr genau hinschauen muss, wie es im Einzelfall ist?

Schmidt-Chanasit: Wir haben uns gerade über Luftfilter unterhalten. Bei den Quarantänemaßnahmen kann man sich sicherlich länderübergreifend auf ein ähnliches Vorgehen einigen. Das ist meines Erachtens vollkommen sinnvoll, weil es sonst zu Diskussionen kommt. In Berlin haben zum Beispiel die Amtsärzte gefordert, dass keine Quarantäne mehr für ganze Klassenverbände erfolgen soll, sondern dass man gezielt schaut, wo die Risiken sind, und mit Testen arbeitet, um Quarantäne zu vermeiden. Und jetzt muss man diskutieren, ob man zum Beispiel so etwas auch bundesweit umsetzen könnte.

Weitere Informationen
Schüler schreiben in einem Unterrichtsraum vom Gymnasium Mellendorf in der Region Hannover ihre Abiturklausur im Fach «Geschichte». © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Maske, Tests und Präsenz: Das neue Schuljahr hat begonnen

1,1 Millionen Schüler starten in ein weiteres Schuljahr mit Corona - mit Maskenpflicht und zunächst täglichen Tests. mehr

Im Moment machen wieder die unschönen Worte "Durchseuchung" und "Herdenimmunität" die Runde. Ist das eine realistische Chance, aus der Krise herauszukommen?

Schmidt-Chanasit: Wenn wir uns die Situation in anderen Ländern anschauen - und das heißt nicht, dass wir das eins zu eins übernehmen sollen -, dann sehen wir, dass es auch andere Strategien in der Pandemie geben kann. Die hängen mit der sozialen, mit der gesellschaftlichen Struktur und auch mit dem geschichtlichen Hintergrund zusammen. Wenn wir uns Schweden, Großbritannien, Dänemark, Schweiz anschauen, dann sehen wir, dass die Dänen zum Beispiel beim Impfen viel weiter sind. Sie sind auch bei der jüngeren Bevölkerung weiter mit den Impfungen als wir.

Es werden auch in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren immer Restrisiken bestehen, und wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, wie viele Ressourcen wir in die Hand nehmen wollen, um diese Restrisiken weiter zu reduzieren. Und das im Vergleich zu anderen Gesundheitsrisiken, die ja nicht weg sind. Unsere Ressourcen sind ja nicht unbegrenzt. Wir können sehr viel fordern, aber wir haben in der Vergangenheit auch immer sehr stark gerungen, was im Gesundheitswesen wofür eingesetzt wird.

Wenn sich Kinder infizieren, zeigt die Erfahrung, dass die sich im Moment mit einem milderen Verlauf herumschlagen müssen. Wir wissen aber nach wie vor nicht, wie es mit den Langzeitfolgen aussieht. Kann man also riskieren, dass Kinder sich vielleicht doch leichter infizieren dürfen, dass wir Quarantänemaßnahmen da vielleicht nicht ganz so eng sehen?

Schmidt-Chanasit: Das ist eine ganz schwierige Frage. Wir wissen sehr wenig über Long Covid. Das, was die Kinderärzte sehen, deutet darauf hin, dass das kein großes Problem ist, dass die Ausprägung der Krankheit oder auch der Spätfolgen minimal sind. Viele machen eine sogenannte stille Feiung durch, das heißt, dass sie einen Kontakt mit dem Erreger haben und es gar nicht bemerken, so wie sie es bei anderen Erkrankungen im Kindesalter auch haben. Natürlich kann sich das ändern, wenn neue Varianten auftreten. Bei der Delta-Variante ist man sich noch nicht ganz sicher, da gibt es unterschiedliche Studien. Aber man ist weit davon entfernt zu sagen, dass es bei Delta auf jeden Fall schlimmer ist - das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Insofern können wir nur auf die letzten anderthalb Jahre schauen und sagen: Kinder erkranken selten schwer, Todesfälle sind eine absolute Ausnahme, eine Rarität.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Weitere Informationen
Schulranzen und Rucksäcke stehen bei der Einschulung in die Grundschule Herman-Nohl-Schule in Göttingen unter Stühlen. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner

77.000 Erstklässler in Niedersachsen starten ins Schulleben

Für viele Kinder hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Auch für sie gelten Maskenpflicht und tägliche Tests. mehr

Ein geöffnetes Fenster eines Klassenzimmers im Unterricht einer zweiten Klasse. © picture alliance/dpa Foto: Robert Michael

Streit um mobile Lüftungsgeräte in Hannover beigelegt

In Zeiten der Corona-Pandemie machen sich viele Schüler und Eltern Sorgen um mögliche Infektionen in Klassenräumen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.09.2021 | 18:00 Uhr