Unterricht in der Klasse 3.1 der Grundschule Rodenhof in Saarbrücken © picture alliance/dpa Foto: Oliver Dietze

Schulen wieder im Regelbetrieb: "Ambivalentes Zerrbild"

Stand: 31.05.2021 18:08 Uhr

In den norddeutschen Schulen sind die Corona-bedingten Einschränkungen des Schulbetriebs so gut wie aufgehoben. Alles wieder in bester Ordnung? Fragen an den Hildesheimer Schulleiter René Mounajed.

Unterricht in der Klasse 3.1 der Grundschule Rodenhof in Saarbrücken © picture alliance/dpa Foto: Oliver Dietze
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Herr Mounajed, inwiefern ist seit heute morgen bei Ihnen an der Schule wieder alles in bester Ordnung?

René Mounajed: Das ist ein Zerrbild. Ich würde das sehr ambivalent beschreiben. Man kann das nicht für alle Mitglieder der Schulgemeinschaft gleichermaßen sagen. Ich persönlich bin heute morgen mit großer Freude zur Schule gefahren. Ich habe mich gefreut, dass wir ein Stück Normalität zurückbekommen. Das ist für mich und für unsere Schule sehr beglückend. Bei mir kommt diese Freude daher, dass es gelungen ist, allen Mitarbeitern, die das wollten, ein Impfangebot zu machen, sodass ich zufrieden bin, dass die Mannschaft der Robert-Bosch-Gesamtschule, so gut es geht, sicher ist.

Ich habe heute bei der Schulgemeinschaft, den Lehrerkollegen und den Eltern mal nachgefragt, wie sie das sehen, und das ist ambivalent. Es gibt natürlich ganz viele Kinder und Jugendliche, die sich freuen - endlich mal wieder Schule. Eine Kollegin von einer Grundschule schrieb mir heute: "Wir feiern das!" Andere sagen, sie haben Bedenken. Wir haben so viele Einschränkungen in der letzten Zeit erlebt, immer wieder neue Regeln, die Maske und so weiter - und plötzlich dann doch wieder alle gemeinsam? Da war ein Zerrbild da, eine gewisse Unwirklichkeit. Man kann das sicherlich als Anlaufschwierigkeit benennen, aber man merkt schon einen gewissen Geist im Raum, der da noch nicht so richtig Fuß fassen möchte. Aber das gilt nicht für alle.

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Wie groß sind denn jetzt die Defizite, die sie feststellen müssen, sowohl was den Schulstoff, aber auch was das Miteinander angeht?

Mounajed: Das wird sich finden. Die Frage ist, wie wir pädagogisch weitermachen. Betreiben wir Defizit-Fahndung und gucken, was fehlt, dann werden wir diesen Aspekt auf der inhaltlichen und auf der pädagogischen Seite verstärken. Schauen wir, was die Kinder gelernt haben, was sie an Kompetenzen mitgebracht haben, und versuchen wir, sie wieder intrinsisch zu begeistern, dann haben wir eine Chance. Nur so kann es meiner Meinung nach gehen. Der richtige Weg ist für mich, dass wir pädagogische Konzepte finden, die Lust am Lernen machen und Stärken stärken. Das ist jetzt von fundamentaler Bedeutung. Alles andere, etwa Lernstands-Tests, führt nur scheinbar weiter.

Wie lange wird das dauern? Sie haben in Niedersachsen den großen Vorteil, dass es noch fast sechs Wochen bis zu den Sommerferien sind. In anderen Bundesländern sind es gerade mal noch drei Wochen. Da kommt wahrscheinlich das nächste große Loch. Wie wird damit umgegangen?

Mounajed: Das darf auf keinen Fall ein Schnellschuss werden. Ich habe manchmal die Sorge, dass sich viele wünschen: Jetzt aber los - zack, zack, zack, zack. Das ist der falsche Weg. Ich bin einigermaßen beruhigt, dass Kultusminister Grant Hendrik Tonne in den letzten Pressekonferenzen eher andere Töne angeschlagen hat und gemahnt hat, vorsichtig zu sein und mit der Zeit gut und sensibel umzugehen. Damit ist vor allem auch ein Miteinander gemeint.

Wir brauchen jetzt Konzepte für das nächste Schuljahr. Möge alles dafür getan werden, dass das Schuljahr 2021/22 so störungsfrei wie möglich verläuft. Da haben wir eine Menge Hausaufgaben zu tun. Der erste Schritt war ja der Versuch, die Schülerinnen und Schüler vor den Ferien impfen zu lassen. Das ist meiner Kenntnis nach nicht gelungen, weil wir keinen Impfstoff haben und die Stiko auch Bedenken geäußert hatte. Das fand ich insofern schwierig, weil der Weg der richtige ist: Sicherheit in die Schulen bringen, Strukturen schaffen, die uns im nächsten Jahr helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass man die Verantwortung hierfür an die Schulen abgibt. Einheitsbrei hilft im Moment nicht weiter, sondern jede Schule muss ein bisschen schauen, was sie tun will: mehr Stunden für die Hauptfächer Deutsch, Mathe, Englisch in bestimmten Jahrgängen? Oder verstärktes Projektlernen? Dafür Gelder, mehr Leute in Schulen, die in kleinen Gruppen unterstützen können? All das sind Konzepte.

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Wie lange wird es dauern, bis diese tiefe Zäsur in den Lehrplänen, aber auch bei den Schülerinnen und Schülern rausgewachsen ist? Oder wird das Corona-Jahr, das sich in jeder Lehrbiografie findet, für immer bleiben?

Mounajed: Wir haben schon Hinweise darauf, dass das eine außergewöhnliche Zeit ist. Das betrifft nicht nur die Schule, sondern das ganze Leben. Das wird mit uns allen etwas machen, und das wird auch so schnell nicht rauswachsen. Aber wenn man vor einer Situation steht, dann kann man gucken, was wir nicht haben, also nach dem Defizit - oder man kann gucken, was sich in der Schule ändern muss: Was sind die wirklichen Kompetenzen, die wir brauchen? Das ist der Casus knacksus.

Im Moment ist mein Problem eher ein anderes. Es gibt so viele Leute, die das könnten, aber keiner kann mehr so richtig, weil die Kraft fehlt. Wir vom Schulleitungsverband haben neulich einen Text geschrieben: "24/7: Burnout garantiert!", der ein bisschen deutlich macht, wo wir gerade stehen. Eine Verordnung jagt die nächste, hier ein Widerspruch, da ein Widerspruch, es wird geöffnet, wird nicht geöffnet, dann wird doch geöffnet. Was wir erlebt haben, was wir umsetzen müssen, das führt dazu, dass kaum noch Kraft da ist, das zu tun, was wir jetzt machen müssten: zu überlegen, wie man konzeptionell und klug ein neues Lernen ermöglichen kann. Und ich glaube, das ist der Begriff: neues Lernen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 31.05.2021 | 18:00 Uhr