Ein leeres Klassenzimmer © picture alliance / SvenSimon

Schulen im Corona-Lockdown: "Das sind kluge Entscheidungen"

Stand: 06.01.2021 17:19 Uhr

An den Schulen geht es zunächst nicht mit Präsenzunterricht weiter. Was heißt das konkret für Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und deren Lehrkräfte? Fragen an den Hildesheimer Schulleiter René Mounajed.

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Herr Mounajed, die Beschlüsse der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten in puncto Kitas und Schulen waren sehr vage. Nun sind die Konkretisierungen der Kultusministerinnen und -minister bekannt gegeben worden. Sind Sie im Bilde, wie es in Niedersachsen ab Montag mit dem Schulunterricht weitergeht?

René Mounajed: Ja, und eigentlich wurde ich ausgesprochen gut informiert. Niedersachsen informiert in dem Zusammenhang besser und schneller als andere Bundesländer. Die Grundschüler bleiben noch eine Woche zu Hause im Szenario C, und die meisten Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen sind im Szenario B. Das sind kluge und sehr weitreichende Entscheidungen, mit denen wir erstmal leben können. Wenn wir das Gebot, was für die Gesellschaft gilt, auch in der Schule umsetzen wollen, nämlich Kontakte auf das Wesentliche zu begrenzen, dann ist das richtig. Als Schulleitung und auch als Kolleginnen und Kollegen müssen wir auf jeden Fall unseren Schwerpunkt darauf legen, dass wir in der Distanz die Nähe zu den Menschen nicht verlieren. Das sind immerhin drei Wochen, um die es geht.

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Ein leeres Klassenzimmer. Auf der Tafel steht "Lockdown". © picture alliance/imageBROKER/Michael Weber Foto: Michael Weber

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Für Niedersachsen gilt das ab Montag, in Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg hat die Schule bereits begonnen. Das ist alles sehr kurzfristig. Ist das überhaupt realisierbar und realistisch?

Mounajed: In Niedersachsen ist es auf jeden Fall realisierbar. Ich treffe mich morgen mit meiner Schulleitungsrunde und wir werden die Beschlüsse in unsere Schuleregeln umsetzen und gucken, wie wir damit umgehen. Wir denken zum Beispiel daran, die Klausuren auch im Jahrgang 12 schreiben zu lassen; wir definieren die als notwendig. Solche Details müssen die Schulen jetzt für sich entscheiden. Wir denken auch darüber nach, den Begriff der Notbetreuung weiter zu definieren und Schülerinnen und Schüler in unsere Schule zu holen, bei denen wir denken, dass es ihnen gut täte, wenn sie nicht zu Hause blieben.

Es ist also genug Vorlauf da. Man muss aber auch schauen, wie viel Zeit die Regierenden hatten, sich darauf einzustellen. Welche Daten und Fakten haben sie in Bezug auf die aktuellen Inzidenz-Werte? Gerade mit dem Blick auf die winterlichen Bilder im Harz und in Winterberg, wo man sich fragt, ob jemand den Schuss nicht gehört hat, sind das Ergebnisse, die zwangsläufig kommen mussten und die die Menschen in der Schule schützen. Wir sind gespannt, inwiefern wir das alles umsetzen können - aber ich denke, es gibt einen Rahmen, der das ermöglicht.

Es ist immer von der "Befreiung vom Präsenzunterricht" die Rede. Das klingt fast wie ein Geschenk: Ihr müsst nicht mehr zur Schule kommen. Mittlerweile ist es aber eher umgekehrt: Es gelüstet viele Schülerinnen und Schüler danach, endlich wieder zur Schule zu gehen. Ist das jetzt wirklich angemessen zu sagen: Bleibt zu Hause, macht Homeschooling?

Mounajed: Natürlich möchte jeder Pädagoge seine Schüler sehen. Es ist auch ganz klar, dass das Homelearning dem Präsenzunterricht nicht das Wasser reichen kann. Unterricht ist wichtig, ist ein hochkomplexes Gebilde. Guter Unterricht ist auch ein kleines Kunstwerk - da gelingen einem auch mal Sternstunden. Präsenzunterricht ist unschlagbar.

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Wir müssen aber gucken, was dem gegenüber steht oder auch vorrangig zu betrachten ist. Und da ist es im Moment die aktuelle Pandemielage, der man Rechnung tragen muss. Die Gesundheit der Menschen steht an oberster Stelle. Die Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte müssen geschützt werden. Wir erleben jetzt eine Konsequenz und eine klare Linie, die wir im November und Dezember nicht erlebt haben, die wir uns an vielen Stellen gewünscht hätten. Es gab genug Schulleitungen, die schon zu diesem Zeitpunkt ins Szenario B, also in den hälftigen Unterricht wechseln wollten. Das ist ihnen teilweise nicht ermöglicht worden, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt gewesen seien. Das alles ist jetzt angemessener, denn wir haben weiterhin hohe Zahlen, und dem müssen wir Rechnung tragen. Ministerpräsident Weil hat noch mal die Richtung benannt: Der Inzidenzwert von 50 soll erreicht werden, und da müssen wir alle unseren Beitrag leisten. Es bleibt ein herber Einschlag, und die Frage wird sein, wie wir im zweiten Schulhalbjahr dieses Schuljahres mit diesen inhaltlichen und sozial-emotionalen Defiziten umgehen werden.

Seit bald zehn Monaten können wir mal mehr, mal weniger eingeschränkt Unterricht machen. Viele haben vorab gewarnt, dass das bleibende Schäden hinterlassen wird, sowohl was den Schulstoff, als auch, was die soziale Kompetenz angeht. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Mounajed: Ja und nein. Es hängt wie immer davon ab, auf welche Menschen man stößt. Ich habe Lehrkräfte erlebt, die Unterrichtsversuche von sich gefilmt haben und sie dann in die auf die Plattform gestellt haben. Ich habe da sehr viel erlebt. Aber wir hören auch von häuslicher Gewalt, von ganz engen Wohnverhältnissen - auch das muss man sehen. Es gibt Familien, die haben ein schönes Haus, einen großen Garten - aber was ist mit all jenen, die das nicht haben? Was ist mit den Leuten, die ihre Kinder nicht so unterstützen können, wie sie es selber gerne wollten oder müssten? Diese Probleme machen etwas mit den Menschen. Diese Angst vor dem, was man nicht sieht - ich glaube, das macht mit uns allen etwas. Da braucht es ein "unsichtbares Fundament", hat mal ein Pastor gesagt, um heil durch diese Zeit zu kommen. Und es ist unsere Aufgabe als Lehrkräfte, unseren Schülern etwas mit auf den Weg zu geben, sie auch aufzufangen. Deswegen ist es gut, wenn wir das ernst nehmen, was Niedersachsens Kultusminister Tonne als "Nähe in der Distanz" bezeichnet hat, dass wir unseren Schülern als Menschen begegnen und das auch in den Vordergrund stellen. Ich glaube, das ist sehr wichtig und nicht zu vernachlässigen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.01.2021 | 18:00 Uhr