Stand: 18.02.2019 16:31 Uhr

Schöner Wohnen mit dem Bauhaus

von Martin Tschechne
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Autor Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg.

Vor 100 Jahren, im Frühjahr 1919, hat der Architekt Walter Gropius in Weimar das Bauhaus gegründet: Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges wollte er die Gestaltung alltäglicher Dinge und damit den modernen Menschen prägen. 1925 musste die Schule unter politischem Druck nach Dessau umziehen, 1932 nach Berlin - und 1933, nach ihrer Machtübernahme, läuteten die Nazis das Bauhaus-Ende ein. Viele Künstlerinnen und Künstler gingen ins Exil. Das Bauhaus stand schließlich immer für mehr als für Design, nämlich auch für eine demokratische und eine soziale Gesellschaft - und buchstäblich für deren Gestalt und Gestaltung. Unzählige Ausstellungen und Veranstaltungen in Norddeutschland und darüber hinaus erinnern zum 100. Jubiläum des Bauhauses an das Vermächtnis von Gropius & Co. Denn der Bauhaus-Stil lebt bis heute weiter, prägt unser Empfinden von Architektur, Design und Kunst.

664 Euro kostet die Schreibtischlampe von Christian Dell. 2.154 der berühmte "Wassily Chair" von Marcel Breuer, ein Sessel aus Lederriemen und Stahlrohr, für den einst ein Fahrrad Modell gestanden haben soll. Und die kleine, silberne Teekanne von Marianne Brandt: 8.700 Euro. Wer sich so ein lizensiertes Original nach den Entwürfen der Bauhaus-Meister aus Weimar, später Dessau und schließlich Berlin leisten möchte, der sollte schon einigermaßen liquide sein.

Bauhausgebäude in Dessau, 1930. © picture alliance/Mary Evans Picture Library

Schöner Wohnen mit dem Bauhaus

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Wie eine Designschule unsere (Um-)Welt bis heute prägt. Von Martin Tschechne

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Das Motto hat der Architekt Ludwig Mies van der Rohe einmal zusammengefasst: Jedes Objekt solle so einfach sein wie möglich. Und hinzugefügt: koste es, was es wolle! Nun hat der letzte Direktor des Bauhauses, bevor die Nazis die Schule 1933 schlossen, mit Kosten wohl eher den gedanklichen, intellektuellen Aufwand gemeint, den es braucht, einen Entwurf - den eines Möbelstücks oder auch eines ganzen Wohnviertels - so konsequent zu reduzieren, bis wirklich nur die reine, der Funktion geschuldete Form übrig bleibt. Kein Geschnörkel, keine Verzierung, keine redundante Geste. Bauhaus eben. Aber die strenge Forderung liegt lange zurück, und heute hat sie nun mal diese andere Bedeutung hinzugewonnen - den Beiklang von bildungsbürgerlicher Elite, auch von Snobismus. 8.700 Euro für eine Teekanne? Was soll's? Koste es, was es wolle! Dabei hatte das Bauhaus doch eigentlich das Gegenteil erreichen wollen.

Eine große Mythenmaschine

Oder etwa nicht? Was da vor genau 100 Jahren begonnen hat und inzwischen als Weltkulturerbe der UNESCO gefeiert wird - das beschränkt sich ja nicht nur auf die klar strukturierten und gerade in ihrer Schlichtheit schönen Gebäude-Ensembles der Schule in Weimar und in Dessau. Es umfasst nicht allein die berühmten Design-Objekte, die Wagenfeld-Lampe oder den Barcelona-Sessel, die in den Augen ihrer Sammler auf der ganzen Welt eine Brücke schlagen vom stolzen Gedanken der Aufklärung ins eigene Wohnzimmer. Und auch das Bekenntnis zur klaren Form und Ehrlichkeit im Material, das sich heute jeder Möbel-Discounter auf seine Werbetafel schreibt, fasst dieses Erbe nicht komplett - nein, nicht mal sinngemäß zusammen.

Das Bauhaus war nämlich nicht nur eine besonders erfolgreiche Reformschule für Gestaltung - es war und ist eine große Mythenmaschine. Wie Hollywood in Amerika. Vielleicht nicht ganz so strategisch eingesetzt als Instrument zur Belehrung und Bekehrung, aber auf lange Sicht schon außerordentlich effektiv. Denn irgendwie sind wir doch alle ein bisschen Bauhaus.

Neue Formen des Miteinanders

Da war der Rückgriff auf die Tradition mittelalterlicher Dombauhütten - nur weg von der Romantik des 19. Jahrhunderts, vom dröhnenden Pomp der Kaiserzeit, von allem, was das Land in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geführt haben mochte. Überall war der Ruf nach Erneuerung laut geworden, nach ganz und gar neuen Formen des Miteinanders. Als das Bauhaus sich auf den Weg machte, waren es Arbeiter- und Soldatenräte, die das Land in eine neue Zeit führen wollten. Die Revolution in Russland lag keine zwei Jahre zurück. Und waren es dort nicht gerade Künstler und Architekten gewesen, die aus dem Konstruktivismus die Vision einer revolutionären Zukunft entworfen hatten? Vom politischen Scheitern ihrer Utopien war ja noch nichts zu ahnen.

Was am Bauhaus daraus erwuchs, war ein Mythos der Moderne, der Klarheit und Geradlinigkeit, der schwebenden Leichtigkeit. Ein Mythos des Neuanfangs und der Erlösung durch Technik. Filigrane Glasfassaden, gebogenes Stahlrohr und flache Dächer. Und aus alledem folgend, geprägt vom Ethos des redlichen Handwerks: das Traumbild einer neuen Gemeinschaft. Frei, gerecht, solidarisch, emanzipiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.02.2019 | 19:00 Uhr

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