Stand: 22.06.2019 11:51 Uhr

Mitreißende Show bei Musical-Premiere für "Anatevka"

von Karin Erichsen

Das Mecklenburgische Staatstheater hat am Freitagabend die Schlossfestspiele Schwerin mit der Premiere des Musicals "Anatevka" eröffnet. Dem Premierenpublikum wurde eine mitreißende Bühnenshow geboten und zugleich ein ergreifendes Drama über Vertreibung und Terror.

Der Abend begann fulminant mit einem großen bewegten Bild: Die jüdische Gemeinde des kleinen ukrainischen Städtchens Anatevka stellte sich vor. Junge und Alte, Männer und Frauen hatten hier nach alter Sitte ihren festen Platz in der Gesellschaft und präsentierten ihre Aufgaben in fröhlichen Reigen. Solisten, Opernchor, Schweriner Singakademie und Schüler des Musikgymnasiums, die Schweriner Balletttänzer, Schauspieler: das gesamte Ensemble des Abends - rund siebzig Darsteller - tanzte und sang auf ganzer Bühne. Die Mecklenburgische Staatskapelle spielte dazu eine schwungvolle Mischung aus Klezmer, osteuropäischer Tanzmusik und Jazz-Rhythmen. So war das Publikum vom ersten Takt an in den Bann des Musiktheaters gezogen.

Bestes Wetter für die Musical-Premiere

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Siebzig Darsteller stehen beim Musical "Anatevka" auf der Bühne, die Wolfgang Kurima Rauschning gestaltet hat.

Aus der Masse trat nun der Hauptdarsteller hervor, der Milchmann Tevje, der in die Besonderheiten des Ortes und seiner Menschen einführte. Er war ein einfacher Mann, der mit seiner Frau und fünf Töchtern ein sehr bescheidenes aber zufriedenes Leben führte. Fest vertraute er auf seinen Gott, auch wenn er regelmäßig mit ihm haderte und zu handeln versuchte. Mit sich und den Menschen war Tevje im Reinen und einfallsreich verband er irdische und göttliche Gebote mit den menschlichen Bedürfnissen. Das erwies sich im Verlauf des Abends als besonders nützliche Gabe, denn seine drei ältesten Töchter konfrontierten Tevje mit ganz eigenen Lebensvorstellungen fernab der gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Und stets gelang es ihm nach dem ersten Schock an der Seite seiner Kinder zu stehen.

Hauptdarsteller Gustav Peter Wöhler begeistert Publikum

Mit Gustav Peter Wöhler als Tevje war dem Mecklenburgischen Staatstheater eine grandiose Besetzung gelungen. Der beliebte Sänger, Film- und Theaterschauspieler spielte die Rolle so warmherzig, charmant und authentisch, dass das Publikum ihm einfach folgen musste und besonders in der ersten Hälfte des Abends Tränen lachte über seine pragmatische Problembewältigung. Hinzu kamen viele witzige und skurrile Inszenierungseinfälle von Regisseur Toni Burkhardt. Zum Beispiel ließ er das Bühnengeschehen erstarren und in fahles blaues Licht tauchen, quasi als bliebe die Zeit stehen, solange Tevje im Vordergrund das Für und Wider seiner Entscheidungen abwog.

Neue Wege der Inzenierung für "Anatevka"

Endlich einmal zeigte sich das Sommertheater auch bunt, schrill, wahnhaft und herrlich überdreht, beispielsweise wenn Tevje, um seine Frau von einem mittellosen Schwiegersohn zu überzeugen, einen Traum erfand, in dem tote Autoritäten zum Leben erwachten und als Geister seine Interessen gegenüber der erschrockenen Ehefrau durchsetzten.

Ergreifender zweiter Teil

Diesen wunderbar komischen Szenen folgten im zweiten Teil des Abends ernste und ergreifende Bilder. Wenn Tevje Abschied nehmen musste von seinen ältesten Mädchen, die mit ihren selbst gewählten Ehepartnern in die Welt zogen. Oder wenn er von deren Liebe angeregt, sich erstmals mit seiner eigenen Frau über Gefühle austauschte und beide erkannten, dass auch in ihrer langjährigen, ehemals arrangierten Partnerschaft Liebe gewachsen war.

Szenen aus "Anatevka" bei den Schlossfestspielen

Eindrückliche Choreografie

Über all dem schwebte der Terror gegen die jüdische Gemeinde. Zunächst deutete sich der Schrecken nur an, wenn zum Beispiel die andersgläubigen jungen Männer der Stadt im Wirtshaus durch Dominiergehabe Raum griffen und die jüdischen Männer von ihren Tischen drängten. Momente der Konfrontation kehrten im Verlauf jedoch immer häufiger und deutlicher wieder. Worte waren unnötig, die Männer des Ballettensembles drücken sich allein in archaischen Gesten und streng durchkomponierten Bewegungsabläufen aus. Tevje und seine Freunde reagierten stets zurückweichend und beschwichtigend. Es gelang ihnen auf diese Weise lange, offene Gewalt zu vermeiden.

Zwischen Lachen und Weinen

Die jüdische Gemeinde verdrängte die latente Gefahr, in der sie schwebte, selbst dann noch als bei einem Pogrom auf der Hochzeit von Tevjes ältester Tochter, die Festgesellschaft auseinander getrieben und das Mobiliar vernichtet wurde. Schließlich jedoch zwang die örtliche Gendarmerie auf höheren Befehl, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, ihr Hab und Gut aufzugeben und ihre Heimatstadt Anatevka innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Damit standen sie vor den Trümmern ihrer Existenz und blicken in eine ungewisse Zukunft in der Fremde.

Bühnenbild begeistert

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Begeistert verfolgt das Premierenpublikum die mitreißende Show auf der Open-Air-Bühne.

Eindrücklich war das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning. Dass Anatevka nicht viel für die Menschen zu bieten hat, symbolisierte es von Anfang an. Seine schwarz-weiß gestrichenen Bretterwände deuteten auf sehr schmucklose Behausungen hin. Weiße, blattlos abgestorbene Bäume verdeutlichten, dass an diesem Ort keine lebendige Zukunft möglich ist. Lediglich der freundliche blaue Bühnenhimmel versprach irgendeine Art von Perspektive. Das große Ensemble spielte jedoch derart vital gegen die bedrohliche Kulisse an, dass sie zunächst in den Hintergrund rückte und nur langsam zunehmend ihre Wirkung entfaltete.

Emotionales Finale

In der Schlussszene öffnete sich der Bühnenboden und Bahngleise wurden sichtbar, die durch eine Öffnung in der Bretterwand geradewegs in den Himmel führten. Ein Darsteller nach dem anderen drehte dem Publikum den Rücken zu, um sich dorthin auszurichten. Es bedurfte keiner weiteren Erläuterung. Ergriffen und nachdenklich verließ das in der Pause noch so beschwingte Premierenpublikum die Besuchertribüne - ein gelungener Musiktheaterabend, eine grandiose Ensembleleistung, für die es tosenden Beifall gab.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 22.06.2019 | 19:00 Uhr

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