Stand: 18.10.2019 13:45 Uhr

Drei Frauen und die Depression

von Katja Weise

Fast immer findet die britische Regisseurin Katie Mitchell ungewöhnliche Formen für ihre Theaterarbeiten. In Deutschland inszeniert sie regelmäßig am Hamburger Schauspielhaus. Am Donnerstag hat dort "Anatomie eines Suizids" seine deutsche Erstaufführung gefeiert, ein ebenfalls sehr ungewöhnlicher Text von Mitchells Landsmännin Alice Birch.

Wie eine Partitur liest sich das Stück, drei Stimmen nebeneinander gesetzt, mit wiederkehrenden Motiven, komponiert wie eine Fuge. Schon formal ist "Anatomie eines Suizids" also eine Herausforderung für die Schauspieler, für die Regie und auch für die Zuschauer.

"Anatomie eines Suizids": Leben mit Depressionen

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"Anatomie eines Suizids" ist eine Herausforderung für Zuschauer und die Schauspielerinnen.

Clara ist die erste, die durch eine der drei Türen in der Rückwand des grauen, wie abgeriegelt wirkenden Bühnenraums tritt. Claras Handgelenke sind bandagiert, sie hat versucht, sich umzubringen. Ihr Mann, Hans, holt sie aus der Klinik ab. Über der Tür leuchtet die Zahl 1970. "Es tut mir leid", immer wieder fällt dieser Satz.

Ein Zeitsprung ins Jahr 1998: Anna, Claras Tochter, tritt durch die zweite der Türen, Bonnie, Annas Tochter, schließlich durch die dritte. So sehen wir sie alle drei, nebeneinander, in verschiedenen Phasen ihres Lebens, jede in ihrer eigenen Zeitzone, und begreifen - nach und nach: Keine lebt leicht.

Dialoge in verschiedenen Zeiten

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Während der Umbauphasen bekommen die Schauspielerinnen immer wieder neue Kostüme.

Clara wird sich umbringen, als Anna "groß" ist. Auch Anna wird unter schweren Depressionen leiden und ihre Tochter Bonnie nicht aufwachsen sehen. Dadurch, dass Alice Birch die Geschichten der drei Frauen parallel erzählt, lässt sich das, was sonst nur im Rückblick als Wiederholung erkennbar wird, tatsächlich sehen. Das ist raffiniert. Clara, Anna und Bonnie agieren nebeneinander, aber nicht miteinander. Trotzdem werden die einzelnen Erzählungen im Kopf fast zu einer, so eng sind sie miteinander verzahnt. Stichworte werden aufgegriffen, manchmal parallel gesprochen. Eine große Herausforderung für die Schauspieler, die nicht nur ihren Dialog spielen, sondern immer auch noch das mithören müssen, was vor den beiden anderen Türen geschieht.

Lässt sich eine Depression aushalten?

Auch von den Zuschauern ist höchste Konzentration gefordert. Doch Katie Mitchell choreografiert geschickt. Zwischen den einzelnen Szenenblöcken gibt es jeweils kurze Umbaupausen, in denen die Schauspielerinnen wie Schaufensterpuppen neue Kostüme angezogen bekommen - die eine in Rot, die andere in Blau, die dritte in Grün. Das hat etwas Schicksalhaftes. Können die Frauen dem entkommen? Fragt Birch, fragt Mitchell. Lässt sich eine Depression aushalten? Was bedeutet die Krankheit für die Familie, für die Töchter, die ihre Mütter verlieren?

Alice Birch hat ein kluges, trauriges und poetisches Stück geschrieben, das Katie Mitchell präzise und mit nahezu perfektem Timing inszeniert. Dadurch kommt man den drei Frauen, eindringlich gespielt von Julia Wieninger, Gala Winter und Sandra Gerling, sehr nah. Ein beeindruckender Abend, berührend, anstrengend, aber unbedingt sehenswert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.10.2019 | 07:20 Uhr

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