Eva Meckbach © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka

"Ich habe gemerkt, dass die Menschen mich anders sehen"

Stand: 05.02.2021 17:37 Uhr

185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Schauspielerinnen und Schauspieler outen sich im "SZ-Magazin" und fordern mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen.

Eva Meckbach © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka
Beitrag anhören 6 Min

Sie haben sich in der Initiative #actout zusammengeschlossen und ein Manifest verfasst. Eine von ihnen ist die Schauspielerin Eva Meckbach.

Frau Meckbach, warum haben Sie sich der Initiative angeschlossen?

Eva Meckbach: Mein erster Impuls war eine große Herzensangelegenheit. Ich habe vor eineinhalb Jahren davon gehört, da war das noch ein ganz kleiner Kreis von acht oder neun Leuten. Meine Kollegin und Freundin Bettina Hoppe hat mich gefragt, ob ich dazukommen möchte. Ich habe sofort ja gesagt, weil ich gespürt habe, dass der Wunsch nach Austausch unter uns Schauspielerinnen und Schauspielern, die queer sind, sehr groß ist. Das waren ganz bereichernde Gespräche. Es gab diese Solidarität, diesen Zusammenhalt, auch bei den Menschen, die sich uns nicht angeschlossen haben, weil sie weiterhin befürchten, dass sie dadurch entwertet werden oder Nachteile erfahren - oder sich noch nicht soweit fühlen. All diese Gespräche waren für mich ein ganz großer Gewinn und ein großes Empowerment.

Im "SZ-Magazin" sind alle 185 Personen mit Foto abgebildet. Ist das Bild, das Gesicht wichtig?

Weitere Informationen
Patrick Güldenberg während der Hörspiel-Produktion "Die Vermessung der Welt" beim NDR © NDR/Fritz Meffert
5 Min

#actout-Manifest auch mit norddeutscher Beteiligung

Reporterin Anina Pommerenke hat mit zwei Schauspielern aus dem Norden gesprochen, die das Manifest unterzeichnet haben. 5 Min

Meckbach: Ja, ich glaube, es ist wichtig. Ich hätte mir als Kind, als Jugendliche solche Bilder gewünscht. Ich bin in einer schwäbischen Kleinstadt aufgewachsen mit dem Narrativ, dass es queere Menschen eigentlich gar nicht gibt. Und wenn es sie gab, dann war das ein Unikum oder man sprach nicht groß darüber. Als dann in den 90er-Jahren der Film "Aimée & Jaguar" herauskam, bin ich mit dem Zug nach Ulm ins Kino gefahren und habe das mit meiner ganzen Seele aufgesogen. Diese Geschichten erzählt zu bekommen, aber auch Vorbilder zu haben wie Maren Kroymann, Ulrike Folkerts oder Hape Kerkeling - das war unglaublich wichtig, damit man selber spürt: Wer darf ich sein in dieser Welt? Wer kann ich sein in dieser Welt? Das werden viele Menschen nachvollziehen können, dass man Vorbilder braucht, an denen man wachsen kann. Deswegen waren wir davon überzeugt, dass diese Sichtbarkeit ganz wichtig ist, um dieses Statement zu setzen.

Oftmals ist zu hören, dass die Gesellschaft mit der Akzeptanz von Diversität viel weiter ist, als ausgerechnet die Filmbranche. Haben Sie Erklärungen dafür?

Meckbach: Dem versuchen wir auch noch auf die Schliche zu kommen, woran das eigentlich liegt. Ich glaube, dass das ganz viel mit Vermarktung zu tun hat. Als gäbe es in der Branche noch die Befürchtung, man könne das dem Publikum nicht zumuten. Als wären wir queeren Menschen noch mit einem Makel behaftet, was das Publikum doch nicht sehen wollen würde. Das ist meiner Meinung nach totaler Quatsch, weil unsere Gesellschaft schon viel weiter ist. Die Reaktionen auf unsere Aktion sind überwältigend. Ich habe das Gefühl, dass fast so etwas wie eine Erleichterung durch diese Branche geht, dass wir endlich mal das Ruder herumreißen und sagen: "Leute, jetzt ist mal gut. Lasst diesen diffusen Schleier von diesem scheinbaren Makel mal los, das ist doch Quatsch!" Dass sich uns so viele anschließen, auch aus der Branche - Casterinnen, die UFA, Die Deutsche Filmakademie -, das ist gerade sehr überwältigend und toll.

Weitere Informationen
Collage von sechs Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich über das Manifest #actout geoutet haben  Foto: Kalaene/Pedersen/Anspach/Reinhard/Arnold

#actout: Prominente aus Film und Theater fordern mehr Diversität

Mehr Diversität und Sichtbarkeit fordern Menschen aus Film und Theater in dem gemeinsamen Manifest #actout im "SZ-Magazin". mehr

An welchen Stellen in Ihrer Schauspielkarriere haben Sie diesen "Makel" gespürt? Welche Benachteiligungen haben Sie erlebt?

Meckbach: Ich habe erlebt, dass es eine Sprachlosigkeit gibt, wenn ich das geäußert habe. Ich habe gemerkt, dass die Menschen mich anders sehen, als würden sie durch eine andere Brille gucken. Das ist in der Branche sehr weit verbreitet. Ein Kollege, der eine große Rolle in einem Krimiformat zugesagt bekommen hat, hat diese Rolle aufgrund seiner Homosexualität doch nicht erhalten - das könne man sehr schlecht vermarkten. Das ist starke Diskriminierung: Wer kriegt welche Rollen zugeschrieben? Ich gehöre mit meiner Erscheinung und als lesbische Frau noch zu den Priviligierten. Es gibt Menschen aus unserer Gruppe, die non-binär, trans oder People of Colour sind, die mehrfacher Marginaliserung ausgesetzt sind und die es viel schwerer haben. Wir sitzen gemeinsam in einem Boot und wollen die Gesellschaft weiter voranbringen und den Blick dafür schärfen, dass wir umdenken müssen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.02.2021 | 18:00 Uhr