Sendedatum: 22.03.2019 07:20 Uhr

Premiere in Hannover: "Räuber-Ratten-Schlacht"

von Agnes Bührig

Am 9. Januar wäre Heiner Müller 90 Jahre alt geworden. Für das Schauspiel Hannover ein Grund, sich erneut mit seinem Werk zu beschäftigen. "Räuber-Ratten-Schlacht" heißt die Aufführung unter der Regie von Hausregisseur Alexander Eisenach, die Heiner Müllers Theaterstück "Schlacht" aus den 1970er-Jahren mit Schillers "Räubern" und Hauptmanns "Ratten" kombiniert. Gestern war die Uraufführung des mehr als dreistündigen Stückes in Hannover.

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Das Ensemble von "Räuber-Ratten-Schlacht" präsentiert sich im Heiner-Müller-Look.

Eine menschliche Ratte mit langem, dickem Schwanz und Tiermaske ist aus einer Reihe übergroßer goldener Waschmaschinen gekrabbelt. Jetzt muss sie schmutzige Wäsche waschen und schimpft, dass das Braune aus einer Naziflagge mit nur 33 Grad nicht herausgeht. Erst mit 45 Grad ist es möglich. Dazu stimmt oben auf dem mehrreihigen Waschmaschinenstapel ein göttergleicher Chor einen traurigen Sprechgesang an.

Sterben in Zeiten des Faschismus

Sterben in Zeiten des Faschismus - das ist ein wiederkehrendes Motiv in Heiner Müllers "Schlacht". In mehreren freistehenden Szenen thematisiert er zudem Vorteilsnahme, Eigeninteresse und Verrat während des Nationalsozialismus. Verhaltensweisen, die auch beim Bruderzwist in Schillers "Räuber" und im prekären Alltag der Bewohner einer Berliner Mietskaserne in Hauptmanns "Ratten" stark hervortreten. Für Regisseur Alexander Eisenach das Verbindungsglied zu Heiner Müllers "Schlacht": "Bei Müller gibt es immer diesen Moment der Verdichtung. Dabei beruft er sich stark auf Motive der Menschheits- und Literaturgeschichte. Und für mich war es interessant, danach zu suchen und darüber etwas aufzubrechen."

Überlagerung im Bühnenbild

Die Überlagerung geschieht auch szenisch: Zwei riesige Kuben mit milchiger Folie als Außenhaut werden auf der Bühne vor- und nebeneinander geschoben. Darin Interieurs der Aufklärung und des Naturalismus. Hier ein Labor mit Mikroskop und Totenschädel, das an die okkulten Experimente zu Fausts Zeiten erinnert. Dort die bürgerliche Stube mit Standuhr und Sitzgarnitur aus dem 20. Jahrhundert.

Acht Schauspielerinnen und Schauspieler mit schwarzen Jacken und Zigarren  Foto: Katrin Ribbe

Premiere in Hannover: "Räuber-Ratten-Schlacht"

NDR Kultur - Klassisch in die Nacht -

Am Schauspiel Hannover kombiniert Regisseur Alexander Eisenach Heiner Müllers Theaterstück "Schlacht" aus den 1970er-Jahren mit Schillers "Räubern" und Hauptmanns "Ratten".

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Ein buntes, wildes Spiel

Doch immer wieder reißen die Schauspieler die Folie kaputt, wechseln die Jahrhunderte, die Rollen, den Sprachduktus gemäß der verschiedenen Epochen und Sozialschichten - ein buntes, wildes Spiel, manchmal komisch-grotesk, oft verwirrend, zusammengehalten von der Klammer der Ideologien. Regisseur Eisenach sagt: "Es war ein Gedanke Adornos, der sagt: Im Prinzip liegt im Humanismus oder im Idealismus Schillers schon der Faschismus begründet, weil der Idealismus das Kleine zertrampelt, den einzelnen Menschen zertrampelt und sich immer aufschwingt zur großen, übermenschlichen Geste."

Kannibalismus und Bruderzwist

Das Collagenhafte von Heiner Müllers "Schlacht" spinnt das Ensemble in der Verzahnung mit Szenen und Passagen aus den anderen beiden Stücken weiter. Das findet immer wieder Schnittmengen, etwa bei Themen wie Kannibalismus oder Bruderzwist in verschiedenen Epochen. Einen roten Faden sucht man jedoch vergebens. Stattdessen kann man sich an der überzeugenden schauspielerischen Leistung erfreuen, die auch mit unterhaltsamem Slapstick arbeitet und die eigene Schauspielerei aufs Korn nimmt - wie in den "Ratten" von Hauptmann angelegt. Ein Stück für alle mit langem Atem und Interesse an der Theatergeschichte.

Premiere in Hannover: "Räuber-Ratten-Schlacht"

Am Schauspiel Hannover kombiniert Regisseur Alexander Eisenach Heiner Müllers Theaterstück "Schlacht" aus den 1970er-Jahren mit Schillers "Räubern" und Hauptmanns "Ratten".

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspielhaus Hannover
Prinzenstraße 9
30159  Hannover
Kartenverkauf:
Telefon: (0511) 99 99 11 11
Fax: (0511) 99 99 19 99
Montag bis Freitag: 10 - 19.30 Uhr
Sonnabend: 10 - 14 Uhr
Hinweis:
Regie: Alexander Eisenach
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Lena Schmid
Musikalische Leitung: Sven Michelson
Dramaturgie: Johannes Kirsten
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.03.2019 | 07:20 Uhr

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