Stand: 20.03.2019 09:50 Uhr

Theaterstück über Folgen des Utøya-Attentats

von Agnes Bührig
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"Einer von uns" versucht nicht das Attentat von Anders Breivik zu rekonstruieren, sondern Hintergründe und Auswirkungen aufzuzeigen.

In "Einer von uns" analysiert die norwegische Autorin Åsne Seierstad das Leben des Terroristen Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete. Im vergangenen Jahr wurde Seierstad dafür mit dem Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung ausgezeichnet. Die Cumberlandbühne am Schauspiel Hannover inszeniert in Kooperation mit dem Osloer Theater Det norske Teatret ein Stück zu diesem schwierigen Thema.

Der Theaterabend beginnt mit dem Duft unbeschwerter Freizeit: Am Einlass werden frische Waffeln mit Erdbeermarmelade gereicht. Doch schon bald wächst das Gefühl der Unsicherheit: Schauspieler Jonas Steglich bringt peu à peu einen riesigen Kubus in der Mitte der Bühne zum Einsturz, gestapelt aus unzähligen Holzkisten. Dann suchen sich die Zuschauer ihren Platz in den Ruinen des Bauwerks.

Anschläge in Oslo und Utøya 2011: Trauma eines ganzen Landes

Sie sei im Urlaub mit einer deutschen Freundin gewesen, als sie von ihrem Ex-Mann per SMS über die Bombenexplosion in Oslo informiert worden sei, berichtet die Schauspielerin Gjertrud Jynge zu Beginn des Theaterstückes. Jeder spiele sich selbst, sagt die Norwegerin.

"Ich bin Gjertrud. Ich bin 52 Jahre alt und ich bekam einen Schock am 22. Juli 2011 - wie der Rest von Norwegen. Und die Spuren der Tragödie sind immer noch so sichtbar", sagt Jynge. An jedem Tag, an dem sie zur Arbeit gehe, komme sie an den verhüllten Gebäuden im Regierungsviertel vorbei. "Die gleiche Baustellen-Schutzfolie wie sie hier im Theaterraum ringsum an den Wänden hängt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über das nachdenke, was geschehen ist."

Norwegen: Ein Idyll, in dem es rumort

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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer überreicht 2018 Åsne Seierstad den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung.

"Spurensuche nach dem 22. Juli 2011" heißt der Untertitel des Stückes. Zur Vorbereitung ist das Team nach Oslo und Utøya gefahren, um einen persönlichen Zugang zu den Ereignissen zu finden. Dann haben sie Texte gesucht, die sich mit dem Terrorangriff beschäftigen. Die Rede des damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg kurz nach den Anschlägen, ein Essay des Schriftstellers Karl Ove Knausgård, Åsne Seierstads Analyse, aber auch Hans Magnus Enzensbergers Blick auf Norwegen.

Enzensberger analysierte das Land in den 80er-Jahren. Er beschrieb es als Fortschrittslaboratorium und Freilichtmuseum und als ein Idyll, in dem es rumort. Enzensberger ist Gjertrud Jynges Onkel, sie bat ihn um einen Kommentar. "Es ist die Zeit, in der Anders Behring Breivik groß wurde - und ich wollte von Hans Magnus Enzensberger wissen, ob er etwas sehen kann, was uns verborgen geblieben ist", schildert Jynge. "Er gab mir keine Antwort, sondern warf Fragen auf." Hans Magnus Enzensberger fragt, ob es in der kollektiven Psyche der Norweger am "grünen Holz der Demokratie" vielleicht doch etwas latent Gewalttätiges, Fanatisches gibt.

Offenheit und Demokratie statt Wut und Vergeltung

Für den norwegischen Künstler Lars Ø. Ramberg, der das Bühnenbild gestaltet hat, zeigt sich in der Katastrophe vom 22. Juli auch ein Stück mangelnde Selbstkritik in Norwegen. "Man hat sich selbst immer als gute Gesellschaft gesehen, als ideale Demokratie mit Gleichberechtigung, Offenheit für Einwanderung. Wir haben uns immer als die Guten wahrgenommen und wenn man gut ist, wird alles gut", sagt der Künstler, der seit vielen Jahren in Berlin wohnt. "Nach diesem Terror haben wir diese Unschuld verloren, denn jetzt können wir nicht mehr glauben, dass alle gut sind, denn einige sind Terroristen."

Es war kein leicht zu verdammender Fremder, der Norwegen diese Katastrophe angetan hat. Auch in der Theatervorstellung gibt es kein Ihr und Wir. Das wird auch durch Rambergs Bühnenbild deutlich, in dem Zuschauerraum und Bühne ineinander übergehen. Zudem tragen die Holzkisten Schlagworte wie Todesstrafe, Demokratie, Selbstmitleid. Lars Ø. Ramberg hat so einen vielfachen Speakers-Corner erschaffen.   

"Anders Behring Breivik versuchte, junge Politiker zu töten, bevor ihre Stimme ausgereift war und sie die Gesellschaft prägen konnten", interpretiert Ramberg die Intention des Täters. Viele hätten sich danach auf die 77 fokussiert, die getötet wurden. "Ich wollte mich auf die 469 konzentrieren, die überlebt haben." Diese könnten ganz im Sinne der Rede des damaligen norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg für "mehr Offenheit und mehr Demokratie" werben. Denn vor allem will "Einer von uns" die Debatte weiterbefördern - und Zweifel säen, in einem positiven Sinne.

Theaterstück über Folgen des Utøya-Attentats

In dem Stück "Einer von uns" am Schauspiel Hannover werden die Hintergründe des Attentats von Anders Breivik aufgedeckt und die Auswirkungen auf die norwegische Gesellschaft analysiert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspielhaus Hannover
Prinzenstraße 9
30159  Hannover
Preis:
Von 20 bis 25 Euro
Öffnungszeiten:
Kassen im Opernhaus und im Schauspielhaus
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 10 - 19.30 Uhr
Sonnabend 10 - 14 Uhr
Kartenverkauf:
Telefon: (0511) 99 99 11 11
Fax: (0511) 99 99 19 99
Montag bis Freitag: 10 - 19.30 Uhr
Sonnabend: 10 - 14 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 19.03.2019 | 11:20 Uhr

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