Stand: 22.05.2019 13:20 Uhr

Walburgs letzter Streich: "Rotkäppchen und der Wolf"

von Agnes Bührig

In wenigen Wochen endet die Intendantenzeit von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover. Grund genug, sich mit einem Stück zu verabschieden, bei dem das gesamte Ensemble noch einmal zeigen kann, was in ihm steckt. Am Donnerstagabend feiert "Rotkäppchen und der Wolf" von Martin Mosebach seine Premiere.

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Sarah Franke spielt in dem Drama am Schauspiel Hannover das Rotkäppchen.

Zwölf Herren im Frack stehen auf silbern glänzendem Grund und philosophieren über den Wald. "Tanne" steht in weißen Lettern auf jeder ihrer schwarzen Notenmappen. "Der Mond sei launisch, hat man uns zum Überdruss gesagt. Wir können an dem weißen Auge keine Laune finden." Zu den Tannen gesellen sich alsbald Wesen des Waldes - Schauspieler in schwarzen Ganzkörperanzügen. Auf der Brust verkünden weiße Buchstaben ihre Namen: Es sind Spinne und Fliege sowie Fuchs und Gans, die miteinander um Leben und Tod ringen.

Der Kreislauf des Lebens

"Mein Schnattern mag hier sinnlos klingen, denn leblos stehn die Waldkulissen, und um als Schwan im Tod zu singen, mag man die Eleganz vermissen", dichtet die Gans. Der Wald dient als Zauberkulisse, durch die das Rotkäppchen alsbald gehen wird. Er ist aber auch Synonym für den Wandel, in dem sich nicht nur Pflanzen und Tiere befinden, sondern auch das Schauspiel Hannover. Die einen gehen, die anderen kommen, der ganz normale Lebenszyklus eines Theaters, der künstlerischen Metamorphose. "Es ist immer eine endlose Kette, also die Fliege, die in die Leiche die Maden legt - das ist natürlich auch Leben, da entsteht neues Leben", sagt Tom Kühnel, der Regisseur der Inszenierung. "Der Tod ist kein Ende, sondern der Tod ist immer der Übergang in einen anderen lebenden Zustand. Das ist zwar für das Einzelwesen sicherlich bedauernswert, dass es jetzt stirbt, aber letztendlich geht das Leben weiter."

Gelungene Visualisierung von Mosebachs Versdrama

Das erfährt in höchstem Grad auch das Rotkäppchen, doch zunächst liegt es am Boden, eingerahmt von einem riesigen Berg Haare und kämmt sich: "Hier kann ich kämmen, ernst und konzentriert." Sinnlich und absurd gleichermaßen ist diese Szene - eine gelungene Visualisierung von Martin Mosebachs Versdrama aus dem Jahr 1988. Der Büchner-Preisträger erforscht die Fülle sprachlicher Facetten, improvisiert mithilfe von Wortschatz und Grammatik, erschafft Onomatopoesie - also die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen. Rotkäppchen dient ihm dabei als Grundgerüst für einen Handlungstrang, der Raum fürs Abschweifen bietet. "Es ist so lang wie Faust II, ist auch ungefähr so ähnlich inhaltsreich wie Faust II", erklärt Kühnel. "Anhand aber einer sehr simplen Story, die jeder kennt, wird eigentlich jeder Moment angehalten. Und da gibt es jetzt Exkurse oder Abwege - und das ist irgendwie auch das Schöne an der ganzen Sache."

Parodie auf die vergangenen zehn Jahre

Genau so ein kurvenreiches, verschlungenes Muster weißt die romantische Tondichtung über den Fluß Moldau auf, die der Musiker Tomek Kolczynski für das Stück ausgesucht hat. Dazu kommen literarische Anspielungen, die von Iphigenie über Wallenstein bis zu Alice im Wunderland reichen. Es ist eine Literaturparodie, die gespickt mit Erinnerungen an die vergangenen zehn Jahre ist. "Das war schon der Ausgangspunkt der Überlegungen bei der Suche nach dem, was man jetzt am Schluss macht", sagt Tom Kühnel. "Hört man jetzt mit einem politischen Statement auf oder hören wir lieber mit so einem Fest des Theaters auf." Kühnel hat sich für das letztere entschieden. Es ginge in dem Stück nicht vollkommen um "L'art pour l'art", also um Kunst, um der Kunst willen. Aber es sei kein Stück, das irgendwie unmittelbar auf aktuelle politische Ereignisse reagiere.

"Rotkäppchen und der Wolf" ist eine gelungene Wahl. Nicht zuletzt wegen der wunderbaren Kostüme von Marysol del Castillo, die Steinpilze im Priestergewand, freche Hasen und mystische Raben erschaffen hat. Und wegen des verzaubernden Bühnenbilds von Jo Schramm, in dem Mal Lichtreflexe schneien, Mal grafisch gestaltete Pappeln in Videoprojektion aus dem Boden wachsen.

Walburgs letzter Streich: "Rotkäppchen und der Wolf"

In wenigen Wochen endet die Intendantenzeit von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover. In "Rotkäppchen und der Wolf" kann das gesamte Ensemble noch einmal zeigen, was in ihm steckt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspiel Hannover
Prinzenstr. 9
30159   Hannover
Telefon:
Karten: (0511) 99 99 11 11
Hinweis:
nach dem Versdrama von Martin Mosebach. Mit Sarah Franke, Lisa Natalie Arnold, Johanna Bantzer, Jakob Benkhofer und anderen.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.05.2019 | 19:00 Uhr