Stand: 16.10.2019 20:29 Uhr

"Literatur sollte keine neue Wirklichkeit kreieren"

Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises hat Saša Stanišić den Literaturnobelpreis für Peter Handke kritisiert. Der Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur, Ulrich Kühn, hat Stanišić auf der Frankfurter Buchmesse zum Gespräch getroffen und mit ihm über diese aktuelle Debatte und über sein Buch "Herkunft" gesprochen.

Das Gespräch zum Nachhören
29:53
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Saša Stanišić über sein Buch und Peter Handke

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Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises hat Saša Stanišić den Literaturnobelpreis für Peter Handke kritisiert. Im Interview nimmt er Stellung dazu und spricht über sein Buch "Herkunft". Audio (29:53 min)

Herr Stanišić, Sie haben in Ihrer Dankesrede für den Buchpreis die Entscheidung, Peter Handke den Literaturnobelpreis zuzuerkennen, scharf kritisiert. Sie haben sich echauffiert, der Nobelpreis für Handke, der das Serbien der Milošević-Zeit als ungerecht behandelt und von der Weltöffentlichkeit geschunden sehen wollte, und das in den 90er-Jahren in seinen Texten auch so schrieb, vermiese Ihnen die Freude am eigenen Preis. Sie wirkten traurig, zornig, fast ein bisschen bitter. Sie haben unter anderem gesagt: "Das ist komisch, dass man sich die Wirklichkeit, indem man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht." Das soll Literatur eigentlich nicht. Das Gegenteil der Lüge wäre ja auf den ersten Blick die Wahrheit. Ist denn Literatur ein Medium der Wahrheit?

Saša Stanišić: Sie werden vielleicht überrascht sein von der Antwort, aber ja, auch dann, wenn Literatur von Drachen erzählt und von lila gefärbten Haaren, die niemals lila gefärbt waren. Es gibt eine textimmanente Wahrheit, es gibt aber auch eine geschichtliche Wahrheit, eine tatsächliche Wahrheit, die mal mehr, mal weniger in literarische Texte hineinwirkt. Und als Schriftsteller ist man eine Art Kurator einer solchen Wirklichkeit, kann also jederzeit entscheiden, in welchem Grad man sie ändert, in welchem Grad man hinzuerfindet, in welchem Grad man auslässt, weglässt; Ereignisse, die als gegeben, als wahr gelten, anders beschreibt, anders sieht. Das Schöne an Literatur ist, dass all das geht und selbstverständlich auch gemacht wird.

Jetzt aber kommt die Schwere der Erfindung, also das, was erfunden wird. Sagen wir, es gibt einen Käse, der in einem Text angeschnitten ist, der in Wirklichkeit aber nie angeschnitten wurde. Dann hat der Autor sich eben entschieden, eine Scheibe Käse zu beschreiben und sie in dieser texteminenten Wirklichkeit angeschnitten zu haben. Eine andere Sache ist es aber, zu leugnen, dass in einem Fluss Leichen liegen, dass in einem Haus 59 Menschen bei lebendigem Leib angezündet worden sind, die Frage nach der Täterschaft, die gerichtlich bezeugt und entschieden ist, zu widerlegen. Ich rede hier von einer Gewichtung der "Lüge". Was ermächtigt einen Autor, die Entscheidung zu treffen, Kurator dieser "Wirklichkeit" zu sein? Das ist eine Frage, auf die ich selber keine Antwort habe. Ich merke nur, dass alles an mir, jeder moralische Kompass - und der hat nichts mit meiner bosnischen Herkunft zu tun - nein sagt. Literatur sollte sich da, wo es solche Tatsachen gibt, nicht darüber hinweg stellen und eine neue Wirklichkeit kreieren.

Hätte denn Literatur prinzipiell das Recht oder auch das Privileg, auf eine andere Art politisch zu sein als das, was wir im Alltag so nennen?

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Stanišić: Ja, absolut. Es ist ja das große Privileg eines jeden Literaturschaffenden, dass er tatsächlich die Möglichkeiten der Erfindung und der Erweiterung von Wirklichkeit hat, um etwa auf politische Missstände aufmerksam zu machen, aufzuklären. Literatur ist oft mit Recherche verbunden und - hoffentlich - mit großen Auseinandersetzungen der Autoren mit dem Ort, mit den Menschen vor Ort. Ich begreife diese Möglichkeiten als Chance, auch des Phantastischen Realismus, den wir in der südamerikanischen Literatur sehen, die hochpolitisch ist. Man darf da sogar die Toten, auch die Täter zur Sprache kommen lassen - all das sind wunderbare Mittel, Literatur als Medium, als Aufklärungsmittel in Szene zu setzen. Nur wird es dann fragwürdig, oder hart und schmerzhaft, vor allem für Hinterbliebene der Opfer, wenn man das verdreht, wenn man neue Tatsachen schafft und das als Literatur hinstellt.

Der folgende Satz stammt tatsächlich von Peter Handke. Er ist von 1967 aus dem Essayband "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms": "Die Wirklichkeit der Literatur hat mich aufmerksam und kritisch für die wirkliche Wirklichkeit gemacht." Wäre das etwas, was Sie in dieser puren Formulierung erstmal unterschreiben könnten?

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Stanišić: Absolut. Ich kenne den Satz auch. Es ist eine Art und Weise, vielleicht sogar eine Schutzmaßnahme eines jeden Autors, zu sagen: Die Grenzen des Sagbaren sind, was Literatur und Fiktion angeht, sehr, sehr, sehr weit. Man schützt sich vor möglichen Angriffen, weil man sich in dieser Situation nur der Mittel der Fantasie und der Erfindung bedient. Aber auch da darf man die Verantwortung nicht außer Acht lassen, die man als Autor hat. Man spricht mit diesen Texten immer noch zu Menschen, die es gibt oder gegeben hat. Es gilt, so etwas wie Anstand, Treue und zumindest einen Versuch, auch Gegenpositionen zu vertreten, in Texten zu beachten und sich auf mehr zu verlassen als nur das eigene Gerechtigkeitsempfinden.

Peter Handke hat verärgert auf Fragen nach Ihrer Kritik reagiert und gesagt: "Ich stehe vor meinem Gartentor, und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Immer nur: Wie reagiert die Welt? Ich bin doch Schriftsteller. Ich komme von Tolstoj, von Homer, von Cervantes. Lasst mich in Frieden. Stellt mir nicht solche Fragen." Sie haben maximale Wirkung erzielt, könnte man sagen.

Stanišić: Im Grunde hat er vollkommen Recht. Die Serbien-Texte von Handke habe ich mir nicht jetzt zu Gemüte geführt; die sind seit vielen Jahren da. Ich versuche, meine eigene Aufmerksamkeit, die wach geworden ist gegenüber dem, was in diesen Texten passiert, ein bisschen öffentlich zu machen, damit ein Gespräch darüber stattfindet. Ich bin neugierig auf die Ergebnisse von diesem Gespräch. Wo ist die Grenze zwischen Autor und Text? Wir sprechen über literarische Verfahren, wir sprechen über eine Ästhetik der Wahrheit - all das war mein Anliegen. Ich möchte, dass man sich Gedanken macht, wie man über solche Momente der Krise, des Krieges spricht. Was wäre, wenn das ein Autor wäre, der etwas von der deutschen Geschichte leugnen würde? Ein total unfairer Vergleich - dennoch steht er im Raum. Literatur ist doch ein super Mittel, Geschichte wieder zurück ins Gespräch zu holen.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal plus | 16.10.2019 | 19:30 Uhr

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