Lars Eidinger als "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen 2021 © Karl Schöndorfer / picturedesk.com Foto: Karl Schöndorfer

Ein Berliner Junge in Salzburg: Lars Eidinger ist "Jedermann"

Stand: 19.07.2021 09:50 Uhr

Die Rolle des Jedermann bei den Salzburger Festspielen gilt als eine Ehre, die nur den berühmtesten Theaterschauspielern zuteil wird. Seit Sonnabend gehört auch Lars Eidinger zu diesem Kreis.

Lars Eidinger als "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen 2021 © Karl Schöndorfer / picturedesk.com Foto: Karl Schöndorfer
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Kurz vor der Premiere des Stücks "Jedermann" hat NDR Kultur mit Lars Eidinger über sein Profil der Rolle, Salzburg, die Gesellschaft, weiße Männer und das Theater gesprochen.

Herr Eidinger, eigentlich darf man jetzt schon vor der Premiere gratulieren, Sie befinden sich auf Augenhöhe mit den Allergrößten ihres Fachs. Wie fühlt sich das an?

Lars Eidinger: Das ist mir neulich auch bewusst geworden, als ich diese Ahnen-Galerie durchgegangen bin. Angefangen mit Moiti, der damals der erste Jedermann war, sind da wahnsinnig viele Schauspieler dabei, die ich sehr bewundere. Mit "Augenhöhe" bin ich mir da nicht so sicher, aber auf jeden Fall steht jetzt mein Name als letztes da, und das ist für mich schon etwas Besonderes. Auch weil in der Tradition vorrangig österreichische Schauspieler die Rolle übernommen haben - da wundere ich mich ein bisschen, dass jetzt Lars Eidinger aus Berlin-Marienfelde in Salzburg auf dem Domplatz steht und den Jedermann gibt.

Die große Herausforderung in dieser Tradition ist, dem Jedermann ein eigenes Gesicht, ein eigenes Profil zu geben. Wie wird Ihres sein?

Eidinger: Ich habe ja nur mein Gesicht. Es ist natürlich jedes Mal abhängig von dem Darsteller. Das ist schon verrückt in der Theatergeschichte, dass diese Rollen durch die Personifizierung eine ganz andere Qualität erfahren - ob das Hamlet ist, oder Richard III oder in dem Fall Jedermann. Ich habe mich sehr darauf besonnen, woher das Stück kommt und was das Stück eigentlich will, und war etwas überrascht, dass in der Hinsicht ein bisschen verklärt, dass man sagt, man schaue dem reichen Mann beim Sterben zu. Es gibt ja den Untertitel "Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes", und das ist in gewisser Weise ein Missverständnis, weil sich die Leute kurioserweise in diesem reichen Mann nicht sehen. Mein größter Anspruch war, dass ich der Idee des Stilmittels der Allegorie auf die Schliche kommen wollte: Was ist damit gemeint, dass das Stück "Jedermann" heißt? Ich habe tatsächlich versucht, es auch wortwörtlich zu nehmen. Damit sind wir gemeint, "jedermann" - und interessanterweise nicht jede Frau und nicht jeder Mensch, sondern jedermann. Ich glaube, es ist ein Sittengemälde unserer Gesellschaft, und es wird auch thematisiert und problematisiert, dass das eine Gesellschaft ist, die absolut männerdominiert ist. Es ist kein Zufall, dass der Mann da 90 Prozent Sprechanteil hat und die Buhlschaft, die prominenteste Nebenrolle in der Theatergeschichte, 40 Zeilen. Wir sind aufgefordert, uns darin wiederzufinden.

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Aber gehört das Ganze nicht ein bisschen entstaubt? Denn es ist angelehnt an mittelalterliche Mysterienspiele. Darin kommt Gott und der Erzengel Michael vor, die Tod und Teufel gegenüber stehen, und das Ganze mündet darin, dass der Jedermann dem Teufel abschwört, dem lieben Gott folgt und alles ist gut. Das ist ein bisschen anachronistisch, oder?

Eidinger: So ist es aber auch nicht. Da muss man sich die Mühe machen und noch mal genau lesen. So ist es vielleicht mal interpretiert worden, aber ich glaube, man liegt da ziemlich falsch. Es ist nicht die Message, soweit ich es verstehe, dass er am Ende bekehrt wird, geläutert ist und am Ende auf dem Domplatz steht und an Gott glaubt und jetzt sterben kann. Ich glaube, so einfach hat es sich selbst Hofmannsthal nicht gemacht. Da gibt es einen Satz, über den ich gestern in der Probe gestolpert bin: Da begegnet der Jedermann seinen Werken und sagt: "Und dich hab ich mögen erkennen nicht!/War so verblendet mein Gesicht!/O weh, was sind wir für Wesen dann,/Wenn solches uns geschehen kann!" Ich glaube, es geht darum, die Werte zu hinterfragen, nach denen wir leben, und zu überprüfen, was bleibt, wenn man unmittelbar mit dem Tod konfrontiert ist. Ich glaube, es geht grundsätzlich darum, sich als Gesellschaft zu hinterfragen. Im Zentrum steht der alte weiße Mann, und es ist ein Abgesang auf das Patriarchat, weil man diese Gesellschaft scheitern und zugrunde gehen sieht. Verlangt wird vordergründig nicht nach dem Glauben an Gott, sondern nach der Suche nach sich selbst. Und sich die Frage zu stellen: Was sind eigentlich meine Werte? Was sind meine Ideale, mit denen ich durchs Leben gehe?

Im Vorfeld der Premiere ist - zumindest auf dem Boulevard - sehr stark über Verena Altenberger geschrieben worden, die diesjährige Buhlschaft. Es ging in erster Linie um ihre Frisur, weil sie sich durch ihre letzte Rolle einen Kurzhaarschnitt hat zulegen lassen. Das wird dem nicht gerecht, oder?

Eidinger: Nein, das spricht genau dafür, dass die Leute gar nicht verstehen, worum es in dem Stück eigentlich geht. Ich bin im Vorfeld gefragt worden, ob unsere Inszenierung Salzburg wieder zu altem Glanz verhilft - und ich glaube tatsächlich, dass es Hofmannsthals Anspruch war, diesen Glanz aufzubrechen. Insofern finde ich toll, dass dieses Stück hier stattfindet, dass man es auch zulässt, dass man sich auch diese Kritik gefallen lässt. Man muss sie erstmal annehmen, man muss sie erstmal als solche verstehen. Wenn man sich überlegt: Da geht es um jemanden, der für unsere Gesellschaft steht, und der stirbt - es ist also ein Abgesang auf unsere Gesellschaft. Und dann redet man im Vorfeld über die Frisur der Buhlschaft - das ist schon relativ kleingeistig und armselig, da gebe ich Ihnen absolut Recht.

14 Aufführungen, 2.500 Zuschauerinnen und Zuschauer jedes Mal - das sind insgesamt 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Das ist ein gesellschaftliches Großereignis, dieses Stück, von dem Sie sagen, damit werde der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. Wie geht das zusammen?

Eidinger: Genau so. Ich stolpere auch ständig über diese Sponsoren - das habe ich ja nicht in der Hand. Aber ich bin doch überrascht, wenn im Aufenthaltsraum ein Plakat hängt, auf dem "Nestlé" und "Audi" steht, und da schreiben die Schauspieler noch Grüße und signieren diese großen Konzerne. Ich bin da ein bisschen vorsichtig, auch in dem Bewusstsein, dass ich dadurch in meinem Weltbild angegriffen werde. Das ist eigentlich der wichtigste Punkt: auch dass ich mich dem nicht entziehe. Der alte weiße Mann, der im Moment kritisiert wird und der als Galionsfigur unserer Zivilisation steht, der wird da infrage gestellt, und den repräsentiere ich natürlich, da darf ich mir nichts vormachen.

Ich habe einen Text eingebaut von Bertolt Brecht aus der "heiligen Johanna der Schlachthöfe". Da beschreibt die heilige Johanna das System als ein Schaukelbrett: Es seien wenige oben und viele unten, und die oben schreien herunter: "Kommt doch rauf, damit wir alle oben sind". Dann erkennen sie, dass das, was sie verbindet, kein Weg ist, sondern ein Schaukelbrett. Und die oben sind nur oben, solange die anderen unten sind. Und unten müssen es auch mehr sein, sonst hält die Schaukel nicht. Und das beschreibt genau unser System: Wir sind die, die oben sind, und was wir nicht verstehen - und deswegen wird sich auch langfristig nichts verändern, da bin ich mir sehr sicher -, ist, dass wir die anderen nicht auf unser Niveau hochhieven können. Sondern um Gleichberechtigung herzustellen, müssen wir absteigen. Das kann man auf alle Debatten übertragen. Das begreifen wir nicht. Wir glauben, das Gleichberechtigung heißt, dass alle auf unser Niveau aufsteigen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 16.07.2021 | 18:00 Uhr